Martin Buchholz

Martin Buchholz

21.08.2009 | 02:00

Demokratie? Afghanitverstan!

Das Super-Wahljahr jagt unerbittlich von einem Urnengang zum nächsten. Überraschend allerdings, daß sich mitten im Wahlkampfgetöse die Parteien der Großen Koalition auf einen gemeinsamen Regierungschef geeinigt haben, wenn auch nur auf Länderebene. Nein, nicht im Saarland, auch nicht in Thüringen oder Sachsen, wo am übernächsten Sonntag gewählt wird. Ich rede von  Afghanistan, wo bekanntlich am Hindukusch, der etwas verschobenen deutschen Ostgrenze, Deutschland und seine Sicherheit verteidigt werden.

Nebenbei angemerkt: Wirtschaftliche Interessen spielen dabei natürlich auch eine Rolle, zumindest was die Lebensmittel-Industrie angeht. War in früheren, deutsch angereicherten Tagen Ostpreußen die nationale Kornkammer, so ist Afghanistan nun die deutsche Mohnkammer. Und nicht nur die deutsche, sondern die gesamteuropäische. Was die Talibanesen nicht geschafft haben, ist unter NATO-Aufsicht gelungen: Ein wirtschaftlicher Aufschwung ohnegleichen. Afghanistan ist das Exportland Nummer 1 geworden im internationalen Schlafmohnhandel (auch dank des Halbbruders des Präsidenten, der Handel und Wandel großzügig fördert). Europa ist inzwischen zu fast hundert Prozent von Heroin aus afghanischer Produktion abhängig. Das Angebot ist mittlerweile größer als die Nachfrage. Das schlägt sich nicht sich nicht nur in sinkenden Preisen beim Großhandel nieder, sondern auch beim Einzelhandel. Ein ermutigendes Exempel gerade in Krisenzeiten, daß der Preisnachlaß auch an den Endverbraucher weitergegeben wird. Was ja nicht unwichtig ist – gerade bei Artikel des täglichen Konsums.

Zurück zur gerade aktuellen Wahl in jenem Fast-Bundesland:  Hamid Karzai, der einst hoch gehandelte Edel-Afghane, ist vielleicht nicht der Wunschkandidat der Großen Koalition gewesen, aber wenn man keinen anderen brauchbaren hat, bleibt einem kein Kandidat zum Wünschen übrig, auch wenn der zu wünschen übrigläßt. Das ist ja mit Steinmeiers Kandidatur auch nicht anders. Nein, sorry, das mit dem Steinmeier war jetzt vielleicht mißverständlich formuliert: Der hat gar nicht in Afghanistan kandidiert, obwohl da seine Wahlchancen ähnlich hoch gewesen wären wie in Deutschland.

Bundesdeutsche haben in Afghanistan zwar ein passives Wahlrecht, aber nur insofern, als ihnen keine Wahl bleibt als passiv zuzuschauen, wie eine Wahl zur Alibi-Veranstaltung wird, von der Uno mit 223 Millionen Dollar finanziert.  Anders sieht es mit dem aktiven Wahlrecht aus: Das konnte jeder in Afghanistan erwerben, auch wenn er nie im Lande war. Man mußte sich nur von irgendwem beim Wahlbüro registrieren lassen. Zwar sollten alle Wahlkarten mit Foto und Fingerabdruck elektronisch erfaßt werden, um Doppel- oder Scheinregistrierungen zu verhindern, aber wo keine funktionierende Elektronik ist, dafür aber genügend bestechende Dollar-Millionen, kommt die wahre Demokratie zu ihrem Recht. Und die ist weltumspannend. So hielt ein Afghane stolz einen Wahlausweis in die Kameras, die er für eine gewisse Britney Spears hatte reservieren lassen – ordentlich identifizierbar mit dem Foto der Lady. (Da ich bei meiner ungebildeten Leserschaft leider mit einem hohen Grad an Uninformiertheit und Ignoranz rechnen muß, wenn es um wirklich relevante Persönlichkeiten der Zeitgeschichte geht, hier eine kurze Nachhilfe: Britney Spears ist nicht die Gattin von Hamid Karzai – und auch nicht von Frank Walter Steinmeier –, sondern eine Künstlerin, die ihre künstlerischen Tatoo-Kreationen im Intim-Bereich jüngst der BILD-Zeitung im verrutschten Bikini präsentierte. Überschrift: „Britney, was blitzt da aus deinem Höschen?“ Ein blitzsauberes Mädel also, das jeden talibanesischen Frauenversteher in heiligste Ekstase bringen würde. Ach ja, angeblich soll sie auch singen.)

Hamid Karzai ist bekanntlich ein feministisch stark engagierter Frauenrechtler. Jakob Augstein hat in einem Kommentar darauf hingewiesen. Karzai ließ das fundamentale Recht schiitischer Frauen zum Gesetz werden, daß sie nicht nur jederzeit „den sexuellen Bedürfnissen ihres Mannes nachkommen“ dürfen, sondern dies sogar dürfen müssen. Auch das Recht der schiitischen Frauen auf ungestörten Aufenthalt im trauten Heim wurde gesetzlich festgeschrieben: „Nur aus medizinischen oder rechtlichen Gründen kann die Frau das Haus ohne das Einverständnis des Ehemannes verlassen.“ Die leidige Kleiderfrage wurde ebenfalls zugunsten der Frauen neu geregelt. Die ständige Unsicherheit bei der Wahl der passenden Garderobe, um sich für das Muselmännchen hübsch zu machen, wurde für schiitische Frauen in Afghanistan ein für allemal beseitigt: Der Mann kann auf dem absoluten Vermummungsverbot seiner Angetrauten bestehen. Außer der Burka hat da nichts im Kleiderschrank zu hängen. Schön, wenn den Frauen das Leben auf so verständnisvolle Weise etwas einfacher gemacht wird. (Nebenbei: Dieses Gesetz, von Karzai längst unterschrieben, wurde zunächst nach internationalem Protest nicht in Kraft gesetzt. Das wird nun nach Meinung aller afghanischen Landeskundler in aller Stille nach der Wahl geschehen.)

Verständlich, daß die afghanischen Frauen voll Begeisterung Karzai ihre Stimme gegeben haben. Auch, wenn sie davon gar nichts gewußt haben. Etliche können davon auch nichts gewußt haben, weil sie wahrscheinlich gar nicht existierten. „spiegel-online“ berichtet: „Vor allem im Süden und Osten haben die Organisatoren der Wahl den Familienvätern aus Rücksicht auf die paschtunischen Gepflogenheiten gestattet, daß sie im Wahlbüro die Karten für die Frauen in ihren Familien ohne jeden Nachweis von deren Existenz abholen können.“ Daraufhin seien die Zahlen der registrierten weiblichen Stimmen blitzartig gestiegen, meldet ein Wahlbeobachter. Dreimal darf man raten, wer wohl bestimmt hat – „mit Rücksicht auf die paschtunischen Gepflogenheiten“, wo das Kreuz gemacht zu werden hat.

Was suchen wir eigentlich noch da drüben am Hindukusch? Das fragen sich immer mehr bundesdeutsche Bürger. Die Antwort auf diese Frage ist einfach: Wir suchen das, was deutsche Soldaten nach Auskunft ihrer obersten Befehlshaber schon immer in allen Kriegen gesucht haben – nämlich den Frieden. „Gerade, weil wir eine friedliche Entwicklung in Afghanistan unterstützen, wie sie sich jetzt bei den demokratischen Wahlen zeigt, müssen unsere Soldaten dort im Einsatz bleiben.“ Sagt der Minister Franz Josef J. (der volle Name ist der Redaktion bekannt), der immer mehr Soldaten in diesen Frieden schicken will, weil ja in Afghanistan nach seiner Auskunft gar kein Krieg herrscht.

Und wer wäre wohl nicht für den Frieden? Da hat man gar keine andere Wahl. Die aber hat man ganz demokratisch. Zum Beispiel am 27. September. Zwar nicht in Afghanistan, sondern in Deutschland. Aber dafür garantiert ohne Britney Spears.

 

 

 

 
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Kommentare
Knüppel schrieb am 21.08.2009 um 07:21
Mein, nein "deren", zynischer Kommentar:

"Bei den Wahlen in Afghanistan gab es, durch Anschläge, 50 Tote. Neutrale Wahlbeobachter bezeichnen die Wahl als Erfolg ..."

Wenn Erfolg sooo definiert wird, dann haben wohl künftig viele von Erfolgen zu berichten. Ich möchte das jetzt nicht weiter ausführen, das würde dann tatsächlich zynisch werden.

SexPower
Magda schrieb am 22.08.2009 um 12:46
TO ANGELA
The good old Chancellor Schröder does it
An old trooper with his gun does it
please do it
withdraw the troops.

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