Margareth Gorges

Margareth Gorges

14.09.2011 | 15:11

FDP bedient sich mieser Vorurteile

Das Ergebnis gesteuerter Meinungsmache wird zum Volkswillen umdeklariert; die FDP bedient sich mieser Vorurteile.

Verantwortlich: Albrecht Müller |

Wir werden in diesen Tagen immer neu mit der alten Erfahrung von NachDenkSeiten-Lesern konfrontiert. Die Meinungsbildung und die darauf gründenden Entscheidungen sind weitgehend gesteuert. Aktuelle Beispiele: Deutsche „Tea-Party“ mit tausenden Mails an MdBs gegen Euro-Hilfen, die FDP mit dem gleichen Thema auf dem Weg zur rechtsradikalen Partei und die SPD auf dem Weg in die Arme des Versagers Steinbrück. Albrecht Müller.

Eine Art deutscher Tea-Party macht Stimmung gegen „Euro-Hilfen“. Die Welt erklärt das Ergebnis zum Volkswillen

In einem Beitrag von Welt online berichtet der Autor Günther Lachmann, vermutlich ein PR-Journalist, unter der Schlagzeile „Wut auf die Politiker“, über eine Protestwelle mit tausenden Mails und Briefen gegen „Euro-Hilfen“ und die „europäische Schuldengemeinschaft“. Die Absender der Post wollen wissen, ob sich die adressierten Abgeordneten dafür „einsetzen, dass die Umwandlung der EU in eine Transfer- und Haftungsgemeinschaft verhindert wird.“ Die Absender der Mails wenden sich gegen eine Fortsetzung der Hilfe für Griechenland. Schließlich hätten die bisherigen Hilfen auch nichts gebracht.

Dann klärt der Autor immerhin darüber auf, dass der Großteil der eingehenden Post gleichlautenden Inhalts sei. Das läge daran, „dass die Bürger Aufrufen von Gruppen wie „Zivile Koalition e.V.“ oder „Abgeordneten-Check.de“ gefolgt sind, für die sich etwa die ehemalige CDU-Abgeordnete Vera Lengsfeld engagiert.“ (Wir haben über diese Organisationen schon berichtet, siehe hier.)

Das Ergebnis der Dauerpropaganda – laut dem jüngsten ZDF-Politbarometer seien 76 Prozent der Deutschen gegen die geplante Ausweitung des Euro-Rettungsschirms – wird dann als „Volkswille“ interpretiert. Die vielen Mails, Briefe und Anrufe seien Ausdruck dieses Volkswillens.

Und dann schmäht der Autor noch die SPD-Bundestagsfraktion, die ihren Abgeordneten empfohlen hat, die Fragen dieser gesteuerten Propaganda nicht zu beantworten. Dafür verdient die SPD-Fraktion ein großes Lob. Sie verdient es auch deshalb, weil der Autor dieses WeltOnline-Artikels sich zu der Aussage versteigt: „SPD warnt vor Kommunikation mit dem Bürger“.

Die Propaganda gegen die Hilfen für Griechenland wird in Deutschland systematisch seit weit über einem Jahr betrieben. Insbesondere der Springer-Konzern mit der Bild-Zeitung haben sich massiv und auf üble Weise daran beteiligt.

Einer der ganz großen Schlaumeier in der SpiegelOnline-Redaktion, Sven Böll, hatte angesichts der debattierten Probleme die „großartige“ Idee, eine Volksabstimmung über die Zukunft Europas abzuhalten. Es wäre billiger, die Entscheidung gleich an die Hintermänner der dann einsetzenden Propaganda bei Bild, Welt und Spiegel online abzugeben.

FDP greift zum Strohhalm und nutzt die dumpfe nationalistische Aggression gegen andere Völker, im konkreten Fall zunächst einmal gegen Griechenland

Das Leichtgewicht Rösler sieht die Felle seiner Partei bei der Wahl vom kommenden Sonntag in Berlin davon schwimmen und hetzt mit Unterstützung des FDP-Fraktionsvorsitzenden Brüderle gegen die Unterstützung Griechenlands. Auch das ist bemerkenswert, weil es die Charakterlosigkeit dieser Partei noch einmal zeigt und auch zeigt, dass selbst Personen wie Rainer Brüderle, gegen dessen Kompetenz man viel sagen konnte, dessen Charakter ich bisher aber einigermaßen schätzte, keine Grenzen kennen und schamlos Wasser auf die Mühlen rechtsradikalen Denkens leiten. Wir sollten in diesem Zusammenhang korrekt sein und aufhören, zu vornehm zu sein: die FDP Spitzen fördern nicht nur rechtsradikales Denken, sie sind Teil dieser antidemokratischen politischen Bewegung und Ideologie.

Falls Sie Einfluss auf Wählerinnen und Wähler in Berlin haben: machen Sie bitte darauf aufmerksam, dass das Verhalten der FDP-Spitze nicht belohnt werden sollte.

Was haben Gabriel und Steinbrück gemeinsam? Beide sind als Ministerpräsident abgewählt worden.

Der zuvor erwähnte Widerstand der SPD-Bundestagsfraktion gegen eine gesteuerte Meinungsmache und Beeinflussung ihrer inneren Willensbildung durch Einflussnahme und Wahlpropaganda von außen ist leider eine Ausnahme. Bei wichtigen Sachfragen und sogar bei Personalentscheidungen ist die SPD wesentlich fremdbestimmt. Davon haben wir schon oft berichtet. Auch bei der Kanzlerkandidatenentscheidung wird es nicht sehr viel anders sein, auch wenn jetzt möglicherweise noch Gabriel antritt. Steinbrück hat den Vorteil, dass die Finanzwirtschaft in ihm mit Recht ihren Mann sieht und mit den von ihr ausgehaltenen Medien zusammen auch weiterhin massiv Propaganda machen und damit aus „Mist Marmelade macht“. Das kann man, wenn man genügend Geld einsetzt. Wir sehen es daran, dass Steinbrücks „Leistung“ als Wahlkämpfer, nämlich in Nordrhein-Westfalen als amtierender Ministerpräsident abgewählt zu werden, offensichtlich völlig vergessen ist, auch SPD intern.

Die SPD hat mit dem Ministerpräsidenten Steinbrück am 22.5.2005 5,7 % der Stimmen verloren und landete bei 37,1 %. Noch nie hatte die SPD in NRW so schlecht abgeschnitten wie mit Steinbrück. Siehe hier.

Aber dies kann man alles vergessen machen, wenn man über die notwendige finanzielle und publizistische Kraft verfügt. Offenbar verfügen die Hintermänner von Steinbrück über diese wichtigen Voraussetzungen.

Der jetzt ins Spiel gekommene Sigmar Gabriel kann Steinbrück durchaus das Wasser reichen. Er hat bei der Wahl im Jahr 2003 der SPD einen Verlust von 14,5 % der Stimmen eingefahren. Das ist schon eine beachtliche Leistung, die Gabriel als Wahlkämpfer ähnlich disqualifiziert wie Steinbrück.

 
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Kommentare
Fro schrieb am 14.09.2011 um 18:50
Diesen Kommentar habe ich auch in einem anderen Beitrag gepostet - hier passt er auch:

Mit dem dicken Zeigefinger auf andere zeigen, weil sie eigeninteressensgeleitet, ein von den Linken anscheinend wenig verstandenes Thema, „bürgernah“ aufbereiten, bringt es auch nicht.
Griechenland ist schon lange pleite - die Bürgerbedenken zum „Rettungsschirm“ sind m.E. vollkommen gerechtfertigt.
Die Transfers der Milliarden Euros in die überverschuldeten Länder gehen sofort in die Schulden-und Zinstilgung. Und Griechenland hätte schon lange eine geordnete Insolvenz von sich aus angehen müssen – mit Hilfe vertrauenswürdiger demokratisch gesonnener Berater. Die Insolvenz wird nicht mehr abzuwenden sein. Der „Rettungsschirm“ ist einer für die Kreditgeber und Spekulanten, er zögert die offizielle Pleite nur etwas hinaus... und er verringert die Verluste bewusst eingegangener Risiken auf Kosten der Bürger. Was soll das? Wie kann man das als Demokrat gut heißen.

Die Griechen sollten m.E. ihre Probleme mit den Kreditgebern selber lösen (Insolvenz, Schuldenschnitt usw).
Bürger-Hilfe aus Europa sollte dahin gehen, wo sie die Griechen brauchen: In die Demokratisierung, Korruptionsbekämpfung, Besteuerung der Reichen und Steuereintreibungshilfe, Abwicklung des überdimensionierten Militärs.... Das sollte durch unabhängige demokratisch gesonnene Berater, und Ausstattung mit Gerät und Software geschehen... Finanzielle Unterstützung für sinnvolle Klein/Mittel-Projekte der griechischen Bürger wäre sinnvoll... sinnvolle Sanierung der Staatsbetriebe..
Deutschland steht sowieso noch in der Schuld der Griechen … die Hilfen könnte man auch als Entschädigungsabschlagszahlung händeln.

Damit könnten die hiesigen Bürger m.E. leben, und das wäre wahre Solidarität... Nach dem Motto: „Wir helfen gern, lassen uns aber nicht verarschen.“
Fro schrieb am 14.09.2011 um 18:52
Margareth Gorges schrieb am 14.09.2011 um 19:16
Kommentar zum geforderten Griechenland-Ausschluss: Denn sie wissen nicht, was sie tun

Als die Staatschefs sechs europäischer Länder im Jahre 1957 die Römischen Verträge unterzeichneten, legten sie damit den Grundstein für eine Periode der Prosperität und des Zusammenwachsens. Die Zeiten, in denen Politik noch von Visionen geprägt wurde, sind jedoch vorbei. Mittelmäßige Politiker, denen die wöchentlichen Zustimmungswerte in Meinungsumfragen wichtiger sind als der europäische Gedanke, verspielen in wenigen Monaten das Werk mehrerer Generationen. Die Diskussion um einen Ausschluss Griechenlands aus der Gemeinschaft ist dabei nur der bisherige Höhepunkt wiedererstarkender nationaler Egoismen.

==> weiter www.nachdenkseiten.de/?p=10721
Fro schrieb am 14.09.2011 um 20:18
Sicher muss man die populistischen und eigennützigen Trittbrettfahrer öffentlich kritisieren – aber man sollte fair bleiben, - meines Wissens hat niemand den Ausschluss Griechenlands aus der europäischen Union verlangt – es geht da lediglich um die Währungsunion – und es gibt noch viele andere Staaten der EU ohne Euro. Europa ist mehr als eine Währung... Wichtig ist, was in so einer Situation für alle Beteiligten fair und schlau wäre. Was ist denn an den Rettungsschirmen oder Eurobonds so toll? Das wünscht der Bürger zu wissen. Da habe ich noch keine befriedigende Antwort jenseits von Finanzmarktinteressen gehört. Es werden nur diffuse Ängste geschürt und mal wieder für Solidarität mit den Finanzmarktakteuren geworben, - damit sie ja nicht beunruhigt, oder gar noch gnadenloser werden, als sie es schon sind... vollkommen absurd.
Fro schrieb am 15.09.2011 um 02:33
Damit meine Kritik hier komplett ist:

Rettungsschirme und Eurobonds (zu dieser Zeit) sind ein riesiges Bürgerausbeutungsprojekt der Finanzmarktakteure - alle Europäer sollen die Risiken der Kreditgeber und Spekulanten decken - so wäre in wenigen Jahren ganz Europa pleite.
Und nicht den Griechen wird geholfen, sondern ihren Gläubigern – die Griechen werden arm gespart und Griechenland zu Billigpreisen privatisiert.
Das ist heute Europa – wer das kritisiert muss nicht zwangsläufig ein Europafeind sein – vielleicht will er es nur demokratischer und fairer. Die Bürger sind nicht so dumm wie manche glauben – und wenn da Rechtspopulisten nun Profit draus schlagen können, dann zeigt es das Versagen der Linken. SPD, Grüne, Linke haben einfach nur Schiss, dass man sie als Europafeinde hinstellen könnte – Vernunftverweigerung aus wahltaktischen Gründen – so kommt es bei mir an. Eine verheerende Leistung, die korrigiert werden muss.
Drachme oder Euro – natürlich wählt man da die schlauere Variante (für mich auch noch nicht geklärt) – wichtig ist doch erstmal die Entschuldung durch Schuldenerlass – ein Schuldenschnitt muss her - Griechenland muss dafür vorher seine Zahlungsunfähigkeit anmelden... Die griechische Regierung sollte endlich das Heft des Handelns wieder in die Hand nehmen, und sagen was geht und was nicht geht – natürlich nach Rücksprache mit den griechischen Bürgern. Die Griechen dürfen sich ihre Zukunft nicht von den Mächtigen Europas diktieren lassen.
Fro schrieb am 15.09.2011 um 03:02
Korr.
„...Die Griechen dürfen sich ihre Zukunft nicht von den Mächtigen Europas und dem Finanzmarkt diktieren lassen“

„...Vernunftverweigerung aus wahltaktischen Gründen“

Rechtspopulisten schauen auf „Volkes Stimme“ und Linke auf „obrigkeit“sbestimmte Medienresonanz – seht ihr nicht, wie absurd das Ganze ist? Wo bleibt das Schlaue?
claudia schrieb am 15.09.2011 um 06:46
>>...SPD, Grüne, Linke haben einfach nur Schiss,...<<
bei der Partei "die Linke" ist ziemlich viel Schiss vorhanden vor den kapitalistischen Massenmedien, das kann ich bestätigen. (Bei SPD und Grünen spielen sicher noch andere Dinge hinein.

Auf der Montagsdemo habe ich erneut dazu aufgerufen, eine Solidarität der Völker zu praktizieren. Gerade hier im europäischen Zentrum der Reichtumsmehrung auf Kosten der Untertanen wäre das ein wichtiges Signal.
Wir müssen unmissverständlich klarmachen: Auch wenn die Massenmedien verklickern wollen, dass wir in einem ökonomischen Kriegsschiff sässen, ist die Frage, wem die Kanonen gehören und wer als Rudersklave missbraucht wird nicht nebensächlich. Und die Frage, ob Kriegschiffe unsinkbar sind, versteht sich.

Wenn wir erreicht haben, dass eine Bürgerbasis überhaupt mal sich in die Lage versetzt, eigenen Willen zu äussern, dann

- muss eine linke Partei nicht länger Angst davor haben, dass sie von obrigkeitstragenden Massenmedien als Abweichler beschimpft wird.

- kann von unten eine andere Form der Schlauheit entwickelt werden als die zur Zeit von oben verordnete Hökerschläue.
Fro schrieb am 16.09.2011 um 01:28
Ja, internationale Solidarität ist eine schöne Sache, aber leider fast zum Fremdwort verkommen. Gut dass du dran bleibst;-) Die Bürger müssen aber wissen, was das konkret heißen soll, und kann. Solidarität unter Anleitung von Herrn Ackermann kann es aber nicht sein - Rettungsschirm und Eurobonds in dieser Drucksituation hilft den Falschen. Eurobonds hätte man vor ein paar Jahren einführen müssen - nun erst wieder nach dem Schuldenschnitt, der wohl noch für einige andere Länder mehr in Anspruch genommen werden muss, und für dessen Folgen (erneute Bankenrettungsaktionen) endlich mal die Finanzmarktakteure zur Kasse gebeten werden müssen. Z.B. durch Systemgewinnersteuer, Krisenverursachersteuer oder Krisengewinnersteuer, oder was weiß ich.

„Wenn wir erreicht haben, dass eine Bürgerbasis überhaupt mal sich in die Lage versetzt, eigenen Willen zu äussern, dann ….“

Ja, dann wäre auch noch mehr möglich. Klappen wird es nur, wenn der formulierte und im Diskurs geprüfte und entwickelte Willen nicht in irgendwelchen Datenbanken versickert oder im Reißwolf endet, sondern einen sichtbaren und natürlich möglichst wirksamen Ausdruck findet.
Das unterentwickelte Beteiligungsbedürfnis der Bürger müsste mit attraktiven Angeboten gepusht werden....
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