Marcus Hernig

China mittendrin

16.01.2010 | 10:24

Googlemania

"Wo lai baidu yixia" - so googlet man in China. Nicht Google, sondern Baidu ist siegreich aus der Schlacht um den großen Suchmaschinenkampf im Reich der Mitte, auch das Reich der unbegrenzten Unmöglichkeiten genannt, hervorgegangen. Die Schlacht ist längst geschlagen, der Weltmarktführer hat verloren. 70 Prozent aller chinesischen Internet-Nutzer wählen längst den landeseigenen Sucher und nur 30 den Weltmarktführer.

Pech gehabt.  Man grollt, und zetert und erinnert sich mit einem Male, dass man sich ja in einem Land engagiert hat, das die Menschenrechte mit Füßen tritt. Besonders die eigenen - nämlich überall auf der Welt wie gewohnt die Nummer 1 zu sein und alle Konkurrenten aus dem Felde geschlagen zu haben. Nun fühlt man sich attackiert, von der staatlichen Zensur verfolgt, sieht sich von der Täterrolle als großer Akteur auf dem Gigantenmarkt in die Opferrolle des Attackierten gedrängt.

Dabei wusste Google sehr genau, worauf man sich einließ, als man nach China kam und hat die Einschränkungen durch die chinesische Staats-Gesichtwahrung, Zensur geannt, durchaus akzeptiert. Wie alle übrigens, die, wie Microsoft-Chef Steven Ballmer es ausdrückte, hier längst Attacken als Alltagsphänomen gewohnt sind und achselzuckend weitermachen. Nur ist Microsoft vorne - trotz unendlicher Raubkopisten, die sich ihr kleines Einkommen im Grau der chinesischen Schattenwirtschaft sichern (übrigens auch ein wichtiger Faktor sozialer Stabilität im Lande: Wer faket hat einen Job und fällt nicht dem fehlenden Sozialstaat zur Last). Google ist im Hintertreffen und hat verloren - gegen die Gelben, gegen "Baidu"  , die nationale Suchmaschine Chinas. Dabei hat man doch alle Allianzen geschlossen, um das eigene Monopol zu sichern. Ist in sämtlichen Browserleisten präsent - und dann wagen es die chinesischen Hauptkunden, die "nach 80er", wie die jungen "white collars" hier heißen, diese auch in chinesischen Browsern einladenden Google-Fenster einfach zu umgehen - den Umweg zu "Baidu" zu machen.

Da wird man schnell zum Gutmenschen und schlägt die Trommel von Verfolgung und Menschenrechtsverletzung. Wer groß genug ist, hat damit zumindest weltweiten Erfolg. Nun solidarisiert sich schon die US-Regierung mit der Firma Google, einem ihrer eigenen Starkämpfer in der Wirtschaftsschlacht des 21.Jahrhunderts und damit gleichzeitig einem der letzten Vertreter des schönen American Dream.Den gilt es in Zukunft zu verteidigen gegen einen immer anspruchsvolleren Chinese Dream von der stärksten Wirtschaftsmacht der Welt - mit "Baidu", "Lenovo" und anderen. Na dann  - auf in den nächsten Kampf!

 

 

 

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
merdeister schrieb am 16.01.2010 um 10:34
Bei der Verdichtung ist das eine oder andere verloren gegangen.
Knüppel schrieb am 16.01.2010 um 10:51
Vielleicht interessiert, in diesem Zusammenhang, die umfangreiche SPIEGEL-Titelgeschichte "Google - Der Konzern, der mehr über Sie weiß als Sie selbst" (SPIEGEL Nr. 2/11.01.10),
Link: www.spiegel.de/spiegel/print/index-2010-02.html
Marcus Hernig schrieb am 16.01.2010 um 11:54
Vielen Dank - das ist sehr interessant und scheint passend zu den "Gutmenschen" von Google.
Marcus Hernig
Nachbar in China
Ort:
Shanghai
Mitglied seit:
2 Jahre 23 Wochen
Zuletzt aktiv:
16.01.2010
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 8
Kommentare: 1
Mein Projekt:
Mein Web:
Logbuch
07:59
Helena Neumann hat gerade einen Kommentar geschrieben.
07:58
Helena Neumann hat gerade einen Kommentar geschrieben.
07:27
mklingma hat gerade einen Kommentar geschrieben.
07:25
tlacuache hat gerade einen Kommentar geschrieben.
07:12
ch.paffen hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Liebeshandlung - Eugenides

Berlinale

Freitag_Salon

PortletSalon_120216.png

Christoph von Marschall Was ist mit den Amis los? Herder Verlag 2012

260 Seiten. Gebunden.

18,99
 
Warum sie an Barack Obama hassen, was wir lieben. 2012 steht in den USA im Zeichen des Präsidentschaftswahlkampfs und auch Europa schaut gespannt zu. Christoph von Marschall erklärt die unterschiedlichen politischen Kulturen dies- und jenseits des Atlantiks und entlarvt typische Vorurteile auf beiden Seiten >> mehr
Occupy

portlet_occupy.png

Rote Perlen

wir müssen reden

IGEL

portlet_IGEL.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Café Moskau

Ausgabe 07/12
16.02.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_05_06.jpg

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG