Eklat um Eklat - und das Wochen bevor die größte Bücherschau der Welt überhaupt begonnen hat. Jürgen Boos, Chef der Frankfurter Buchmesse wirkt gestresst und scheint kaum noch auf die kritischen Nachfragen der Journalisten antworten zu können und zu wollen. Ein aktuelles Interviews mit Deutschlandradio Kultur zeigte dies deutlich. Jetzt schon wieder so ein schriftstellernder Unglücks-Fall aus dem Reich der Mitte: Liao Yiwu. Nicht einreiseberechtigt zur Bücherschau. Von chinesischer Seite unerwünscht. Was hat der gute Herr Boos sich da nur aufgeladen - und warum können Bücher aus dem Reich der Mitte nicht so glänzen, wie die neuesten Waschmaschinen und Notebook-Computer aus der Weltfabrik?
Dieser Liao Yiwu ist schon ein verdammtes Ärgernis. Schreibt er doch über diejenigen, die für China, Deutschland und die Welt arbeiten. Schreibt er doch über landlose Bauern, Wanderarbeiter und Fabrikarbeiterinnen. Und das passt China eben nicht - aber komischerweise der Welt! China möchte seinem Auftraggeber doch nur ein sauberes Bild abliefern. Auch in Sachen Literatur. Ein Bild ohne Schandmale und ohne Menschen, die eh keiner kennt: In erfolgshungringen China nicht und im satten Westen schon gar nicht. Und China ist es gewohnt, dass diese Glanzbilder immer lächelnd und komplimentierend abgenommen werden: Von höchsten Wirtschaftsführern und Politikern genauso wie von staunenden Touristen - aus aller Welt.
Und jetzt regt sich die Welt schon wieder auf - nur weil man auf der Buchmesse schöne Literatur zeigen möchte. Spricht die Welt nicht von schöner Literatur? Belletristik? Und nun will sie nur häßliche Literatur sehen?
Ist Liao Yiwu denn interessant? Eine wirkliche Größe von Enthüllungsliteratur? Ein chinesischer Günter Wallraff? Westliche Literaturexperten sitzen in Erwartungshaltung über ihren Tasturen. Feuilletons goßer Zeitungen warten darauf gefüllt zu werden. Doch sie sind zu enttäuschen. Was hat Liao Yiwu denn zu enthüllen? Wer die Menschen sehen möchte, die der beschreibt, muss nur einen ganzen Tag einmal eine chinesische Baustelle beobachten oder jenseits ausgetretener Touristenpfade die nahen Landregionen besuchen. Was ihn auszeichnet sind Nähe zu seinen Protagonisten und ausgeprägte Hartnäckigkeit. Das zusammen hat ihm Gefängnis eingebracht.
Nun - so heiß, wie es derzeit schon in Sachen Frankfurter Buchmesse 2009 hochgeht, wird es sicher weitergehen, wenn dann wirklich die Messe am 14. Oktober eröffnet ist. Schon jetzt ist klar, dass sich dort geradezu bürgerkriegsähnliche Zustände entwickeln könnten. Aufgebrachte Dissidenten, seit den späten 80ern nicht mehr in China zuhause, die endlich eine Plattform haben werden, gegen das verhasste Regime auftreten zu können, könnten zu Hunderten die Messe belagern - und sie werden sogar als gefeierte Exilautoren vorlesen. In Ai Weiwei, dem mutigen Aktionskünstler, haben sie eine starke Führerfigur, doch sind diese Menschen so starke Individuen, dass jeder sich selbst führen wird - so wie es die Dissidentin Dai Qing bereits deutlich auf jenem Frankfurter Skandalsymposium vom 12. und 13. September gezeigt hat.Dann die Altherren- und -damenriege der grauschwarzen Kader aus dem roten Reich - endlich auch mal mit der Chance, eine eigene Plattform zu haben, von der aus man weiterreisen kann, auf Staatskosten durch Europa. Und die Schriftsteller, die man mag und gern dazu mitnimmt. Nun denn - endlich tut sich einmal was in Sachen "pluralem China" in Frankfurt, auf deutschem Business-Parkett. Kopf hoch, lieber Herr Boos, vielleicht wird diese Buchmesse ein wenig Geschichte machen und so endlich auch mal die Literatur im Mittelpunkt stehen!
Ausgabe 06/12
09.02.2012
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