Marian

Blog von Marian

11.02.2009 | 14:17

Das Ende der Island-Saga

„Die Deutschen müssen begreifen, dass die Menschen in Island alles verloren haben.“(1)
Besser konnte es Islands Staatspräsident mit dem klangvollen Namen Olafur Ragnar Grimsson nicht auf den Punkt bringen. Bereits Ende September letzten Jahres zeichnete sich ab, dass Island im Zuge der internationalen Finanzkrise in ernste Schwierigkeiten geraten würde. Die Bonitätsnote Islands erlebte innerhalb kürzester Zeit eine ebenso rasante Talfahrt wie die isländische Krone und die Spatzen pfiffen alsbald das böse Wörtchen Staatsbankrott von allen Dächern.(2)

Islands Regierung reagierte schnell und energisch (man könnte auch sagen: hektisch und verzweifelt) indem sie kurzerhand per Notstandsgesetz die Kontrolle über das nationale Bankensystem übernahm. Die Pleite Islands konnte letztlich nur durch einen milliardenschweren Kredit des Internationalen Währungsfonds und der skandinavischen Länder abgewendet werden(3), tausende Sparer verloren dennoch ihr Vermögen und die bis dahin bestehende konservative Regierung ihren Rückhalt bei den gut 320.000 Isländern, die sich, wer hätte es gedacht, alles andere als erfreut über diese unrühmliche Entwicklung zeigten.(4)

Da reibt sich manch einer noch heute verwundert die Augen: Drohender Staatsbankrott? Verstaatlichung des Bankensektors? Zusammenbruch der Regierung? Und das alles nicht in irgendeinem Dritte-Welt-Land, sondern in Island? Das Island, welches lange Zeit als mustergültiges Beispiel dafür galt, dass Deregulierung und Privatisierung den wirtschaftlichen Erfolg grundsätzlich im Schlepptau haben?

Das Märchen vor dem Fall

Unter der Regierung Davíð Oddssons wurde Island seit den achtziger Jahren zum wirtschaftsliberalen Musterland par Excellenze umgeformt. Nach dem Vorbild seiner Ikonen Margaret Thatcher und Ronald Reagan brachte er Reformen auf den Weg, mit denen das Bankenwesen privatisiert und die Finanzmärkte liberalisiert wurden.(5) Lange Zeit schien es so, als würde die Rechnung aufgehen. „Deregulation brings boom time to Iceland”, jubilierte noch im Dezember 2007 James McLean auf Times online und führte begeistert aus, wie aus dem vormaligen „backwater“ ein wahres Investitionswunderland geworden sei, das die Reichen und Superreichen scharenweise anzulocken wüsste.(6)

Man kann es ihm kaum verübeln, denn so wie er haben bis vor kurzem noch fast alle geredet, und zwar nicht nur Reporter, denen man solche Fahrlässigkeiten vielleicht noch nachsehen mag. Studierte Ökonomen, echte Fachmänner und –frauen also, rund um den Globus waren sich darin einig, dass das kleine Island einer der ganz großen, innovativen und wettbewerbsfähigen Volkswirtschaften der Welt sei(n müsste). So belegte man auch im „World Competitiveness Scoreboard 2007“ des International Institute for Management Development, nach eigenen Angaben „a leading global business school“ (7), im Vergleich mit 55 anderen Nationen einen ansehnlichen 7. Platz und wurde zu Europas drittstärksten Wirtschaftsstandort (v-)erklärt.(8)

Islands Schwächen wurden nicht wahrgenommen.

Völlig übersehen wurden dabei die elementaren Schwächen Islands, dessen enormes Wirtschaftswachstum vornehmlich einem aufgeblasenen Bankensektor zu verdanken war. Die isländischen Banken hatten sich allerdings bei ihren aggressiven Expansionsstrategien hoffnungslos verhoben. Gegen Ende des Jahres war mehr als die Hälfte des isländischen Bankenvermögens im Ausland angelegt. Finanziert wurde dieses abenteuerliche Unternehmen über Schulden, die eine enorme Abhängigkeit Islands vom weltweiten Großhandelsmarkt mit sich brachten. Als Mitte 2007 die ersten globalen Turbulenzen zu beobachten waren, fingen Islands ökonomische Probleme an, die letztlich zur Katastrophe führen sollten.(9)

Offenkundig wurde, dass das enorme Wachstum der isländischen Banken nicht innerhalb eines soliden ökonomischen und politischen Rahmens stattfand und man für den Fall der Fälle keinen Notfallplan parat hatte. Island wurde, bildlich gesprochen, von der Finanzkrise mit heruntergelassenen Hosen erwischt und konnte nur noch reichlich verdattert miterleben, wie sich der einstmalige Wohlstand praktisch in Luft auflöste.
 

Einer der entscheidenden Gründe für das Scheitern Islands dürfte dessen politische Kultur sein, deren Schwächen nun überdeutlich und für jeden sichtbar ans Tageslicht treten. Der Privatisierungs- und Deregulierungsprozess Islands war von Anfang an gekennzeichnet von Nepotismus und Inkompetenz. Wichtige Ämter wurden hin und her geschoben, Bekanntschaften und Verwandtschaften – soziales Kapital – waren allemal wichtiger, als Erfahrung und Kompetenz.(9)
 

Das demokratische Defizit Islands wird anhand des Beispiels
Davíð Oddssons überdeutlich. Man stelle sich einmal vor: ein vormaliger Regierungschef und Außenminister, übrigens ein gelernter Anwalt, ernennt sich mal ebenso selbst zum Chef der Zentralbank. Und das Parlament? Schweigt. Die Medien? Üben keine Kritik.  Allzu lange konnte es sich die politische Klasse Islands im Elfenbeinturm gemütlich machen, lebte abgeschottet von der Öffentlichkeit und betrieb eine Misswirtschaft, die über kurz oder lang nicht gut gehen konnte.(10)

Nichtsdestotrotz waren Laien wie Fachmänner weltweit voller Bewunderung für das ach so moderne, flexible und deregulierte Island. Man kann es den ersteren nicht zum Vorwurf machen, dass sie nichts von der mangelnden ökonomischen Substanz Islands, deren Demokratiedefizit und Vetternwirtschaft wussten. Man darf bzw. sollte aber die Frage stellen, warum jene, die es hätten wissen müssen, tatsächlich nichts gewusst haben, bevor es zu spät war.  

„Wir sind eine Wissenschaft, die arrogant auftritt, aber gar keinen Grund hat, arrogant zu sein.“

Dies gab kürzlich der Havard-Ökonom Dani Rodrik unumwunden zu. Er ist nicht der Einzige aus dem Umfeld der Wirtschaftswissenschaften, der selbige mittlerweile äußerst kritisch bewertet. Einen Schritt weiter als Rodrik ging etwa Moisés Naím, Chef der Zeitschrift "Foreign Policy", der auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos der ökonomischen Zunft absprach, überhaupt eine Wissenschaft zu sein.(11)

Das ist vielleicht etwas zu radikal formuliert, bringt es aber dennoch gut auf den Punkt: Viel zu lange haben sich die Ökonomen weltweit, insbesondere aber in Deutschland, hinter abstrakten Modellrechnungen versteckt, die in sich geschlossen vollkommen logisch sind, aber nicht selten praktisch keinen Bezug zur Realität haben. Statt aber die hinter den Rechnungen stehenden Annahmen kritisch zu überprüfen blendet man die wenigen kritischen Stimmen mit einer Arroganz aus (12), die, wir haben es gehört, schlicht nicht angebracht war.
  
Jede Wissenschaft sollte stets offen sein für neue Ideen, Andersdenkende und Nonkonformisten, will sie nicht Gefahr laufen, zu einer selbstreferenziellen Plauderrunde zu degenerieren. Die Finanzkrise im Allgemeinen und das Ende der Island-Saga im Speziellen haben deutlich gemacht, dass die Lehre der Ökonomie aber zumindest zum Teil genau diesen Weg beschritten hat. Der Nachholbedarf scheint riesig.  
   
Quellen:
 

1 http://www.ftd.de/politik/international/:Krisland-Deutsche-Kaupthing-Anleger-vor-Totalverlust/472253.html   2 http://www.ftd.de/politik/international/:Kampf-gegen-Kernschmelze-Island-k%E4mpft-gegen-Zusammenbruch/422549.html   3 http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,591531,00.html   4 http://www.zeit.de/online/2008/49/island-bankensturm   5 http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/61/313962/text/   6 http://business.timesonline.co.uk/tol/business/markets/europe/article2963336.ece   7 http://business.timesonline.co.uk/tol/business/markets/europe/article2963336.ece   8 http://www.inosanchez.com/files/ii/2007wcy_scoreboard.pdf   9 http://www.georg.is/?object=news&cat=1&id=76   10 http://www.taz.de/1/leben/buch/artikel/1/statt-champagner-gibts-nun-saure-milch/   11 http://www.ftd.de/meinung/leitartikel/:Kolumne-Thomas-Fricke-Zeit-f%FCr-eine-Bad-Ideas-Bank/470684.html?mode=print   12 http://www.woz.ch/artikel/inhalt/2008/nr48/Risk%20Development/17204.html
 
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Kommentare
Giuseppe Navetta schrieb am 11.02.2009 um 21:37
Schöner Artikel! Die empirischen Überprüfungen der modelltheoretischen Annahmen lassen die in der wirtschaftspolitischen Beratung tätigen Monetaristen oder Neoklassiker in der Regel auch nicht zu oder aber sie kümmern sich schlichtweg nicht darum. Bisher hieß es auch immer: Wenn die Annahmen nicht stimmen, dann nur deshalb, weil die Gesetzgeber bzw. die jeweiligen Regierungen den dazu passenden ordnungpolitischen Rahmen noch nicht hinreichend gestaltet haben. Das ist dann das Startsignal für die oftmals tatsächlich mit zumindest in ökonomischen Fragen mit Inkompetenz ausgestatteten Entscheidungsträgern weitere "Reformschritte" einzuleiten. In schöner Analogie zu den modelltheoretische Annahmen in der Neoklassik die mit immer weiteren Prämissen sozusagen zukleistertert werden müssen, damit die Konklusionen aufrecht erhalten werden können, auch wenn diese mit der Wirklichkeit nichts mehr zu tun haben.
Marian schrieb am 11.02.2009 um 21:49
"Bisher hieß es auch immer: Wenn die Annahmen nicht stimmen, dann nur deshalb, weil die Gesetzgeber bzw. die jeweiligen Regierungen den dazu passenden ordnungpolitischen Rahmen noch nicht hinreichend gestaltet haben."



-- Ja, genau das ist die Argumentation: die Dosis war eben zu gering. Das Problem ist natürlich, dass man dieses Argument immer bringen kann. Ziel nicht erreicht? Ihr habt euch noch nicht genug bemüht. Gut, ihr seid schon auf dem richtigen Weg, aber das reciht natürlich noch lange nicht, weil der Erfolg ja bislang ausgeblieben ist...eine gewisse Bauernschläue steckt ja dahinter, nur hat das mit Wissenschaft nichts mehr zu tun.
peson schrieb am 12.02.2009 um 12:17
"Die empirischen Überprüfungen der modelltheoretischen Annahmen lassen die in der wirtschaftspolitischen Beratung tätigen Monetaristen oder Neoklassiker in der Regel auch nicht zu oder aber sie kümmern sich schlichtweg nicht darum.

Richtig, Schön gesagt.
Wenn man das Ganze jedoch als Religion auffasst, ergibt es einen (Prof.) Sinn.
Man muss eben "nur" glauben. Wissenschaftliche Beweise sind da fehl am Platz.
Natürlich werden das die besagten Neoklassiker und ihre Bagage nie zugeben.
Dann würde ja die ganze wissenschaftliche Tünche fürs dumme Volk zum Teufel gehen.
Kölner schrieb am 12.02.2009 um 10:58
Mich würde interessieren, welche Konzepte nun die neue Regierung aus Allianz und Linksgrünen hat... Wir das Finanzsystem nunmehr grundlegend refomiert und vor allem deokratisiert? Das wäre doch eine einmalige Chance... und ich bin gespannt, welches Verhältnis Island zur EU entwickelt... aber erstmal danke für diesen Artikel!
Marian schrieb am 12.02.2009 um 17:33
Der Entwicklung ins Island darf man in der Tat mit Spannung zusehen. Es bleibt zu hoffen, dass die Krise den neoliberalen Zeitgeist mitsamt seinen antidemokratischen Tendenzen hinreichend diskreditiert hat, um eine Wende herbeizuführen. Fraglich bleibt natürlich, ob sich die isländische Zivilgesellschaft in dem von Vetternwirtschaft geprägten politischen Umfeld bislang dergestalt ausbilden konnte, dass die notwendige Gegenbewegung auch wirklich stattfindet. Wie wir ja nur zu gut wissen, sind auch sogenannte Sozialdemokraten und Grüne nicht vor Korruption gefeit.
Hoffen wir das Beste.

MfG
Marian
mittelmaß schrieb am 12.02.2009 um 11:34
Ein sehr guter Artikel. Ich kann mich erinnern vor Ausbruch der derzeitigen Krise immer nur Loblieder über die isländische Wirtschaft gelesen zu haben. Irgendwas von der wundersamen Nutzung von Geothermie und der fiesen Fischereiflotte die Wale jagt. Island war bei so ziemich allen Wohlstandsstatistiken ganz oben mit dabei, obwohl mir kein einziges Produkt einfällt, dass dort produziert würde...

P.S. Man kann die Nummern im Text einfach direkt verlinken (das geht mit dem Kettensymbol).
peson schrieb am 12.02.2009 um 12:01
Was mich interessiert ist, wieso man nun aus europäischer Sicht (vor allem GB und Deutschland) so überheblich auf das kleine Island herabsieht.
Sind denn die hier geschilderten Verhältnisse in Großbritannien und Deutschland so viel anders ? Ich glaube nicht.
Die Bürger Islands wehren sich zu mindest. Davon habe ich in den oben erwähnten Ländern nichts bemerkt.

P.S.Man sollte auch nicht vergessen, dass der endgültige Auslöser der isländischen Bankenkrise die Einstufung Islands als Terror-Land mit allen negativen Folgen durch Premierminister Brown war. Man sollte sich z.Z. in Reykjavik nicht als Brite zu erkennen geben.
Marian schrieb am 12.02.2009 um 17:35
"P.S. Man kann die Nummern im Text einfach direkt verlinken (das geht mit dem Kettensymbol)."

Danke für den Hinweis. Beim nächsten Eintrag werde ich mir noch mehr Mühe mit dem "Layout" geben.

MfG
Marian
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