marsborn

marsborn

27.09.2009 | 20:41

Verdienter Pyrrhussieg - der Grünen

Ein überraschendes Dilemma, aber nur auf den ersten Blick: Das beste Ergebnis der Grünen bei einer Bundestagswahl jemals erweist sich, egal wie die Zahl hinter dem Komma aussieht, als klarer Pyrrhussieg für diese Partei. Sie ist nun mehr nur noch vierte Kraft im Lande... Das könnte auch auf längere Sicht so bleiben. Auch der Einzug ins brandenburgische Parlament kann darüber nicht hinweg trösten: Angetreten mit altbekannten Parolen und altbekanntem Personal haben die Grünen trotz medial professionalisierter Wahlkampfmaschinerie keine Machtoption mehr in der Bundesrepublik des Jahres 2009.

Die einstigen Ökopaxe werden auf die hinteren Bänke verwiesen, die entscheidenden Kräft im Land sind nun endgültig andere. Die historische Mission der einstmals basisdemokratisch Bürgerbewegten ist ja auch längst erfüllt - die ökologischen und sozialen Ziele sind längst von allen anderen Parteien aufgegriffen worden und können von denen dank anderer Machtoppositionen teilweise bedeutend effektiver in reale Politik umgesetzt werden.  Friedenspolitisch haben sich die Grünen schon "seit Jugoslawien" von ihrem Alleinstellungsmerkmalen getrennt, da war der in der nicht eben ruhmreichen rot-grünen Ära initiierte Afghanistan-Einsatz auch nicht mehr überraschend - außenpolitisch sind die Grünen seither entbehrlich.

 Die Grünen haben seit 1990 kontinuierlich zwei entscheidende Fehler gemacht und nie korrigiert, zwei existenzielle Entwicklungen versäumt und nie nachgeholt, die nun über ihre Zukunft entscheiden:

Zum einen haben sie den Osten Deutschlands bis heute nicht verstanden und zwar vor allem, weil sie die spezifischen Probleme dieser Gebiete einfach nicht interessieren. Allenfalls als Stimmenbeschaffer für die westdeutschen Helden von gestern kommt der Osten überhaupt in den grünen Fokus, vom einstigen Partner "Bündnis 90" bleibt nur noch der Name als traurige Ruine einer verpassten Chance - die wirklich Engangierten aus dem Osten sind von den Karrieregrünen des Westens längst verjagt.  Lediglich als fleißige, profilarme Ostfrau mit Sekretärinnenmentalität kann man bei den Grünen heute überhaupt noch wenigstens zeitweilig auf den entscheidenden Ebenen alibimäßig mitgestalten. Und das die erste historisch erfolgreiche Revolution in Deutschland 1989 quasi ohne Mitwirkung der Grünen von statten ging, ist vielen Möchtegernrevolutionären aus dem einstigen westdeutschen Untergrund bis heute unfassbar, ja unvorstellbar.

Zum zweiten haben die Grünen trotz aller postmoderner Oberflächen-Posen die neuen Generation nicht in ihr Projekt aufnehmen können. Die jungen Gesichter, die man in den Büros und vor allem in der Selbstdarstellung der Partei sehen kann, sind in Wirklichkeit nur ein verschwindend geringer Teil des Projekts:  Die grüne Klientel ist heute in der Regl älter als 40 und eher saturiert. Und wo man sie tatsächlich  gewinnen kann, da dienen die Jüngeren vor allem der Dekoration der Ideen der alternden Platzhirsche - seit 1989 hat sich das Führungspersonal der Grünen kaum verändert! Es sind mehr oder weniger die immer Gleichen, die hier seither auf den diversen Posten an der Spitze rotieren. Entstanden einst aus einem kulturellen Bruch mit der Elterngeneration macht es ihnen die ewige Rebellenpose unmöglich, nun das Zepter weiterzugeben und Raum für neue Ideen und Entwicklungen zu geben. Die Grünen sind und bleiben, die heutige Wahl führt es uns überdeutlich vor Augen, vor allem ein Generationsprojekt der westdeutschen Altachtundsechziger, die mit sich selbst und ihren einst revolutionsträchtigen Ideen so beschäftigt sind, dass sie darüber vergessen haben, ihre Partei weiterzuentwickeln und sich den neuen Realitäten (Jugend, Osten - siehe oben) zu öffen.  Es bleibt zu erwarten, dass sich daran auch in den nächsten Jahren wenig ändern wird. So ist es durchaus wahrscheinlich, dass mit der Generation der Grünen-Begründer auch ihr politisches Projekt in den Ruhestand verschwindet - freilich erst, wenn auch die letzten ewigjungen Grünen zur Einsicht gezwungen werden, dass sie und ihre einst sensationell neuen und notwendigen Ideen alt geworden und die Entwicklung längst schon ganz woanders ist... diese der grünen Mentalität arg zuwider laufende Einsicht wird vermutlich noch ein paar Jahre auf sich warten lassen. So wird auch das Fade-out dieser Partei wohl noch einige Jahre andauern. Zeit, in der es für die notwendige Bewusstseinserweiterung dieser sympathischen Partei noch eine Chance gäbe. Wirklich notwendig ist diese Partei im gegenwärtigen Zustand der deutschen Gesellschaft jedenfalls schon jetzt nicht mehr. Die SPD, wie die Grünen derzeit in einem bösen existenziellen Dilemma, wird sich weiterentwickeln müssen und überleben, denn sie ist unentbehrlich und hat vor allem eine Generationenoffenheit und damit ein junges Millieu, dass die sozialdemokratische Fackel weitertragen kann und wird (ob mit, ob in Konkurrenz zu den derzeit mit Parolen, Gesichtern und Ideen des untergegangenen 20. Jahrhunderts reüssiernden altsozialistischen Linken). Die nachhaltigen Existenzprobleme der Grünen sind vor allem selbstgeschaffen, man verdrängt sie derzeit jedoch nach Kräften erfolgreich. Aber die wirklichen Verlierer der Bundestagswahl 2009 sind bei Lichte betrachtet - die Grünen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
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Kommentare
Friedland schrieb am 27.09.2009 um 21:38
Das amtierende Spitzenpersonal der Grünen ist schon eine gefühlte Unendlichkeit dabei, die Sonnenblumen sind verwelkt, die linke Jugend fühlt sich zunehmend eher bei Attac und Greenpeace wohl...

Die Grünen sind grau geworden, undynamisch, saturiert, ohne neue Ideen und eigene Projekte. Damit unterscheiden sie sich kaum noch von den anderen Parteien.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 29.09.2009 um 20:59
Ich stimme Friedland voll zu: Und wie marsborn sagt, die Grünen sind alt, saturiert und motivieren nicht eine junge Generation, und die Grünen verstehen die Gebiete jenseits der Mauer nicht. Kurz: Für mich sind die Grünen eine Spaltpartei der SPD, beide werden untergehen. Westwärts 1 minus 2.
Magda schrieb am 27.09.2009 um 21:47
Einige Gründe für die Probleme der Grünen im Osten sind im folgenden Beitrag von Ludger Volmer genannt.

www.freitag.de/2008/07/08071001.php
Friedland schrieb am 27.09.2009 um 22:01
Danke, Magda. Immer einen passenden Artikel parat...Gibt's da einen (virtuellen) Zettelkasten auf deinem Schreibtisch?
Magda schrieb am 27.09.2009 um 22:15
"Gibt's da einen (virtuellen) Zettelkasten auf deinem Schreibtisch?"

Absolut, das ist noch aus meinem Beruf so.
Ich war - bevor ich Journalistin wurde - in der Dokumentation. Angucken, Speichern, Wiederfinden. Und bei google die richtigen Schlagworte eingeben.
marsborn schrieb am 27.09.2009 um 22:18
Ach, der Ludger Vollmer - war doch einer der ersten Linksgrünen, der sich abrupt auf die andere Seite schlug, als die grüne Götterdämmerung einzusetzten begann... (Erinnert sich noch jemand an seine krummen Staatssekretär-Geschäfte mit Pass- und Visadruckereien - Hand in Hand mit dem exgrünen SPD-Grafen Schily?) Ihm sei gesagt: Selbst bürgerlich-christlichen Menschenrechtlern wie Nooke waren vor 1990 und sind bis heute alle wichtigen linken Diskurse Westdeutschlands - ganz anders als Vollmer offenbar glaubt - in großer Detailfülle geläufig, denn jahrelang waren genau sie die wichtigste (und oft auch einzige) Quelle für alternative Ideen jenseits der SED - auch im Osten! Hingegen kenne ich kaum einen grünen Politiker von heute, dem die Diskurse der DDR-Opposition bekannt, oder eben auch nur im geringsten Wichtig wären... (Dies ist übrigens keine These, sondern eine konkrete persönliche Erfahrung.)
Magda schrieb am 27.09.2009 um 22:37
"Hingegen kenne ich kaum einen grünen Politiker von heute, dem die Diskurse der DDR-Opposition bekannt, oder eben auch nur im geringsten Wichtig wären... (Dies ist übrigens keine These, sondern eine konkrete persönliche Erfahrung.)"

Das glaube ich Dir aufs Wort. Das gilt aber nicht nur für die Grünen. Die DDR-Opposition war Manövriermasse. Und manchmal hat sie sich dazu auch machen lassen.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 29.09.2009 um 21:03
@ marsborn: Mit Ludger Vollmer habe ich ein Buch gemacht, als Lektor beim Westfälischen Dampfboot, dick grün und schon staatstragend. --- Für mich waren die Grünen tot, als Ebermann, Ditfurth und Trampert raus waren.
M1xP1yne schrieb am 27.09.2009 um 22:37
Schöne Analyse, deckt sich mit meinen Gründen, die Grünen nicht zu wählen.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 28.09.2009 um 07:25
Analyse?! - Wohl eher ein Zusammentragen der üblichen ideologischen Klischees:
"die ökologischen und sozialen Ziele sind längst von allen anderen Parteien aufgegriffen worden"
"die erste historisch erfolgreiche Revolution in Deutschland"
"Generationsprojekt der westdeutschen Altachtundsechziger"
"die sozialdemokratische Fackel"
"mit Parolen, Gesichtern und Ideen des untergegangenen 20. Jahrhunderts reüssiernden altsozialistischen Linken"...

Steht jeden Tag in allen Zeitungen. Reicht sogar für die Freitag-Startseite.
marsborn schrieb am 28.09.2009 um 08:39
Ich muss mich entschuldigen. Die Grünen sind gar nicht vierte Kraft. Sie sind die fünfte! Kann man auch alles jeden Tag in allen Zeitungen lesen. Die Grünen haben es trotzdem immer noch nicht kapiert!
Henning Klein schrieb am 28.09.2009 um 21:10
...und hat dort nichts zu suchen.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 29.09.2009 um 21:06
@ marsborn: die grünen sind das kräftlein, das will das ökosäftlein, der kindergartenkrippe gießen in die rippe usw.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 28.09.2009 um 09:51
"[...]zu den derzeit mit Parolen, Gesichtern und Ideen des untergegangenen 20. Jahrhunderts reüssiernden altsozialistischen Linken[...]"

Warum werden die Sozialisten eigentlich immer als "von gestern," und die Kapitalisten eher selten als "von vorgestern" bezeichnet? Was ist so falsch daran, sich heute zu erinnern, dass man schon gestern für die Überwindung des Kapitalismus gekämpft hat und hofft es auch noch morgen zu tun?
Deaktivierter Nutzer schrieb am 28.09.2009 um 12:07
Ist in Ermangelung von Argumenten eben so am einleuchtendsten für einfache Gemüter. Oder kann man irgendwo eine sachliche Begründung dafür lesen?
marsborn schrieb am 28.09.2009 um 12:39
Warum der Sozialismus unsere Vergangenheit und eben nicht die Zukunft ist, ist auch gar nicht das Thema meines kleinen Wahlkommentars. (Steht eh seit 20 Jahren in jeder Zeitung...)
;-)
Horst Trampert schrieb am 28.09.2009 um 12:46
Außer acht gelassen wird hier dann aber schon die Frage wo denn die zusätzlichen Wähler von den Grünen herkommen. Ehemalige SPD-Wähler vielleicht ?
Und- was könnten die für Motive haben ?
marsborn schrieb am 28.09.2009 um 13:07
Die "Leitmedien" vermelden etwa eine Million Stimmen seien von der SPD zu den Grünen gewandert. Reicht das, den Stimmenzuwachs zu erklären?
misterl schrieb am 28.09.2009 um 14:09
Bei der "Analyse" in meinem Wohndorf mit knapp 300 Wahlbeteiligten kann man fast noch von Hand nachrechnen, das und wie die Wähler ihre Stimme splitten. Erststimme ?PD 55 und dann rund 20% davon verteilen sich als Zweitstimme auf GRÜNE, Linke und Piraten.

Übrigens - unser Dorf hatte über 80 Prozent Wahlbeteiligung.
merdeister schrieb am 28.09.2009 um 15:40
@MisterL (80%)
Das liegt vielleicht an der fehlenden Sozialbausiedlung (was zum einen eine Unterstellung ist und zum anderen eine freche Verallgemeinerung).
misterl schrieb am 28.09.2009 um 23:36
Nee merdeister.

Das ist Logik. Eine Sozialbausiedlung würde auch nominal die Einwohnerzahl schlagartig verändern. Es gilt hier übrigens eine entsprechende Wahlbeteiligung in vergleichbaren Wahllokalen. Ohne soziale Brennpunkte ist die Wahlbeteiligung ziemlich hoch und die Erstimmenverteilung ausgesprochen stabil.
merdeister schrieb am 28.09.2009 um 15:51
Ein Freund von mir wohnt in Freiburg. Als ich ihn mal fragte, wie das so sei unter grüner Herrschaft, brachte er den Ausdruck "Schwarzgrün" ins Spiel. Damit meinte er keine Koalition zwischen CDU und Grün sondern eine Art von Mensch.

Auf dem Dach eine Solaranlage, im Kopf die Ideen vom Vater.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 29.09.2009 um 20:46
Sehr intelligent! Allerdings verstehe ich am Schluss nicht ganz, wozu es der SPD noch bedürfte...
Durch seine komplette Korruption in Richtung der US-Kriege ist der grüne Bin-Laden allerdings strukturell fertig. Der Niedergang mag schneller gehen, als im Artikel beschrieben,obschon ich mir da nicht sicher bin, denn es handelt sich bei der Klientel der Partei überwiegend um eingeschworene Gläubige, und solche Leute halten gegen jede neue Wirklichkeit oft lange durch.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 29.09.2009 um 21:08
Magnus Göller, Sie haben einen Klarnamen, gehen Sie zurück in die Gruppe ... [Ein Scherz, aber wahr.]
marsborn
Nach den Ideologien...
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