marsborn

marsborn

21.08.2009 | 19:00

Nachholender Popkornwiderstand

Hitlerparodien und Naziverballhornung haben zu Recht seit Jahrzehnten kulturelle Hochkonjunktur, vor allem in den USA und England, seit etwa zehn Jahren verstärkt auch in Deutschland. Während Charlie Chaplin schon über den großen Diktator herzog, als dieser noch persönlich am Endsieg arbeitete, bekämpft man heute auf alle erdenkliche künstlerische Weise vor allem seinen überlebensgroßen Schatten, der offenbar nach wie vor unser Gefühl für deutsche und europäische Geschichte zu dominieren scheint.  Ob Hirschbiegels pathetischer "Untergang", Walter Moers "Adolf, die Nazisau" oder Dani Levys halbgare "...wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler", um nur mal ein paar bekanntere Beispiele aus der neuen Heimat zu nennen, immer bleibt das unbefriedigende Gefühl zurück, die Sache sei damit noch nicht erledigt. Auch der Schoß des künstlerischen Widerstands ist fruchtbar noch. Nun also verwandelt der Chefsadist des internationalen Gegenwartskinos, Quentin Tarantino, dieses Gefühl - unter kräftiger Beteiligung deutscher Darstellerhoffnungen für eine Hollywoodkarriere - in einen trashigen Blockbuster voller fröhlicher nazimordender Juden, der in Deutschland bejubelt wird, während man sich im Rest der Welt eher verwundert die Augen reibt.
  Mich interessiert nicht der Film, Tarantino soll machen, was er will und wer seine quietschend trashcoolen Gewaltphantasien mag,  soll sich das reinziehen,  so oft er will, da diese Phantasie ja "nur" als "ästhetischer" Spaß auf der Leinwand stattfindet.  (Man muss sich dass ja, wenn man so etwas nicht mag, ebenso wenig anschauen wie Mel Gibsons "Passion Christi" oder Lars von Triers "Antichrist", um mal zwei andere filmische Gewaltphantasien ganz anderen Inhalts  zu benennen. ) Ich frage mich aber, warum diese splatterblutige, kindische Rachephantasie "Inglorious Basterds" gerade heute und besonders hierzulande auf so viel Begeisterung stößt. Vielleicht geben wir uns ja mit diesem Film der heimlichen Illusion hin, es diesen blöden Nazimördern, die unsere Vergangenheit in so ein unerträglich schwarzes Loch verwandelt haben, mit dem Kauf einer Kinokarte mal so richtig geben zu können? Ahh, das tut gut... Endlich einmal Juden, die sich auch nicht besser benehmen als unsere Großväter seinerzeit! Darauf eine Tüte Popkorn.

Fragen: Warum gibt es derartige Filme heute eigentlich noch nicht über Stalin, Pol Pot oder Mao & Co? Quentin, Lars? Hm??

 
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Kommentare
Knüppel schrieb am 21.08.2009 um 20:20
Hi marsborn,

"Nun also verwandelt der Chefsadist des internationalen Gegenwartskinos, Quentin Tarantino, dieses Gefühl - unter kräftiger Beteiligung deutscher Darstellerhoffnungen für eine Hollywoodkarriere - in einen trashigen Blockbuster voller fröhlicher nazimordender Juden, der in Deutschland bejubelt wird, während man sich im Rest der Welt eher verwundert die Augen reibt."

Ob es wohl mit dieser "Begeisterung in Deutschland" folgende Bewandnis haben könnte?

Die "Schutzbehauptung" vieler Deutscher, nachdem ihnen die Nazigreuel - nach dem Ende des 2. Weltkrieges - von den Allierten gezeigt wurden (z.B. die zwangsweise Besichtigung der verhungernden KZ-Häftlinge), "sie hätten von alledem nichts gewußt", brach in sich zusammen.

Sie wollten es nicht wissen und ... ihre über Nacht verschwundenen jüdischen Nachbarn machten ihnen auch keine schlaflosen Nächte. Da hatte die menschenverachtende Propaganda von den "Untermenschen" doch ihre volle Wirkung entfaltet.

Also diese Deutschen, die selbst nicht gegen die Diktatur aufmuckten (ein Attentat war ja schließlich nicht gesetzmäßig :-)), wünschten sich vielleicht insgeheim irgend jemand hätte für sie dieses Regime beseitigen mögen (falls sie nicht überhaupt selbst Nazis waren).

Da kommt doch solch eine Phantasie von jüdischen Rächern (die ja allen Grund zur Rache haben, wenn ihre Familien ermordet wurden) gerade recht, oder? Die Deutschen müssen sich (in ihrer Phantasie, also im Kino) gar nicht selbst 'die Hände schmutzig' machen, sondern können mal wieder in Ruhe zusehen, wie andere handeln, während sie selbst passiv bleiben. Ob es das ist?

Und vielleicht passt es ja auch durchaus ins Bild der (deutschen) Kinobesucher, wenn ein "echter Jude", wie der Schauspieler und Regisseur Eli Roth, als Donny Donowitz (der u.a. die extrem gewalttätigen Filme "Hostel" und "Hostel 2" drehte) nun als völlig enthemmter Nazi-Töter gezeigt wird, der mit einem Baseballschläger einen Nazi regelrecht zu Brei schlägt und einfach nicht aufhören will/kann?

Was hier in der Psyche deutscher Kino-Besucher geschieht, scheint mir folgendes zu sein:
"Wenn die Juden sich einfach nur richtig gewehrt hätten gegen diese Nazis - mit denen wir Nachgeborenen ja gar nichts zu tun haben, gell? - dann müssten wir uns nicht noch immer mit diesen Schuldgefühlen abplagen."

Und schon ist der "schwarze Peter" wieder bei "den anderen" ... ???

SexPower (übrigens auch etwa 50.000 schwule Männer wurden in den KZs ermordet, siehe unten)

„Der Elsässer Pierre Seel war 17 als ihn die Gestapo wegen seiner Homosexualität verhaftete.

Im Konzentrationslager musste er der Hinrichtung seines Freundes zuschauen. Die Häftlinge waren angetreten, es lief Musik.

Man entkleidete den jungen Mann, stülpte ihm einen Eimer über den Kopf. Dann hetzte die.SS Schäferhunde auf ihn, die ihn zu Tode bissen und zerrissen“.

(Der "Fall" ist verbürgt und u.a. im Archiv des LSVD - Lesben- und Schwulenverband Deutschland dokumentiert)
marsborn schrieb am 21.08.2009 um 20:32
Durchaus, SexPower! So eine Art politisch korrektes Stellvertreter-Abschlachten: "...sind ja nur Nazis und die Täter sind jüdisch, die haben also alles Recht dazu..." Und wir jubeln mit ihnen über jeden abgeballerten deutschen Bösewicht. - Aber Vorsicht, es ist ja bloß Kino, also Kunst! Und Kunst darf bekanntlich (fast) alles. - Man muss aber nicht hingucken...
marsborn schrieb am 21.08.2009 um 20:46
Ach so, und noch: Deutsche im internationalen Kino sind eben auch 2009 - Nazis. (Na gut, einmal wars auch die Stasi, 2006 im "Leben der anderen". Aber sonst?)
marsborn schrieb am 22.08.2009 um 10:13
@meisterfalk: Wer denn?
Deaktivierter Nutzer schrieb am 22.08.2009 um 19:47
Na, musst Du doch wissen. War doch Dein Hinweis, das mit der bedenklichen Deutsche/Nazi-Gleichung. Das, meinst Du, wird 'in Deutschland bejubelt'? Von wem denn, könnte ich jetzt fragen. Meinst Du die 'Anti-Deutschen'? Wieviele sind das?
Ich sehe um mich rum größtenteils national beleidigte Leberwürste.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 22.08.2009 um 00:52
Da jubeln wohl doch nicht alle? Paar sind auch gekränkt?
marsborn schrieb am 24.08.2009 um 20:52
Beleidigte Leberwürste? Aber wer denn nur? Von ZEIT bis SPIEGEL, von WELT bis JUNGE WELT jubeln alle... Ich kann hier unmöglich die Quellen der Jubelartikel auflisten, das sind - nur mal kurz gegoogelt - längst mehrere hundert! Und was heißt: "National" beleidigt? Hats du Quellen, echte Argumente? Mein Probelm ist wie gesagt, dass die Juden als "ebensolche" Sadisten und Verbrecher dargestellt werden, wie die Nazis es waren (nur dass sie ihr Tun noch etwas offensichtlicher als SPASS und nicht als treue Pflichterfüllung genießen...)
Matthias Dell schrieb am 24.08.2009 um 23:34
der freitag hat nicht gejubelt.
Cassandra schrieb am 24.08.2009 um 23:50
Die Zeit hat gejubelt? Damit meinen Sie aber doch wohl nicht Jens Jessens Beitrag, der Seite 1 des aktuellen Feuilletons ziert? Den habe ich anders in Erinnerung.
Cassandra schrieb am 24.08.2009 um 23:51
Deaktivierter Nutzer schrieb am 25.08.2009 um 00:07
@ marsborn

Willkürlich herausgegriffenes Zitat aus einem Forum, in dem der Film diskutiert wird, oder sollte ich sagen, in dem aus Anlass des Films gemotzt wird:

"@Tarantiono-Fan
Sie glauben allen ernstes, dass es Zufall ist, dass wie immer die Bösewichte Deutsche sind? Nur naiv oder schlimmer? Sie haben auch keine völlig unverhätnismässige Häufung dieser Darstellung in entsprechenden Filmen festgestellt?
Sie glauben auch, dass es Zufall ist, dass die Kolonialmächte trotz unglaublicher >Verbrechen verhätnismässig milde dargestellt werden? Sie glauben auch, dass es Zufall ist, dass mit wenigen Ausnahmen (z.B "der mit dem Wolf tanzt") die eigenen Verbrechen eher beiläufig geschildert werden? Ich sehe, Sie stehen mit beiden Beinen im Leben."

Ich hätte deutlichere heraussuchen können, die Fraktion, die immer die Ehre ihrer Großväter in den Dreck gezogen sieht, ist auch unterwegs, desgleichen die, die im Einvernehmen mit dem Grundtenor des staatsoffiziellen Gedenkens an den "Hitler-Stalin-Pakt" davon reden, dass ihre Großväter nur "ihr Volk gegen den Bolschwismus" verteidigt hätten.
Matthias Dell schrieb am 24.08.2009 um 23:41
die entlastung funktioniert, meine ich, wohl eher nicht so, dass die juden sich nicht besser als die nazis benehmen in diesem film, sondern dass die nazis auf die mütze kriegen. vermutlich ist die eigentliche entlastung dem ganzen aber vorgelagert: es darf sich unterhalten werden bei einem thema, das - siehe eichinger - immer mit heiligem ernst propagiert wird, um dann in schlimmsten kitsch zu enden. tarantino ist die erinnerung an die verpasste chance von dani levy, dessen impuls, sich gegen diesen schrecklichen "untergang" zu wehren, richtig war, der dann aber den mut verloren hat. so ist der "untergang" die bessere parodie auf sich selbst als "mein führer", der parodie sein wollte. und tarantino fragt sich das alles nicht.
marsborn schrieb am 25.08.2009 um 12:17
Wie gesagt, was Taratino treibt, interessiert hier nicht, meine Frage gilt der enthusiastischen Reaktion des deutschen Publikums. Hätten Eichinger oder Levy sich so etwas gewagt, wären sie von allen (außer Henryk M. Broder...) in der Luft zerrissen worden! Macht es ein Ami, ist aber alles toll. (Das gleiche Phänomen gab es übrigens in der Literatur: Als der Deutsche Thor Kunkel seinen grandiosen Roman "Endstufe" über einen dekadenten Nazi-Adligen veröffentlichte, killte Wadenbeißer Henryk M. Broder dessen Existenz als Autor bereits vor Erscheinen des Buches - mittels einiger vom Autor gestrichener - sic! - Passagen Rollenprosa. Als der amerkanische Franzose Jonathan Littell das Gleiche in ähnlicher Form mit "Die Wohlgesinnten" tat, dt. 2008, da jublte ganz Deutschland über dessen literarischen Mut.) Das alles sagt, wie ich finde, wenig über die Qualität der Kunstwerke, aber viel über das deutsche Publikum. Möglicherweise ist in der Tat der Aspekt wichtiger, dass hier unsere Nazi-Großväter als Sommer-Filmspaß völlig respektlos niedergemetzelt werden, als wären das böse fremde Aliens und wir (deutsches Publikum) die rächenden Juden. Eine komplette Seitenverdrehungsphantasie... Dann bleibt es bei meinem Satz, dass diese kindische Rachephantasie uns vor allem die Illusion erlaubt, es diesen blöden Nazimördern, die unsere Vergangenheit in so ein unerträglich schwarzes Loch verwandelt haben, mit dem Kauf einer Kinokarte mal so richtig geben zu können... Von mir aus. Aber in den fünfziger Jahren wäre ein solcher Film in Deutschland vermutlich auch schon ein großer Hit geworden. Anderswo reibt man sich über diesen Film verwundert die Augen.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 25.08.2009 um 18:50
marsborn, Du wiederholst Dich.
marsborn schrieb am 25.08.2009 um 18:53
yau, @meisterfalk, ick weeß... aber wenn da herr dell do ni rischti hinliest?!
marsborn
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