Marcus Hernig

China mittendrin

13.11.2009 | 13:46

Erinnerungskulturen 1949-1989-2009

9.November 1989, Mauerfall in Deutschland - genau fünf Monate und drei Tage nach der Niederschlagung der Demokratiebewegung auf dem Platz des himmlischen Friedens. Eine Nation im Freudentaumel, eine andere in Erstarrung. Am 23.Mai 1949 wurde das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verabschiedet und damit der neue deutsche Staat faktisch gegründet, am 1.Oktober 1949 rief Mao Zedong die Volksrepublik China aus.

1949-1989-2009. Drei Jahreszahlen verbinden die an sich so ungleiche kleine Bundesrepublik, die sich immerhin 60 wackere Jahre lang als demokratischer Staat etabliert mit dem Riesenreich am Gelben Fluss, das seit 20 Jahren weiteren Versuchen mit der Demokratie eben so erfolgreich widersteht.

Deutschland hat eine reiche Kultur der Erinnerung, die allerdings sehr stark auf das fokussiert ist, was sich vor 1949 ereignete. Das was nach 1949 sich ereignete, stand stets im Schatten dessen, was in den unseligen Jahren davor passierte, ganz besonders bis zum zweiten wichtigen Datum 1989. Es galt den Nationalismus klein zu halten, klein zu machen, so klein, dass er ein ausreichend kleines Format für ein Europa hatte, in das man sich eingliedern konnte. Das Kleinhalten war am Ende erfolgreich.  1989 machte Deutschland wieder größer, aber nur innerhalb eines stabilen Geflechts aus Anpassung und Erinnerung, das sich Europa nannte. Und auch das war am Ende gut - zu gut wie viele Kritiker aus dem Ausland meinten und dann überraschend unverkrampft reagierten als mit einem Male zu einer noch allen gut erinenrten Fußballweltmeisterschaft wieder deutsche Fahnen wehten. Doch auch dieses Aufbegehren einer Nation hatte das stabile Geflecht des europäischen Gedächtnis sachte abgefedert.Deutschland erinnert sich mit seinen wichtigen "9er"-Daten daran, dass es einmal zu groß auf Kosten anderer werden wollte und sich nun auf gesundes Mittelmaß gesundgeschrumpft hat.

Für China jedoch bedeuten die "9er" Daten 1949-1989-2009 Überwindung der Anderen und Aufstieg zum nationalen Selbst, vielleicht zur ultimativen Größe, wenn der Niedergang der USA endgültig besiegelt ist (abzusehen ist er nun mehr als deutlich). 1949 stellte der Bauernaufständler Mao in alter Tradition die stabile Dynastie wieder her. Doch statt Kaisergelb wehte nun kommunistisches Rot über der Verbotenen Stadt, die wieder verboten wurde für das einfache Volk - zumindest teilweise, nämlich dort, wo die neuen Kaiser residierten. Der alte Drachen hatte sich erhoben und den Widersacher "Internationalität" und Integration in die Welt erfolgreich abgestreift. 1989 konnte dies erfolgreich gegen eine Handvoll unorganisierter Studenten und Demokratie-Träumer verteidigt werden. Denn - was wiegt im Land des Milliardenvolkes schon eine Millionen aktiver Unzufriedener? Und in  den vergangenen 20 Jahren? Wirtschaftlicher Boom, Beschäftigung mit sich selbst und dem Aufbau, zufriedener Nießbrauch von allen Seiten der Welt am Dollargenerator China stärkte das chinesische Single-Gefühl der starken Nation. Die, die früher am Tropf der imperialen Mächte des Westens hingen, hängten von 1989 bis 2009 den Westen erfolgreich an ihren Tropf und breiteten Vergessen über das, was 1989 passierte. Erinnert Euch an das was China guttut - die Erfolge des Großen Vorsitzenden, die Reformpolitik des Herrn Deng und vergesst alle unerwünschten Nebenwirkungen ist Chinas Credo und war es schon immer. Ein erfolgreiches Festhalten an konfuzianischen Prinzipien und konsequente Ablehnung von Experimenten garantierte ein mehrtausendjähriges Reich - genau daran orientiert sich die Dynastie heute wieder, in dem sie Erinnerungen zu steuern versucht. Deutschland erinnerte sich in den 60 Jahren seiner bundesrepublikanischen Geschichte vor allem der Nebenwirkungen seiner Entwicklung - und wird damit sicher nicht aufhören.

 

 

 

 
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