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Kirchhof – Wahnsinn in Zahlen
Verantwortlich: Jens Berger |
Ein Steuerkonzept ohne Schlupflöcher, sozial ausgewogen, unkompliziert und dazu noch aufkommensneutral – so beschreiben die großen Tageszeitungen das Kirchhof-Modell, für das die Journaille in dieser Woche die ganz große Werbetrommel rührt. Um zu belegen, wie „einmalig sozial“ sein Modell ist, lässt man den Paul Kirchhof öffentlichkeitswirksam Fallbeispiele aus dem Hut zaubern, mit denen belegt werden soll, dass vor allem Geringverdiener von seiner Steuerreform profitieren würden. Wenn man das Kirchhof-Modell einmal mit dem spitzen Bleistift durchrechnet, kommt man jedoch zu einem ganz anderen Ergebnis.
Steuererklärungen sind sicherlich nicht unbedingt vergnügungssteuerpflichtig. Sonderausgaben, Altersvorsorgeaufwendungen, außergewöhnliche Belastungen, Werbungskosten, und so weiter, und so fort – die meisten Steuerpflichtigen nutzen zumindest einen Teil der erlaubten Möglichkeiten, um das steuerpflichtige Einkommen ein wenig zu drücken und so Steuern zu sparen. Daher ist es auch nur mäßig zielführend, die Steuerbelastung unseres geltenden Steuersystems mit all seinen Abschreibungsmöglichkeiten mit der in einem radikalen Steuersystem ohne Abschreibungsmöglichkeiten zu vergleichen. Nichtsdestotrotz werden diese Vergleiche immer wieder angestellt – vor allem dann, wenn die verantwortlichen Redakteure das Kirchhof-Modell oder vergleichbare Radikallösungen propagieren.
Um die theoretisch zu zahlende, von der tatsächlich veranschlagten, Einkommensteuer abzugrenzen, kann man sich beispielsweise bei den umfangreichen Tabellen des Statistischen Bundesamtes bedienen. Diese Zahlen lassen selbstverständlich keine stichhaltigen Modellrechnungen zu, wohl aber eine relativ zuverlässige Schätzung*.


Kinderlose zahlen drauf
Eine Besonderheit des Kirchhof-Modells, die Sozialverträglichkeit vorgaukeln soll, sind die relativ hohen Freibeträge. Kirchhof beziffert sie mit 10.000 Euro pro erwachsenem Familienmitglied (bei gemeinsamer Veranlagung) und mit 8.000 Euro pro Kind. Während kinderreiche Familien im niedrigen und mittleren Einkommensbereich so erst relativ spät in den zu versteuernden Einkommensbereich kommen, schlägt die relativ hohe Besteuerung in den unteren Einkommensbereichen bei kinderlosen Steuerpflichtigen voll zu. So werden Alleinstehende ohne Kind bis zu einem Jahreseinkommen von etwas mehr als 40.000 Euro durch das Kirchhof-Modell stärker belastet, als durch das aktuelle Steuersystem. Bei kinderlosen Paaren verstärkt wiederum der Wegfall des Ehegattensplittings diese Tendenz, so dass selbst kinderlose Paare mit einem Jahreseinkommen von 80.000 Euro beim Kirchhof-Modell schlechter dastehen.
Je mehr Kinder ein Haushalt auf seiner Steuerkarte stehen hat, desto mehr profitiert er vom Kirchhof-Modell. Natürlich profitiert man jedoch nur dann, wenn man ein relativ hohes Einkommen hat. Bei Geringverdienern spielen die Freibeträge des Kirchhof-Modells kaum eine Rolle, da sie auch beim aktuellen Steuersystem von Freibeträgen profitieren und erst relativ spät in die Progressionszonen rutschen, die höhere Grenzsätze aufweisen als das Kirchhof-Modell. Anders als stets kommuniziert, ist das Kirchhof-Modell keine familienpolitischen Wohltat – die vermeintliche Familienfreundlichkeit entpuppt sich bei näherer Betrachtung vielmehr als Nebelkerze, die von den eigentlichen Profiteuren ablenken soll.
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Das mag stimmen, ändert aber nichts daran, dass die grundsätzliche Richtung der Kirchhofschen Vorschläge stimmt - nämlich ein Steuerrecht, dass von niemandem (nicht einmal vom Finanzamt) in Gänze durchschaubar ist, radikal zu vereinfachen. Die überproportionale Entlastung von Großverdienern ist mittels einkommensabhängigen Stufentarif und vor allem durch Streichung aller dubiosen Abschreibungsmöglichkeiten leicht zu beheben.
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Sie stimmt eben nicht. Hier reden Leute von etwas, von dem sie nicht den Hauch einer Ahnung haben. "Oh, dass Steuerrecht ist ja so kompliziert, ich mach ja so gerne eine Steuererklärung". Oder meinen, Steuerrecht sei schon deshalb kompliziert, weil der böse Finanzbeamte dieses Jahr das Navi, den Reisekoffer und den Urlaub auf Mallorca nicht als Werbungskosten anerkannt hat...
Das Leben ist nicht einfach, erst Recht nicht die Einkommens- und Vermögensverhältnisse. Auch das alltägliche rechtliche Leben nicht: Unser BGB, welches unser alltägliches Zusammenleben regelt, hat über 2400 §§. Das HGB, auf welches sich die steuerliche Gewinnermittlung stützt über 500 §§. Das StGB über 400 §§. Die Zivilprozessordnung über 1200 §§. Hört man hier ein ähnliches Wehklagen? Nein. Aber ein neoliberaler INSM-Botschafter verlockt die breite Masse, die die 920 Euro Werbungskostenpauschbetrag nicht voll bekommt, eigentlich gar keine Steuererklärung machen muss und vom Spitzensteuersatz so weit entfernt ist wie die Erde vom Mond jubelt einem Steuersenker der oberen 10.000 zu... Tut mir leid, aber grade im linken Bereich fallen derart viele Leute auf diesen Blender und Bauernfänger rein, dass ich an meiner eigenen Einstellung zweifle. Kirchhof sollte zu simyo wechseln. Weil einfach einfach einfach ist... |
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Mal wieder nichts verstanden
Sowohl die geistigen Tiefflieger der Politebene, als auch die von den Systemmedien verdummten Nachplapperer haben das Kirchhof-Modell nicht verstanden. Die an der Macht stehenden Politiker sehr wohl, denn die lehnen das Modell aus Gründen der Absicherung eigener Pfründe und die ihrer Klientel ab. Alles stürzt sich nur auf den Punkt Lohn- und Einkommensteuer. Dabei muß man das Modell in seiner Ganzheit betrachten. - Vereinfachung des Steuersystems und dadurch höhere Transparenz auch bei den bildungsfernen Schichten - mehr Steuergerechtigkeit : Kirchhof hat Recht, wenn er sagt : Es kann doch nicht fair und richtig sein, wenn Kapitalerträge niedriger besteuert werden als Arbeitsleistung. Genau das aktuelle Steuersystem führt doch dazu, dass die Reichen immer Reicher werden und die Armen kaum eine Chance haben Reich zu werden. Dieser blöde Spruch ''Ich lasse mein Kapital für mich arbeiten'' trifft genau den Kern, der zu den Ungerechtigkeiten führt. Denn dieses ''Ich lasse mein Kapital für mich arbei-ten'' bedeutet nichts anderes, als das viele andere Menschen für mich arbeiten sollen. Das ist perfide Sklaverei durch Kapital. - Unternehmenssteuern (wird leider in der ganzen Diskussion auch vergessen) Beim Kirchhof-Modell werden endlich mal die ganzen internationalen Großkonzerne und AG´s auch zur Steuerkasse gebeten und nicht nur der nationale Mittelstand der KMU ohne ausländische Dependancen oder undurchschaubare Holding-Konstruktionen. Zur Erinnerung : Allein im Jahr 2010 haben die DAX-30-Konzerne ein EBIT /Gewinn von 96,6 Milliarden € erzielt - und keinen Cent Gewerbe- oder Unternehmenssteuer in Deutschland gezahlt. Im übrigen empfehle ich den Systemmedien und "Steuerfachleuten", mal die Ergebnisse der Testläufe bei der Uni Heidelberg und den 6 Länderfinanzministerien abzufragen, die bei der Studie des Modells beteiligt waren. Darüber hinaus : Viele Kirchhof-Gegner haben wohl immer noch nicht den Unterschied zwischen Theorie und Praxis verinnerlicht. Was nutzt ein theoretischer Spitzensteuersatz von 56 %, wenn durch die aktuelle Steuergesetzgebung sich insbesondere die Top-Verdiener auf einen Steuersatz von 15 - 20 % herunterrechnen können - alles ganz legal dank 33.000 Schlupflöchern. |
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Liebe Margareth Gorges,
auch ich habe den Beitrag von Jens Berger auf den Nachdenkseiten gelesen und mich aber geärgert, weil dieser sonst kluge und kritische Mann wohl einmal nicht ausreichend nachgedacht, bzw. recherchiert hat. Ich muss meiner Vorkommentatorin, Mickaela recht geben, und will ihre Argumente hier nicht wiederholen. Man/frau mag gegenüber Kirchhof gewisse Meinungen bezüglich seiner Parteizugehörigkeit, oder seiner besitz-bürgerlichen Einstellung hegen, aber was sein Gerechtigkeitsempfinden angeht, da bitte ich doch darum im einmal zuzuhören; Alexander Kluge ihn interviewt: www.dctp.tv/#/vorfahrtsregeln-der-macht/paul-kirchhof-das-mass-der-gerechtigkeit/ mfG |
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Liebe Margareth Gorges,
auch ich habe den Beitrag von Jens Berger auf den Nachdenkseiten gelesen und mich aber geärgert, weil dieser sonst kluge und kritische Mann wohl einmal nicht ausreichend nachgedacht, bzw. recherchiert hat. Ich muss meiner Vorkommentatorin, Mickaela recht geben, und will ihre Argumente hier nicht wiederholen. Man/frau mag gegenüber Kirchhof gewisse Meinungen bezüglich seiner Parteizugehörigkeit, oder seiner besitz-bürgerlichen Einstellung hegen, aber was sein Gerechtigkeitsempfinden angeht, da bitte ich doch darum, ihm einmal zuzuhören; Alexander Kluge ihn interviewt: www.dctp.tv/#/vorfahrtsregeln-der-macht/paul-kirchhof-das-mass-der-gerechtigkeit/ mfG |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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