3
]
„Wohlstand für alle“ – Eine Besprechung von Sahra Wagenknechts Buch „Freiheit statt Kapitalismus“
Verantwortlich: Albrecht Müller |
Sahra Wagenknecht kommt am kommenden Sonntag, am 5. Juni um 11:00 Uhr, bekanntlich zum 21. Pleisweiler Gespräch. Siehe hier [PDF - 60.7 KB]. Ein passender Anstoß zur Besprechung ihres neuen Buches.
Albrecht Müller.

Man müsse als Autor und Politiker die Menschen da abholen, wo sie sind, sagt man. Manchmal ist es schwer, sich an diese Regel zu halten. Man muss sich oft ordentlich verbiegen. Sahra Wagenknecht hat diese Regel zu Beginn ihres neuen Buches „Freiheit statt Kapitalismus“ meisterhaft angewandt und sie hat sich dabei offensichtlich nicht verbiegen müssen. Sie beschreibt und würdigt die Ansprüche und Ideen, mit denen „die bundesdeutsche Gesellschaft in die Nachkriegszeit gestartet“ ist. „Wohlstand für alle“ war das große Versprechen Ludwig Erhards und der sozialen Marktwirtschaft. Gleiche Chancen beim Start, soziale Absicherung, Wettbewerb, der eine „am realen Bedarf orientierte Wirtschaft steuert“, keine beherrschende Marktmacht. Das waren die Versprechen und nichts davon ist übrig. Der Kapitalismus versage nicht nur im sozialen Bereich, nicht nur bei der Verteilung von Einkommen und Vermögen. Er versage vor allem vor seinen eigenen ökonomischen Ansprüchen.
„Im realen Wirtschaftsleben sind alle positiven Ideen der Marktwirtschaft tot“, das kann auch ein selbst denkender Mittelständler unterschreiben. Denn er erlebt täglich, dass Wettbewerb allenfalls in seinem Milieu gilt, aber die mächtigen großen Unternehmen sich die Märkte und die Politik unterworfen haben und ihren Lieferanten die Konditionen diktieren. Er erlebt, was Sahra Wagenknecht zum Finanzsektor schreibt, dass man sich dort weniger um die Kreditversorgung der Wirtschaft kümmert und stattdessen menschliche Kreativität und Erfindungsgabe auf unsinnige Tätigkeiten und neue Finanzprodukte im Finanzcasino konzentriert. „Der Kapitalismus ist alt, krank und unproduktiv geworden.“ „Wir sollten unsere Intelligenz und Fantasie nicht länger mit der Frage verschwenden, wie wir ihn wieder jung gesund und produktiv machen können. Viel dringender ist eine gesellschaftliche Debatte darüber, wie wir eine Zukunft jenseits des Kapitalismus gestalten können. Das klingt provokativ, ist auch so gemeint, ist aber zugleich eine Einladung zum Dialog zwischen echten, nämlich auch geistig liberalen Marktwirtschaftlern auf der einen und ebensolchen Sozialisten und Marxisten auf der anderen Seite.“
Leser, die mit dem Wort Kapitalismus nicht viel anfangen können, wozu ich mich auch zähle, fühlen sich vielleicht von der Verwendung dieses Begriffes abgestoßen. Aber jenseits dieses Sprachgebrauchs hat die Autorin die Regel beherzigt. Sie holt die ehrlichen Verfechter einer marktwirtschaftlichen Ordnung bei ihrer Vorstellung ab, die richtige marktwirtschaftliche Ordnung sei produktiv und effizient, mit den knappen Ressourcen werde sorgfältig und kreativ umgegangen, jedenfalls sei das der konzeptionelle Hintergrund des Ordoliberalismus in der Prägung von Ludwig Erhard, Walter Eucken und Alfred Müller-Armack, die Sahra Wagenknecht als Zeugen zitiert.
Die Autorin umgeht mit diesem Ansatz die für linke Politiker und linke Autoren bereitgehaltene Falle, sich zuerst einmal über die schlimme Verteilung von Einkommen und Vermögen aufzuregen. Das Etikett, sie sei wie alle Linken der typische Vertreter eines Verteilungsstaates und einer Verteilungsmentalität, kann man ihr nach diesem Einstieg und im Buch auch weiter verfolgten Ansatz nicht verpassen. Die üblicherweise zusammen mit dem Etikett „Verteilungsmentalität“ verabreichte Empfehlung, sich erst einmal um die Vergrößerung des „Kuchens“ zu kümmern, bevor er verteilt wird, hat sie im Vorwege bedacht. Sie analysiert in vielen Passagen, wie Ressourcen verschwendet werden, und sie zeigt, was zu tun wäre, wollte man, den ordo-liberalen marktwirtschaftlichen Ideen entsprechend, die Produktion in Wirtschaft und Gesellschaft effizient und produktiv und im Interesse der gesellschaftlichen Bedürfnisse gestalten.
Keine Sorge, die Verteilungsfrage kommt nicht zu kurz. Die Autorin kommt auf die miserable Entwicklung der Einkommens- und Vermögensverteilung in Deutschland immer wieder zurück. Wenn sie vom gebrochenen Versprechen des Ludwig Erhard schreibt, dann meint sie beides – Produktivität und Gerechtigkeit. Ludwig Erhards Buchtitel „Wohlstand für alle“ enthält beides. Und gebrochen sind die Versprechen für beides. Zur Realisierung des Versprechens „Wohlstand“ wird das mögliche seit langem nicht mehr getan. Der „Kuchen“ ist seit drei Jahrzehnten kaum größer geworden. Und das Stück vom Kuchen, über das die abhängig Beschäftigten verfügen können, schrumpft. „Wohlstand für alle“ wäre heute der passende Wahlslogan für die Linke. Und nur für diese. Denn die anderen Parteien haben zum Beispiel allesamt daran mitgewirkt, den Niedriglohnsektor und die Leiharbeit auszubauen, sie sind stolz auf Harz IV und bürden der finanziell schwächeren Mehrheit die Kosten der Casinobesuche der Investmentbanker und Zocker auf. Sie haben es aufgegeben, „Wohlstand für alle“ zu schaffen und huldigen in der Regel der so genannten Pferdeäpfeltheorie, wonach es allen gut geht, wenn es einigen besonders gut geht.
==>weiterlesen: Mehr…
|
|
Hallo Frau Goerges,
ja das Buch ist sehr empfehlens wert, leider und das ist ein Punkt denn Frau Wagenknecht wirklich mal beantworten sollte. Warum erscheinen Ihre Bücher nicht als Hörbücher? Ich habe allein hier in Weimar schon mitlerweile über 40 Mal dieses werk seit seinem Erscheinen als Vorleser für jemanden Vorlesen müssen. Alle versuche über ihr Büro ein Interview per E-mail mit Ihr zu führen Blieben unbeantwortet. Von der Linkspartei war Ausschlies Frau Luc Jochimsen bereit sich diesem Kritischen Thema zu stellen. Haben 700.000 Menschen die aufgrund Ihrer Sehbehinderung Schwarzschrift Bücher nicht lesen können kein anrecht auf Politische Mitsprache? Liebe Grüße Baphomed |
|
|
@ Bephomed
das kann ich Ihnen leider auch nicht beantworten, aber verstehe Ihr Anliegen vollkommen. Haben Sie Frau Wagenknecht einmal angeschrieben dazu ? liebe Grüße |
|
|
Hallo Frau Gorges,
ja mehrfach, und unter meinem Klar Namen und so wie es für eine ordentliche Interview anfrage üblich ist, über Ihr Bundestags Büro, ebenso wie Frau Jochimsen mit der ja ein Interview geführt wird. Ich habe kein Problem mit absagen von Menschen wenn ich eine Interview anfrage stelle. So is live. Aber wenn ein Büro überhaupt nicht antwortet habe ich ein Problem und bin ein wenig stinkig. Liebe Grüße Baphomed Liebe Grüße Baphomed |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen