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Das von Mondadori unter dem Titel “Eva dorme” veröffentlichte Buch wurde in Italien zum Bestseller und beschreibt die komplexe historische Geschichte des Landes Südtirol, das nach fast 100 Jahren noch immer nicht ganz zu Italien gehört.
Eva ist erwachsen, polyglott und emanzipiert. Ihre Großeltern, hatten noch auf den bäuerlichen Höfen in den Bergen Südtirols von der Landwirtschaft gelebt, ihre Mutter Gerda erlebte die Entwicklung des Tourismusboom, der Hotels und Skianlagen. Gerda war die Tochter eines Optanten, der sich während der Zeit des Faschismus dazu entschieden hatte, seine Heimat Südtirol zu verlassen, um seine deutsche Sprache zu behalten um dann als Heimatverräter zurück zu kommen. Sie war die Schwester eines Terroristen, der in Zeit schwerer ethnischer Konflikte und öffentlich roher Gewalt gegen den aufgezwungenen Staat Italien rebellierte. Gerda war von ihrer Familie noch verstoßen worden, weil sie ein uneheliches Kind erwartete und ihre interethnische Liebe zu dem kalabrischen Carabiniere Vito, war von den herrschenden Umständen der Dominanzkultur verboten. Eva erzählt die Familiengeschichte auf ihrem Weg mit dem Zug nach Kalabrien, weil sie Vito, die einzige Vaterfigur in ihrem Leben, wiedersehen wird.
Francesca Melandri beschreibt in ihrem Roman die Geschichte eines Landes ohne Staat und einer Tochter ohne Vater. In 35 Kapiteln durchreist sie dramaturgisch und geographisch die knapp 1.400 km von Italien, diesem großen oft undurchsichtigen Land Italien, auf der Suche nach Identität und Versöhnung.
Der Entwicklungsroman, umschließt die Jahre 1919 bis 1992. Mit rührenden Details und leichtem Witz, gelingt es Francesca Melandri einen erfrischenden Wind in die Geschichtsschreibung Südtirols zu bringen. Ihre Sprache ist lebendig und mitreißend, die dramatischen Ereignisse sind facettenreich und bildhaft dargestellt, aber ohne ergreifendes Pathos, mit der die Geschichte Südtirols zu oft aufgerollt wird. Parallel zum Aufblättern historischer Fakten wie der Option, den Mailänder Prozessen und die Versammlung auf Schloss Sigmundskron, entwickelt sich die Liebesgeschichte zwischen Gerda und dem kalabrischen Carabiniere Vito Ananaia. In der Zeit der Feuernächte, Bombenjahren und dem schweren diplomatischen Weg zur heutigen Autonomie, ist er in Südtirol stationiert, um den dort herrschenden Terrorismus der 60er Jahre zu bekämpfen. Aufgrund des ethnischen Verbots, wird die Liebesbeziehung zwischen den jungen Erwachsenen und die väterliche Beziehung zu Eva auf die Probe gestellt.
Francesca Melandri füllt mit diesem Buch ein weiteres Puzzleteil der italienischen Nationalgeschichte. Melandri erzählt nicht nur die historisch politischen Ereignisse, wie die mehrmalige Sprengung eines faschistischen Alpinidenkmals, das bis heute noch in der Kleinstadt Bruneck steht. Sie geht im Roman auch auf die soziokulturellen Prozesse ein, sei es der Einfluss der 68er Jahre, als deutsch- und italienischsprachige Studenten und Jugendliche zum ersten Mal gemeinsam gegen „jeglichen Nationalismus“ protestierten: gegen den Faschismus, aber auch gegen den übersteigerten Patriotismus der Südtiroler Schützen oder den in den Terrorjahren zunehmenden Einfluss nationalsozialistischer Gruppen aus dem deutschen und österreichischen Ausland. Auch der große Respekt, der dem italienischen Politiker Aldo Moro vom Landeshauptmann Silvius Magnago entgegen gebracht wurde, als es galt durch diplomatisches Gespür die Bedürfnisse seiner Landsleute und die des italienischen Staates in Einklang zu bringen, ist ein geschickter Schachzug der Autorin, um aus der provinziellen Problematik eine italienische Thematik zu machen.
Die linguistische Verortung der Geschichte in einen plurilinguistischen Kontext, wie er in Südtirol durch die Amtssprachen deutsch und italienisch vorherrscht, ist der Autorin nicht fremd, denn sie lebte lange Zeit in Thailand und damit in der lingua franca englisch. Außerdem lernte sie im Ferienhaus ihrer Eltern in Südtirol auch deutsch und die dritte Amtssprache ladinisch. Sie definiert sich also auch nicht nur durch eine Sprache und eine Weltanschauung und erklärt das zu ihrem größten Glück. Diese Verortung in einen third space, wie ihn Homi Bhabha schon beschrieb, gibt Melandri aus dem Blickwinkel der Distanz das Feingefühl und den Respekt für ein Land, „an dem, damals wie heute, viele Italiener die Geografie lieben, aber die Geschichte ignorieren.“
Andererseits ist der Roman auch für viele ehemalige Soldaten, die in Südtirol stationiert waren eine große Erleichterung. Endlich wird auch ihre Geschichte erzählt, ihr Krieg und ihre Toten beweint, die in den Bombenjahren ums Leben kamen. Tausende von Soldaten, vor allem aus den südlichen Regionen, wurden in den ungelenken Bergen stationiert. Sie dachten, sie seien in einem Land, das doch faktisch zu Italien gehöre, fanden sich aber in eisiger Kälte wieder, und standen Menschen gegenüber, deren Sprache und Sitten ihnen fremd waren. In den extremen Lebensumständen auf Höfen, 1000 Meter über dem Meeresspiegel, in dem die Bauern ein einsames und karges Leben fristeten, merkten die Soldaten, dass der mutmaßliche Feind nicht den italienischen Staat stürzen wollte, sondern die Menschen in ihrer Einfachheit die Traditionen und Freiheiten wahren wollten, die sie zum Überleben brauchten.
Die Präsentation des Buches in Regionen außerhalb Südtirols, von Piemont bis Kalabrien, war für die Autorin eine interessante Erfahrung, die zeigte, dass die von ihr behandelten historischen Fakten für viele ein unbekanntes Thema war. Ein Anstoß, dieses Buch zu schreiben, war dieses Gefühl, dass Südtirol-Alto Adige nach fast 100 Jahren noch nicht Teil hat, an der kollektiven italienischen Identität. Sie führt das aber auch auf die mangelnde Literatur in italienischer Sprache zurück, in denen die Geschichte ohne Propagandagründe erzählt wird. Umso größer ist die Freude, an dem großen Interesse. Bereits zum fünften Mal wurde das Buch in italienischer Sprache aufgelegt, mehrfach ausgezeichnet und erschien 2011 auch im deutschen Buchverlag.
Eva wuchs über die Ereignisse hinaus, hatte die Freiheit zu wählen, zu studieren, auszuprobieren. Die Geschichte ihres Landes ist für sie nicht mehr zwingend politisch, sie beschäftigt die Identitätsfrage, die hinter dem Roman und hinter der ihr am häufigsten gestellten Frage steht: „Fühlst du dich mehr deutsch oder italienisch?“ In all der politischen und ethnischen Fragestellung, bleibt die Geschichte aber doch privat und drückt die Nostalgie aus, die das Einzelschicksal Evas mit dem Makrokosmos Südtirol verbindet. Die Nostalgie für etwas, das man entweder nicht hatte, oder aber das durch äußere Umstände verloren ging. Es ist schlussendlich ein Buch der Aussöhnung mit der persönlichen Geschichte und der Geschichte des Landes.
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Liebe Marion Zieglauer,
ich finde es sehr schön, dass Sie hier ein Buch vorstellen, das über die Zerrissenheit dieses "Grenzgebiets" berichtet. Und ich würde mich freuen, mehr zu lesen, vor allem von jemandem, der im Trentino wohnt und offensichtlich eine - zwei Generationen danach die Geschichte der zweisprachigen/-kulturellen Provinzen erlebt. Als kleines Dankeschön für Ihren Blog darf ich mich revanchieren mit dem Hinweis auf den Raetia-Verlag in Bozen, www.raetia.com/. Dort ist kürzlich von Herlinde Molling "So planten wie die Feuernacht" erschienen. Eine Übersicht hier: www.raetia.com/index.php?id=1660 Es ist die Aufarbeitung der Geschichte des sog. BAS (Befreiungsausschuß Südtirol) aus den Händen von jemandem, der dabei war und heute das historische Archiv der Gruppe hält. Es ist also diese extreme Tendenz, die Silvius Magnago im Zaum zu halten versuchte, während er auf der anderen Seite bemüht war, den weiteren Zugriff Roms durch Sonderpräfekten abzuwehren. E benvenuta su questo sito ;) e2m |
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Danke für den Tip, ich werde mir das Buch zukommen lassen. Und Sie haben recht, es ist schon eine sehr spannende Lebenssituation in dieser kleinen Provinz
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Vielen Dank, ich habe Ihre Buchbesprechung mit großem Interesse gelesen! Eine Frage habe ich aber dennoch: Kann man interethnisches oder ethnisches Verbot nicht passender als rassistisches Verbot bzw. Rassismus bezeichnen?
Mit besten Grüßen |
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Ja, das muss man wohl. In der Mittelschule vor zwanzig Jahren, war das Ziel von uns Schülern noch, die Italienischlehrerin wenigstens einmal im Jahr zum Weinen zu bringen. Meine Cousine aus Mailand unterrichtet jetzt ebenfalls Italienisch in Südtirol, hat aber von solchen Aktionen glücklicherweise nicht mehr zu berichten. :)
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Da lass ich mich doch mal wieder nieder in die bequemen Sessel eines Kulturkaufhauses und lese das Buch einmal an, und dann schau wir mal
Jedenfalls angefixt bin ich! Danke! HN |
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@Marion Zieglauer
Herzlich Willkommen in der Freitag Community. Danke für die muntermachende Buchbesprechung. |
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Freut mich Ihre Bekanntschaft zu machen.
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Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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