Margareth Gorges

Margareth Gorges

06.04.2011 | 10:07

Interview mit Günter Wallraff

Ich hoffe, dass in den Verlusten auch ein Zeichen von Abwendung steckt“ – Interview mit Günter Wallraff

Verantwortlich: Jens Berger

Die Otto-Brenner-Stiftung (OBS) hat wieder einmal einen kritischen Blick auf die Berichterstattung der deutschen Medien geworfen. Nachdem die Autoren Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz im letzten Jahr den Wirtschaftsjournalismus vor und während der Wirtschafts- und Finanzkrise begutachteten, analysierten sie in diesem Jahr die Berichterstattung Deutschlands auflagenstärkster Tageszeitung während der Euro- und Griechenlandkrise. Die Studie »Drucksache „Bild“ – Eine Marke und ihr Mägde« wird heute im Printformat veröffentlicht und am Freitag ausführlich auf den NachDenkSeiten vorgestellt. Bereits heute möchten wir unseren Lesern das Interview der OBS-Autoren mit dem Enthüllungsjournalisten und BILD-Kenner Günther Wallraff vorstellen.

Herr Wallraff, wie beschreiben Sie „Bild“?

WALLRAFF: Sie ist eine Art Wundertüte, da ist alles drin – Unterhaltung, menschliche Dramen, zum Konsum aufbereitet, Sex, Verbrechen, Appelle an niedere Instinkte. So verschieden die Themen auch sind, in einem gleichen sie sich: Es durchzieht sie der Charakterzug der mal subtilen, mal grobschlächtigen Beeinflussung. Es gibt ein Meinungsdiktat. Das gilt für jede einzelne Geschichte: Das ist die Wahrheit, hier steht sie, so war und so ist das. Und es gibt ein Diktat, welches das gesamte Blatt prägt. Eine sehr eindeutige Haltung, vor allem wenn es um politische Interessen geht. „Bild“ bedient immer die Interessen des konservativen Lagers, das ist eine Konstante. Das gilt vor allem, wenn Wahlkampf ist. Da ist Verlass auf „Bild“: Es wird immer der jeweils konservativste Kandidat unterstützt und der andere entweder ignoriert oder offen bekämpft. Das hat sogar Gerhard Schröder in seiner Amtszeit zu spüren bekommen, obwohl er sich dem Blatt für jede Homestory öffnete, obwohl er sich einen „Bild“-Mann als Regierungssprecher holte, obwohl er Hardliner-Sprüche losließ gegen Sexualstraftäter und straffällig gewordene Ausländer, obwohl er „Bild“ adelte, indem er sagte, er brauche zum Regieren nur „Bild“, „BamS“ und „Glotze“. Im Wahlkampf hat ihm das dann nichts mehr genützt …

Aber den Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber im Jahr 2002 und Angela Merkel im Jahr 2005 hat es umgekehrt letztlich doch auch nichts genützt …?

WALLRAFF: Das ist vom Ergebnis her in diesen beiden Fällen richtig. Von „Bild“ unterstützt zu werden, das ist heute – im Gegensatz zu früher – weniger denn je eine Garantie, Erfolg zu haben. Aber auch in diesen Fällen gilt: „Bild“ hilft. Ich versuche einmal, den möglichen Einfluss und die Kraft von „Bild“ zu beschreiben. Das Blatt hat sicher die Kraft, in solchen Wahlkämpfen die Stammwähler mit zu mobilisieren, mit bestimmten Kampagnen, die für den konservativen Kandidaten sprechen oder die seinen Gegenkandidaten denunzieren, Angst vor ihm schüren. „Bild“ hat meines Erachtens – besonders in politischen Auseinandersetzungen – eine Kraft zur Zerstörung: Indem sie Inhalte falsch oder etwas falsch darstellt, aus dem korrekten gültigen Zusammenhang herausreißt und in einen falschen hineinsetzt. Wenn der Wahlausgang knapp zu werden droht und „Bild“ in der Schlussphase eine entsprechende Kampagne gegen den nichtkonservativen Kandidaten startet, kann das schon die Entscheidung bringen. Zumal „Bild“ Kombattanten hat, die, wenn das Jagdhorn ertönt, mitmachen und ebenfalls losschlagen, nicht nur in Behörden und Parteien, auch in anderen Medien. Ich befürchte, dass diese Netzwerke im Medienbereich sogar stabiler und größer geworden sind. Wenn Journalisten um ihre Arbeitsplätze bangen oder junge Journalisten noch gar keinen richtigen Arbeitsplatz haben, überlegen sich viele, ob sie es sich mit einem potenziellen künftigen Arbeitgeber „Bild“ und damit Springer verscherzen oder ob sie sich ihn vorsorglich gewogen machen. Es ist doch heute so: Wenn Sie sich als Journalist mit Springer und „Bild“ anlegen, dann haben Sie faktisch einen großen, mächtigen Arbeitgeber weniger. Wenn Sie mit denen paktieren, dann haben Sie nicht einen potenziellen Arbeitgeber weniger, sondern einen mehr. Denn „Bild“ gut zu finden und dessen Themen und Weltbilder zu verstärken, das ist doch heute, im Gegensatz zu früher, für keinen Verlag mehr ein Grund, jemanden nicht einzustellen – im Gegenteil. Aus alldem schließe ich, dass „Bild“ mit seinen Netzwerken eine Macht in dieser Gesellschaft ist.

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Kommentare
hadie schrieb am 06.04.2011 um 12:19
Die Otto-Brenner-Stiftung wird doch von der IG Metall finanziert und Peter Hartz ist immer noch Mitglied der IG Metall. Da hätte ich eine Idee für den nächsten Interview-Partner ...
born2bmild schrieb am 06.04.2011 um 12:51
Hans Esser isst schon lange vom Teller der Meinungsmedien und deren Geldgeber. Nun rafft er die Kohle von Holtzbrincks Bild des Bildungsbürgers, der "ZEIT" und rennt mit großem Getöse offene Türen ein, um die letzten Eulen nach Spreeathen zu tragen.
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