Margareth Gorges

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15.12.2010 | 10:51

Eingeschränkt pazifistisch

Eingeschränkt pazifistisch

Geschrieben von Roberto J. De Lapuente

Den Gräueln des Krieges war es zu verdanken, dass 1950 gut Dreiviertel der deutschen Bürger auf die Frage, ob sie, ihr Sohn oder ihr Mann wieder Soldat werden möchten, uneingeschränkt mit Nein antworteten - so berichtet es zumindest Gunther Latsch in seinem kurzen Essay "Lieber tot als Soldat". Der Pazifismus schien die junge Republik okkupiert zu haben - die Wiederbewaffnungsdebatte formierte kurze Zeit später junge Menschen, die keine neue Wehrmacht wünschten. Paradoxerweise aber, so erklärt Latsch, waren zwei Drittel der befragten Bürger allerdings auch der Anschauung, die Wehrmacht hätte bis 1945 ehrenhaft und tapfer gekämpft; die Hälfte vertrat sogar die Meinung, man sollte das Tragen von Wehrmachtsauszeichungen wieder erlauben - auch sei das Hakenkreuz auf den Orden "nicht so schlimm".

Ein etwas kruder, kein konsequenter Pazifismus - vielleicht gar keiner, vielleicht nur durchschlagende Ohnmacht, nach so einem allumfassenden Debakel, nach Beschau der Ruinen, Bergen von Leichen, Männern in Gefangenschaft. Ein flatterhafter Pazifismus, der gleichfalls widersprüchlich war wie jener, von dem wir heute Notiz nehmen. Jeder sechste Bürger spricht sich gegen den Einsatz in Afghanistan aus - aber gleichzeitig erfahren die zur Show gestellten Beisetzungen erschossener Soldaten, die mit militärischem Pomp und soldatisch-rhetorischer Prachtentfaltung zelebriert werden, unglaublichen Zuspruch. Eigentlich seien es ja Helden gewesen, vernimmt man aus der Bevölkerung - für ihr Land seien sie gefallen, für unser Land, für Deutschland. Ehrenhaft und tapfer gekämpft hätten sie - aber natürlich sei man gegen den Kriegseinsatz; friedliebend zu sein ist doch mindestens eine Selbstverständlichkeit.

Inkonsequent für den Frieden sein; widersinnig gegen den Krieg sprechen: das ist kein Pazifismus, das sind Sprechblasen einer Sprach- und Gesinnungskultur, die eingefordert werden, die verbreitet werden, ohne auch so gemeint zu sein. Inbrünstig sind derlei Beteuerungen jedoch selten. Krieg ist Scheiße, der Soldat aber ein armer Kerl, ein Opfer - das mag für den Wehrmachtsangehörigen sogar noch gelten; für den Bundeswehrangehörigen in Afghanistan trifft das weniger zu. Ersterer war gezwungener Laie, letzterer ist freiwilliger Fachmann. Wer den Krieg ächtet, wer pazifistisch gesinnt ist, der kann im Kriegspersonal kein Opfer sehen, keinen sich auf ethischen Befehlsnotstand zurückziehenden Part wittern. Man kann nicht behaupten, dass Krieg mörderisch sei, ohne nachzuschieben, dass Soldaten Mörder seien. In einer solch fundamentalen Sache kann es keine Differenziertheit geben; es ist unmöglich, Kriegseinsätze zu verdammen, den Krieger aber zu ehren - diese bürgerlich angepinselte Differenziertheit, die glaubt, man könne zwischen Ereignis und Handelnden scheiden, sie ist die Krone der Heuchelei!

Eine wirkliche pazifistische Haltung muß den Soldaten zwar nicht hassen, darf ihn gar nicht hassen: aber sie muß seine Funktion klarlegen, sie muß sein Handwerk beim Namen nennen. Gegen Krieg sein, zugleich aber Kriegerbeisetzungen beizuwohnen: das ist abstrus, gleicht einem fleischfressenden Vegetarier oder einer enthaltsamen Hure! Das ausführende Personal stets moralisch schadlos zu halten, es nimmt dem Individuum die Willensfreiheit, macht es zum Spielball obskurer Mächte. Den Soldaten reinzuwaschen mit der Mär von seiner Unschuld als kleinen Angestellten, es bestiehlt ihn der Würde, weil man ihm die Qualifikation aberkennt, selbst entschieden haben zu können. Wer Soldaten respektiert, der gebe ihnen die Schuld! Wer sie respektiert, der nenne sie Mörder! Der sage, die Funktion des Soldaten ist das Morden!

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