Margareth Gorges

Margareth Gorges

28.09.2011 | 09:02

Die „Psychopathen“ kommen

Die „Psychopathen“ kommen

Götz Eisenberg
Ein Abgesang auf das „Zeitalter des Narzissmus“

Unter der Überschrift Das Buch des Wahnsinns berichtet die Süddeutsche Zeitung vom 9./10. Juli 2011 über die neue Ausgabe des Diagnosemanuals DSM – eine gängige Abkürzung für Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders. Dieses Diagnose-Handbuch existiert seit 1952 und wird von der American Psychiatric Association herausgegeben. Es will und soll weltweit die Kriterien dafür festlegen, wann ein Mensch im psychiatrischen Sinn für gestört zu erklären ist. 2013 soll die nächste, die fünfte Fassung erscheinen, und es wird schon im Vorfeld heftig über sie diskutiert. Das Diagnosemanual stellt den Versuch dar, einen gewissermaßen sachlichen, rein symptomorientierten Zugang zum psychischen Geschehen zu schaffen und ihn allgemein verbindlich durchzusetzen. Man möchte sicher gehen, dass man überall dasselbe meint, wenn man „Depression“ oder „Schizophrenie“ diagnostiziert. Die neue Version will unter den Persönlichkeitsstörungen aufräumen und „ausmisten“, denn von den elf bislang aufgelisteten werden nur zwei regelmäßig diagnostiziert: die „Borderline“- und die „antisoziale Persönlichkeitsstörung“. Welche Kränkung für die Narzissten: Es gibt sie gar nicht, oder demnächst nicht mehr, jedenfalls nicht in ihrer Reinform!
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Verantwortlich: Jens Berger | Heute unter anderem zu folgenden Themen: “Goldman Sachs regiert die Welt” – Börsenhändler entblößt sich selbst; Alte werden aus der Arbeitslosenstatistik getrickst; Bernd Raffelhüschen im Interview – „Länger arbeiten für immer weniger Rente“; Erfolg: Steuerabkommen vor dem Aus!; Chaos in Griechenland; Stephan Schulmeister: Europa braucht einen New Deal – 10 Thesen; Christine Lagarde: IMF may need billions in extra funding; Insolvenzregeln für Banken – Barnier will Aktionäre bei Pleitegefahr enteignen; Reichensteuer Enteignung? Andere Länder, andere Steuersitten; Geht jetzt Deutschland pleite?; Arbeit in Teilzeit – Darf’s ein bisschen weniger sein?; Reichtum und Armut in Amerika; Vor allem die Banken machen bei Fonds Kasse; Jean Ziegler: Wie der Rebell vom Genfer See die Welt wachrüttelt; Der Neoliberalismus braucht keine FDP; Kauderwelsch im Internet: Union auf Piratenjagd; Das Gebührenwucherphantom; zu guter Letzt: “German Eiertanz” zieht ins Englische ein (JB)
 

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  • Erfolg: Steuerabkommen vor dem Aus!
  • Chaos in Griechenland
  • Stephan Schulmeister: Europa braucht einen New Deal – 10 Thesen
  • Christine Lagarde: IMF may need billions in extra funding
  • Insolvenzregeln für Banken – Barnier will Aktionäre bei Pleitegefahr enteignen
  • Reichensteuer Enteignung? Andere Länder, andere Steuersitten
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    Kommentare
    Columbus schrieb am 28.09.2011 um 12:09
    Liebe Frau Gorges,

    Ein guter, ein wichtiger Hinweis. Jedoch möchte ich zur Vervollständigung noch anfügen:

    1. In Europa wird nach dem ICD diagnostiziert, manche Forscher verwenden zu Studien- und Vergleichszwecken den DSM. - Sie zitieren das von Eisenberg, der hat da aber, vielleicht wie die SZ, gar nicht daran gedacht.

    2. Die SZ nimmt einen kräftigen Anlauf, auf das BILD-Niveau zu gelangen, wenn sie die Revision des allseits geachteten DSM unter "Das Buch des Wahnsinns" rubriziert und teasert. Mit Wahnsinn haben die Diagnosekriterien, und um solche handelt es sich ja, kaum zu tun. Wahn ist wirklich nur ein Fitzel der Psychopathologie.

    3. Es wäre dumm von jedem Presseorgan und von jedem Publizisten und Blogger, wenn er sich an den psychiatrischen und klinisch- psychologischen Diagnosekatalogen schadlos hielte, um ein schlechtes Bild der Psychiatrie und Psychotherapie zu malen.

    Im Gegenteil, es gibt ganz viel, von der aberwitzigen Pharmabranche in diesem Bereich, bis zur mangelnden Diagnose- und Therapiesorgfalt, bis zur Unterfinanzierung, bis hin zu absurden Alternativtherapien, was kritisiert werden kann und muss.

    Die beiden Diagnosekataloge sind jedoch ein großer Segen, in die die Arbeit hunderter, ja tausender Wissenschaftler eingegangen ist, die damit tatsächlich eine Verständigung möglich machen und gar erst die gegenseitige Kritik ermöglichen. Ständige Revision!

    4. Überfällig war und ist die Überarbeitung der Diagnosekriterien für Personlichkeitsstörungen schon lange. Sehr begrüßenswert, wenn da einiger Murks beschnitten wird. Hoffentlich schießt man nicht über das Ziel hinaus. Aber noch viel schlimmer ist die Tatsache, dass es einen Haufen an "grauen Diagnosen" gibt, die gar nichts mit "Störungen" zu tun haben, sondern allenfalls Persönlichkeitsakzentuierungen, Charakerologie und/oder Individualität umschreiben und keinen Krankheitswert besitzen.

    Trotzdem gehen Leute zu Therapeuten, um sich diese persönlichkeitspsychologischen Merkmale "therapieren" zu lassen.
    (vgl. auch: www.freitag.de/wissen/1137-kolumne?searchterm=Zinkant ; Psycho-Ei und Seelen-Henne, von Kathrin Zinkant, hier im dF)

    5. Die Diagnostikmanuale sind, wie sie und Herr Eisenberg treffend feststellen, symptombezogen und syndrombezogen und arbeiten mit Wahrscheinlichkeiten und Merkmalsclustern.

    Das vor allem, weil es so viele Überschneidungen gibt, selbst gesund und krank ganz eng beeinander liegen können, einzelne Symptome fast immer unspezifisch sind und in einer Wende vor ca. 30-40 Jahren die Psychogenese und Psychodynamik psychischer Erkrankungen und deren Erforschung in den Hintergrund trat. - Aber das ist eher am Rand hingeschrieben und ein Thema für die nächste Welle in der Psychopathologie.

    6. Den "Psychopathen" gibt es als medizinisch- psychiatrische Diagnose nicht mehr. Das Etikett gewinnt aber in den Medien an Zulauf, weil seine vorgebliche, sprachverwurzelt signaliserte Gefahr, selbst dem stumpfsten Lackel gut gefällt, wenn er davon einmal liest.

    Wohliges Grauen beschleicht uns, wenn die Psychopathen aus der Nachbarschaft um die Ecke schleichen oder eben der Chef ein "Psychopath" ist.

    Real sind wir weder einer ansteigenden Flut von "Psychopathen" ausgesetzt, noch einem gewaltigen Zustrom an jungen Menschen, die wir dringlich bräuchten, noch steigt die Kriminalität in Deutschland! In diesen Boulevard-Zusammenhang, gehören blöde Teaser, Artikelüberschriften und Gefahrmeldungen.

    Der Narziß bleibt ohne Medizinalisierung und Psychopathologisierung ein weites Feld für Individual- und Persönlichkeitspsychologie, die Literatur, die Kunst und den Jahrmarkt der Eitelkeiten. - Das ist doch tröstlich?

    Gut an der Entschlackung von so viel Psychopathologie im Alltag ist, und das könnte ja auch ein Ergebnis der Eisenbergschen Schärfe sein, zukünftig wieder mehr von Geschäftemachern, Ausbeutern, Erpressern, Betrügern, Beutelschneidern, Couponschneidern und morallosen Egoisten, usw., zu sprechen und nicht gleich anzunehmen, diese Leute seien krank! Für Krankheit braucht es Leid und Mitleid, aber dazu lachen all´die so diagnostizierten Typen nur, und sie strecken den "kritischen Therapeuten" und damit auch den Nachdenkseiten, die Zunge raus.

    6. Eine Sache hat Herr Eisenberg jedoch schon ganz gut erkannt, um die es ihm ja wesentlich geht. Bestimmte ökonomische und soiale Verhaltensweisen, z.B. das Ellenbogenprinzip, das unfaire Ausnutzen von Beziehungen und "Netzwerken" (der eigentliche, auch einmal kritikwürdige, zweite Kern des Networkings, wird selten beleuchtet), die Erfolgsorientiertheit und Fixiertheit, gemessen an der Höhe des Profits, das bewusste Eingehen von Risiken, auch mit den Ressourcen und der Arbeitskraft jener, die man kaufen und verkaufen kann, kann nun wieder ohne Medizinbegriffe als kriminell, unverantwortlich, böse und amoralisch gegeißelt werden.

    Ebenso sind soziologische Modelle, die die Vereinzelung, Isolierung
    und Entsozialisierung gut beschreiben, treffsicherer, als nun einen größeren oder kleineren Teil der Bevölkerung für "krank" zu erklären. Das Muster Krankheit war immer schon eines der Entlastung, von Belastungen und vor allem von Verantwortung. Das ist auch gut so.

    Es wäre doch völlig daneben, die "Triebtäter" an und in unserer Wirtschaft als Kranke zu entlasten. Im Gegenteil, die sind voll verantwortlich und lachen eher, wenn man sie zu Kranken erklärt. Allenfalls könnte man von weit verbreiteter sozialer Ansteckung sprechen, weil selbst Arme und Kranke das Wirtschaftsmodell als ersten Maßstab akzeptiert haben (Klassiker: USA, als Ideal der Selfmade-und Selfish-Gesellschaft, in der grundsätzlich immer das Individuum für seinen Status verantwortlich ist.)

    Weiter, weiter und
    liebe Grüße
    Christoph Leusch
    Margareth Gorges schrieb am 28.09.2011 um 12:18
    Danke für Ihre Anmerkungen dazu.
    beste grüße
    Margareth Gorges
    shalako schrieb am 28.09.2011 um 14:45
    >6. Den "Psychopathen" gibt es als medizinisch- psychiatrische Diagnose nicht mehr. Das Etikett gewinnt aber in den Medien an Zulauf, weil seine vorgebliche, sprachverwurzelt signaliserte Gefahr, selbst dem stumpfsten Lackel gut gefällt, wenn er davon einmal liest.<

    "Unter einer Psychopathie (Kunstwort aus griechisch ψυχή, psychḗ, „Seele“ und πάθος, páthos, „Leiden“; jeweils altgriechische Aussprache) wird in der Forensischen Psychologie und Psychiatrie eine schwere Form der dissozialen/antisozialen Persönlichkeitsstörung verstanden, die in ihrer Ausprägung die genannte Persönlichkeitsstörung übertrifft. In den Klassifikationssystemen DSM-IV und ICD 10 ist die Diagnose nicht aufgenommen. Empirisch hat sich jedoch gezeigt, dass die psychiatrische Forensik den biologisch determinierten Psychopathiebegriff nicht ausklammern kann."

    de.wikipedia.org/wiki/Psychopathie

    Ist doch ausgesprochen niedlich, wie man meint, derartige Phänomene einfach wegdefinieren zu können.

    Da kommen natürlich Interessenlagen der Gesellschaft zum Tragen, in die eine derartige Forschung und Katalogisierung jeweils eingebunden ist.
    Columbus schrieb am 28.09.2011 um 17:57
    ad shalako schrieb am 28.09.2011 um 14:45:

    Wo Sie Recht haben, haben sie Recht, Shalako.

    In der Forensik (Begutachtung und Betreuung von Straffälligen), die Straftäter und Insassen, in neuerer Zeit, glücklicherweise erst ganz zaghaft, auch präventiv (Kinder+Jugendliche) arbeitet, wird der Begriff weiterhin, bzw. erneut, gebraucht. Allerdings nicht mit der Intention, ihn als Krankheitsbegriff für die Allgemeinbevölkerung zu nutzen, sondern, um damit von der Gruppe der persönlichkeitsgestörten Häftlinge, es sollen in den USA, aus der das "neue" Konzept stammt, 70-80% der Insassen an einer "Personality- Disorder" leiden, eine Untergruppe der besonders schwer erreichbaren Delinquenten abzugrenzen (ca. 20-25%), die dann als "Psychopathen" bezeichnet werden.

    Sie zeigen meist kein Leiden an ihrer "Störung", keine emotionale Beteiligung und Empathie, bei häufig schrecklichen Taten, hohe Wiederholungsraten, etc.

    Die Psychiatrie und die forensische Psychiatrie streiten, weil sämtliche, der in Hares- Checkliste (PCL-R) gelisteten und darauf aufbauender Skalenkategorien, auch bei den Persönlichkeitsstörungen auftauchen. Weil dieses Instrument derzeit, außer der Beobachtung und Deklaration nach Akte und Eindruck, die einzig durchgängigen Verfahrenskritierien sind die für die Gültigkeit der Bezeichung selbst verwendet werden und man die "Diagnose" vollständig aus der Untersuchung an Häftlingen gewonnen hat.

    Selbst der derzeit bekannteste deutsche Gerichtspsychiater, Nedopil, vertritt das Psychopathie-Konzept, weil es, seiner Meinung nach, bei den schon stark selektierten Häftlings- bzw. Verwahrtenkollektiven unter Beobachtung, eine Möglichkeit zur Abschätzung der Prognose und der Gefährlichkeit, bzw. des Wiederholungsrisikos bieten soll.

    Die neurobiologischen Erkenntnisse, aus Brain-Imaging-Untersuchungen und die neurochemischen Befunde, Serotonin, sind, gelinde gesagt, erst einmal nur als Hinweise ausreichend verlässlich.

    Von einer biologischen oder allgmeinpsychiatrischen Determination des Konstruktes "Psychopathie" ist man allerdings weit entfernt.

    Ich stehe dieser Konzeption sehr kritisch gegenüber.

    Vor allem aber ist nach meiner Meinung die Haresche Defintion eher eine Hilfe zur kriminologischen und sozialpsychologischen Abschätzung des Rückfall- und Wiederholungsrisikos, aber nicht eine Krankheitsdiagnose oder psychische Störung.

    Den Itemkatalog, revidiert 20 Kategorien, können Sie sich aus dem Netz besorgen, wenn es Sie interessiert. Da fällt ihnen bestimmt auch die Allgemeinheit sofort auf.

    Aber eines kann man den meisten Forensikern jedoch unterstellen. Sie wollen nicht, dass mit dem Begriff die Suche nach dem "Psychopathen" in der Alltags- und Lebenswelt aufgenommen wird, sondern dass diese Bezeichnung für einen sehr sehr kleinen Kreis an Tätern vorbehalten bleibt.

    Wieviel Schindluder damit getrieben wird, sieht man ja schon an den hohen Prävalenzraten die regelmäßig aus Amerika für Persönlichkeitsstörungen und Psychopathien aus den Haftanstalten gemeldet werden, wobei auch noch berücksichtigt werden muss, dass dort, aufgrund der anderen Rechtsauffassungen, beständig ein 3-4x größerer Anteil der Bevölkerung im Knast sitzt, als hier bei uns.

    Psychopathen im Sinne der Forensik laufen nicht frei herum, weil sie meist multipel und massiv staffällig wurden und daher entweder im Knast oder in der Sicherungsverwahrung sitzen.

    Sei es wie es ist. Hier ging es ja um die falsche Psychopathologisierung der Gesellschaft, die plötzlich z.B. den an Profit orientierten Manager oder Spekulanten zum "Psychopathen" erklärt. Die glaubt, es liefen auch sonst ein Haufen Psychopathen frei herum, die nur entdeckt und bezeichnet werden müssten. Dem ist nicht so. Glücklicherweise.

    Gegen Psychopathie könnte man wenig tun, gegen die Struktur des ökonomischen Systems in seinen Misständen schon, und das mit klassischen Methoden der Politik, der Opposition und der Gesellschaft, die moralische, ethische und soziale Standards wieder einfordert.

    Liebe Grüße
    Christoph Leusch
    bertamberg schrieb am 28.09.2011 um 21:16
    Lieber Herr Leusch,
    Sie meinen: "Aber noch viel schlimmer ist die Tatsache, dass es einen Haufen an "grauen Diagnosen" gibt, die gar nichts mit "Störungen" zu tun haben, sondern allenfalls Persönlichkeitsakzentuierungen, Charakerologie und/oder Individualität umschreiben und keinen Krankheitswert besitzen.

    Trotzdem gehen Leute zu Therapeuten, um sich diese persönlichkeitspsychologischen Merkmale "therapieren" zu lassen."

    Sie hoffen, dass man bei der Überarbeitung der Diagnosekriterien nicht übers Ziel hinausschießt.

    Jetzt frage ich mal materialistisch: Welche Interessen werden Sich in der Umarbeitung der Diagnosekriterien vermutlich durchsetzen?

    Was können Sie sich hinsichtlich der Prävention von psychischen Erkrankungen ( die ja mittlerweile die psychische Ecke realiter verlassen haben wegen der fast immer anzutreffenden Comorbiditäten an somatischen Herz-Kreislauf oder Rückenbeschwerden oder sich auffächernden Schmerzsensationen) als wünschenswert vorstellen?

    Sind die von Ihnen beanstandeten "grauen Diagnosen" nicht nur deshalb problematisch, weil sie keine eindeutige Handlungsoption (medizinische Indikation) signalisieren?

    Jeder Laie verwehrt sich dagegen, mit dem Etikett "psychisch krank" versehen zu werden. Nach Victor von Weizsäcker gilt jedoch: "Nichts Organisches hat keinen sinn, nichts Psychisches hat keinen Leib."
    Wann und warum wehrts sich jemand zu Recht, wann zu Unrecht gegen den Stempel "Psyche"?

    Widerspiegelt sich hier nicht das medizinische Desaster der Verweigerung einer Weiterentwicklung von der Psychoanalyse zu einer dialektisch orientierten "psychsophysischen Forschung", wie sie v. Weizsäcker schon 1934 gefordert hat?
    Columbus schrieb am 28.09.2011 um 22:11
    ad bertamberg schrieb am 28.09.2011 um 21:16:

    Was den DSM angeht, ist zumindest eine große Revision des Konzeptes Persönlichkeitsstörung drin, wenn am Ende tatsächlich valide und reliabel vielleicht noch vier Kategorien Bestand haben. Der ICD wird so schnell noch nicht revidiert.

    Wer sich behandeln lassen will, ob mit "grauer" oder ICD-Diagnose, der soll es tun, wenn er einen Leidensdruck verspürt. Wenn es keine anerkannte Diagnose ist, dann wird er dafür selbst zahlen müssen. Die Realität sieht aber so aus, dass selbst für anerkannte Diagnosen die psychotherpeutischen Ressourcen im sozialen Gesundheitssystem nicht
    reichen, während im privaten System, "at will", Therapie zu durchaus happigen Preisen gkauft werden kann.
    Hier existiert vielleicht schon so etwas wie Übertherapie, zumindest so lange Geld da ist.

    Was anstehen müsste, da bin ich mit Ihnen einer Meinung, das wäre eine wieder stärker betonte psychogenetische und psychodynamische Diagnostik und damit mehr Chancen für psychotherapeutische Modelle in der allgemeinen Versorgung.

    Insbesondere die Gruppenpsychotherapie, nach meiner Meinung, eklektisch in der Anwendung und immer Krankheitsgruppen-, bzw. auf die "Fälle"- bezogen, also nicht an alten Schulkonzepten ausgerichtet, könnte davon profitieren.

    Bei den Psychopharmaka sehe ich eher einen Stillstand, denn die neuen Substanzen sind meist deutlich nebenwirkungsärmer, aber nicht unbedingt viel wirksamer. Daher auch dieser Wildwuchs und die Ausweitung bei den Indikationen und diese tonnenweisen Ministudien, bei denen immer eine signifikante Wirkung herauspräpariert wird, nur nie dabei steht, auf was sich den nun die Signifikanz erhöht hat, wenn man nicht den kleinen Studienbereich anschaut.

    Was sehr sinnvoll wäre, aber nicht ausreichend gemacht wird, das ist eine feldbezogene Prävention. Z.B. schulpsychologische Dienste wurden nicht den Schulen angenähert, sondern weiter entfernt. Der Knast macht Leute eher vulnerabler, gerade die jungen Täter, weil seine Strukturen das so nahe legen. Die Arbeitswelt, sie sprechen es ja an, wäre doch erträglicher, wenn sozialpsychologische und psychotherapeutische Erkenntnisse einflössen. Usw.

    Bei den Diagnoseschlüsseln, jetzt beim DSM, später sicher auch bei der ICD geht es aber zunächst einmal nur um die Diskrepanz der angebenen Diagnosemerkmale zu den darunter erfassten Fällen, deren große Überschneidung, um die zahlreichen Widersprüche, und also Diagnosekritierien, die a) einem Leiden auch entsprechen, b) einer Therapiestrategie zugänglich sind, wenn sie denn diagnostiziert wurden.

    Sonst kommt eben z.B. dieser Irrsinn raus, dass 80% der Gefängnisinsassen psychisch gestört sind, also nicht unbedingt verantwortlich, und 25% Psychopathen! Das ist, mit Verlaub, bullshit.

    LG
    Christoph Leusch
    bertamberg schrieb am 30.09.2011 um 14:23
    Columbus schrieb am 28.09.2011 um 22:11

    “Was sehr sinnvoll wäre, aber nicht ausreichend gemacht wird, das ist eine feldbezogene Prävention. Z.B. schulpsychologische Dienste wurden nicht den Schulen angenähert, sondern weiter entfernt.” - Zur Illustration: Meine Frau unterrichtet als Klassenlehrerin einen 13-Jährigen, der im vorletzten Jahr wegen auffälligem Verhalten “ADHS” etc. die Schule wechseln musste. Die letzten drei Monate des letzten Schuljahres verbrachte er in einer psychiatrischen Klinik nähe Mainz (in E.) und wurde dort beschult. Trotz Empfehlung der Klinik, das Kind in ein Internat mit hoher Betreuungsdichte zu geben, kam er zurück an die alte Schule, in die gleiche Klasse, die meine Frau vor einigen Wochen neu übernommen hat. Von der Klinik in E. gebeten, eine Beurteilung des 'Schülerverhaltens zu schreiben, machte meine Frau das. Erst danach erhielt sie von der Klinik den Bericht über den Klinikaufenthalt zu geschickt. Fazit: Es hat sich nichts am Verhalten des Schülers geändert, er verweigert die Mitarbeit, ist sozial isoliert, kaspert rum, bringt Sätze wie “ich ignoriere Sie” oder “Sie können mich mal”,wenn er gefragt wird, was mitunter gruppendynamisch problematische Folgereaktionen auslöst. Der Vater ist ein arbeitsloser Pilot, berüchtigt für sein aggressives Verhalten, steht 100% hinter seinem Sohn und geht ständig auf Konfrontationskurs mit den Lehrern, die Mutter hat nichts zu melden. Das es dem Kind gut täte, von dieser Familie getrennt zu werden, impliziert auch die Empfehlung an ein Internat.

    Es ist offenkundig, auch dieser Junge gehört zu denen, die “kein Leiden an ihrer 'Störung' “zeigen, “keine emotionale Beteiligung und Empathie.”
    Es ist offenkundig, dass drei Monate Psychiatrische Klinik nichts gebracht haben ausser dass Arbeitsplätze gesichert waren.

    Soll man sich hier darauf beschränken, dass man grundsätzlich “gegen die Struktur des ökonomischen Systems in seinen Misständen (…) mit klassischen Methoden der Politik, der Opposition und der Gesellschaft, die moralische, ethische und soziale Standards wieder einfordert” viel tun könnte, aber in diesem konkreten Fall, wo es darauf ankäme, einer individuellen Entwicklung eine andere Richtung zu geben, ist und fühlt sich keiner zuständig, weil der Anlass fürs Handeln nicht kategorisch genug geregelt ist, weil nur eine “graue Diagnose” vorliegt?
    bertamberg schrieb am 30.09.2011 um 18:04
    ..wenn der Satz zu lang wird, wirds unübersichtlich. In der drittletzten Zeile nach "eine andere Richtung zu geben" wäre einzufügen: "gleichmütig zu akzeptieren: Es [weiter im Text ] ist und fühlt ....
    Columbus schrieb am 01.10.2011 um 21:28
    Nun, es ist immer schwer, aus der Ferne und in Unkenntnis des "Falles" Urteile zu bilden, obwohl das, ganz anerkannt, ein Wunsch und die Spielregel des Medialen ist.

    Nur so viel. Wenn es tatsächlich ADHS ist, so stimmt die Bemerkung nicht, diese Kinder und Jugendlichen seien gefühllos und ohne eigenes Leiden an ihrer Störung (sogar offenkundig).
    Das gilt allermeist nur für die Situation.

    Wenn es sich aber bei dem Jungen, mit dem geschilderten soz. Umfeld, um eine ganz andere Materie handelt, ein ganz anderer Fall da existiert, dann handeln die eingebundenen Therpeuten und Helfer nicht sinnvoll.

    Es erstaunt mich, dass ihre Frau Krankenberichte zugeschickt erhielt. Das muss dann mit ausdrücklicher Billigung der Erziehungsberechtigten oder der Fürsorgebehörde geschehen sein.

    So wie Sie die Geschichte schildern, gibt es ja den Hinweis, dass hier Verantwortliche, insbesondere die Eltern, mehrfach gegen ihre Pflicht verstießen, dem, neutral beschrieben, massiv auffälligen Sohn weiter zu helfen (Internat).

    Aber dieser Fall hat weniger etwas mit der Etikettierung als Krankheit zu tun, als dass hier die Jugendhilfe und die Eltern in der Pflicht sind, etwas zu tun. - Adäquat wäre eben eine Unterrichtsbegleitung über einige Zeit, die nicht von der Schule geleistet werden kann.

    Gibt es denn ein Schulverhaltensprofil über alle Fächer? Zumeist variiert das Verhalten auffälliger Schüler von Fach zu Fach, und es gibt immer einen Pädagogen in der Schule, bei dem der Druck durch den Indexschüler (meist m) nicht so groß ist. Der wäre dann auch jener Partner, der leichtere und mittlere Fälle auch im Rahmen der Schule auffangen sollte. Ganz wichtig sind z.B. Nebenfächer, wo häufig erstaunliche Verhaltensänderungen zu bobachten sind (Kunst, Sport, Theater, Schulprojekt, Schulgarten).

    Ich beende das hier, weil es reine Mutmaßungen sind und die mit dem Thema Psychopathologisierung des Alltags nicht viel zu tun haben.

    LG
    Christoph Leusch
    bertamberg schrieb am 03.10.2011 um 19:59
    Lieber Herr Leusch,
    es hat schon etwas mit Etikettierung zu tun, weil die Auskunft, die meine Frau als neue Klassenlehrerin erhielt, war, der Junge wäre "wegen ADHS" in der Psychiatrie gewesen, worauf meine Frau nur ungläubig meinte, deswegen komme man nicht dorthin, was dann aber in Abrede gestellt wurde. Kein Lehrer wusste Bescheid hinsichtlich der Diagnose, auch jetzt noch nicht. Meine Frau hat auch keinen medizinischen Befundbericht zugeschickt bekommen, sondern nur eine pädagogische Expertise über das Schulverhalten des Jungen.

    Es ist offenkundig, dass im Familiensystem des Jungen etwas nicht stimmt, was jedoch von Seiten der Lehrer nicht thematisiert wird, der Stempel "ADHS" wird fatalistisch als hinreichende Erklärung hingenommen. Da die Eltern sich bislang weigern, die Situation zu ändern, wird vermutlich über den Notendruck der Schüler von der Schule abgehen.

    Wenn Sie hier nicht mutmaßen wollen, habe ich Verständnis dafür, nur empfinde ich sowohl das Verhalten der Eltern als auch des Schülers als Zeichen eines nicht situationsgerechten Verhaltens, als Krankheitsvorstufen um es etwas härter zu formulieren und nicht als irrelevant.

    Viele Grüße und danke für Ihre Einschätzung.

    bertamberg
    Margareth Gorges
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