Martin Buchholz

Martin Buchholz

18.12.2009 | 13:30

Vorsicht! Jesus ante portas!

 

I.

 

 Es begab sich aber zu der Zeit,

da alle Jahre wieder wir beschwätzet werden,

daß ein Gebot ausging an alle Christenheit.

Und jeder Christenkunde lauscht der Christen Kunde:

 

"Wahrlich, ich sag‘ Euch! Dies‘ ist eure Stunde,

zu strömen zu den Hirten nun in Herden,

die da die Kassen hüten, daß sie füllig werden.

Ihr Wohlgefallen sei: Umsatz auf Erden!

 

Die Weihnachtsbotschaft lautet eben drum:

Nun gehet hin und setzet um!"

 

II.

Es nicken Ochs und Esel wohl allüberall.

Obwohl zu Bethlehem im Stall

the rednose reindeer Rudolf with his shiny nose

erst dafür sorgte, that the Christkind glows.

 

Ein heil’ger Schein, zwar scheint der nur kurzweilig,

doch heilig ist er – eben nur scheinheilig.

 

 

III.

Biblisch die Zeit, da uns der große Prophet Bing

die Weißsagung von Christmas vorgedreamt.

Es schmilzt das Ohrenschmalz, wie es der Schnulze ziemt.

 

Süßer die Kassen klingeln, wenn uns das Singsing

auf allen Märkten trommelüberfellt.

Christmas-to-go! Christmas-to-run!

 

Ein Tinitus, ein ständ’ges Klingeling.

 

Wenn’s all-the-way-and-o-what-fun

ununterbrochen jingelbellt.

 

IV.

Wenn leise rieselt christmäßig der Kalk

tränenverrührt mit manchem Weihnachts-Alk,

wenn stalaktytisch tropft der Talg

vom flackernd alzheimernden Dochte...

 

...was wäre wohl, wenn es da plötzlich pochte

an unsrer Pforte, die EU-weit schwer verrammelt.

 

Da steht adventlich nun ein Paar, das von Asyl was stammelt.

Es hat ein fremdländisches Balg dabei.

Fragt man die Frau, von wem das Kind wohl sei,

scheint es, als ob’s ihr vor dem Manne ziemlich bammelt.

 

Ein Weib, wie Gott sie sittsam schuf:

Maria, eine Jungfrau von Beruf.

Wahrlich, ein anstrengender Job.

Denn ständig muß sie ja so tun als ob.

 

Das geht auch ihrem Mann schwer auf den Docht!

(„‘ne Jungfrau, die? Das wäre doch gelocht!“)

 

Doch bleibt als Gläubiger er stumm.

Und sie liegt scheinbar faul herum

als göttlich anerkanntes Bräutchen

auf ihrem sankrosankten Jungfernhäutchen.

  

V.

Der Mann gibt an, daß man ihn Josef heiße:

„Wir sind ein saub’res Paar, wie’s nur wenige sind.“

Ja, selbst ihr Knäblein niemals in die Windeln scheiße:

„In reinlichen Windeln das himmlische Kind.“

 

Maria denkt bei sich: „Na ja, der Alte spinnt.

Doch rechne ich auf ihn und seine schwere Macke.

Solang er mir das glaubt mit diesem himmlisch’ Kind,

soll ihn nicht kümmern dessen irdisch’ Kacke.“

 

VI.

Doch werden beide erst einmal vernommen

nicht darob, wie zum Kinde sie gekommen.

Nein, warum sie im Stall nicht sei’n geblieben?

Und was sie habe nach Europa dann vertrieben?

 

Josef erklärt: „Wir sind lang auf der Flucht.

In ganz Nahost man nach dem Kinde sucht.“

Da gäb’s ‘nen Kinderkiller, der sich nennt Herodes.

Ihr Knabe sei dort sicherlich des Todes.

 

Ursprünglich wollten sie ja fliehen nach Ägpyten,

doch seien Juden da nicht g’rade die Beliebten.

„Drum zog es uns ins deutsche Abendland.

Nichts Antijüdisches ward je aus diesen Gau’n bekannt.“

 

 VII.

Der Grenzmensch spricht: „Das war wohl ein Verseh’n!

Da ist bei uns wohl auch mal hie und da etwas gescheh’n.

Nicht, daß Sie mich jetzt falsch versteh’n.

Doch wär’ es besser für Sie, wenn Sie geh’n.

Verstanden? Also dann: Auf Nie-mehr-Wiederseh’n!“

 

„Wir sind verfolgt“, schreit Josef, „habt mit uns Erbarmen.

Im Namen Jesu. Den halt ich hier in den Armen.“

Der Grenzmensch denkt: „Das riecht nach Skandal.“

Und also spricht er amtlich, ganz formal:

 

„Sie fühlen sich verfolgt? Dann haben Sie bis morgen

den Nachweis dafür zu besorgen.

Ich brauche vom Herodes zunächst schwarz auf weiß

ein klares schriftliches Todesgeheiß.

Dann könnte es sein, also möglicherweise,

(und der Beamte kicherte leise)

denn meistens sind’s ja fingierte Beweise,

doch unter Umständen, vielleicht,

nur mal angenommen, daß es dann reicht

nicht, daß ich mich da festlegen möchte,

doch wär’s ja denkbar, daß es was brächte,

daß man eventuell zu prüfen gedächte,

ob da wohl irgendwelche Menschenrechte

nicht hundertprozentig befolgt worden wären...“

 

„Und dann?“, so Josefs Auskunftsbegehren.

 

„Ein neuer Einspruch, Euer Ehren.

Nun ja, ich hab kein Recht, Sie zu belehren:

Doch denke ich, ich könnt’ es nicht verwehren,

wenn Sie sich dann erneut bei mir beschweren.“

„Bis dahin“ sprach er, amtswürdig gefaßt,

„seien Sie weihnachtlich unser Gast.

Willkommen in unserem Abschiebeknast.“ 

 

 VIII.

 Der Josef, gesegnet mit Maria und Gör,

verlangte verzweifelt religiöses Gehör.

Doch es beschied ein Minister aus Bayern:

„Wir gehören hier nicht zu den weichen Eiern!

Und jetzt laßt uns in Ruhe Weihnachten feiern!“

 

Beim Weihnachtsgeschäft, zu dem Christ nie erschienen,

braucht’s fürwahr keine jüdischen Trauermienen.

Das jüdische Christkind, was hätt’ es zu suchen

zwischen Zuckerwatte und Weihnachts-Lebkuchen.

Bis zu Ostern gehört es strikt eingesargt!

Es hat Hausverbot auf dem Christkindlmarkt!

 

 IX.

 So gibt man dem Christkind fröhlich den Rest.

Was wollt’ ich noch sagen? Ach ja:

Frohes Fest!

 

 
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Kommentare
poor on ruhr schrieb am 20.12.2009 um 15:33
Lieber Martin Buchholz,

also ich finde es sehr gut! Ich mag Reime und die kritischen satirischen Verse nehmen ja mit dem EU-Abschieberecht wirklich ein heißes Thema auf.

Ich denke selbst ein frommer Christ mit einer Prise Humor müsste sich über diese Zeilen eigentlich freuen,
weil sie auf ihre Art Menschlichkeit einfordern.

Der Titel Jesus ante portas hatte mich ein wenig abgeschreckt weil mir perslönich nach der Minarettdebatte nicht der Sinn nach einer weiteren religiösen Diskussion in der Community steht und ich hoffe diese auch mit meinem Kommentar -1um Gottes willen- nicht anzustoßen.

Herzliche Grüße

por

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