Es begab sich alles zu einer Zeit, die fern von unserer heutigen Wahrnehmung ist. Damals noch hatten alle Dinge eine Seele und auch einen eigenen Willen.
An einem schönen Platz standen einige Getränkekisten herum. Sie unterhielten sich und unternahmen auch oft etwas gemeinsam. Nun bekamen andere Getränkekisten die gute Stimmung mit und beschlossen, sich der Gruppe anzuschließen.
Wie es nun in Getränkekistengruppen nun mal so war, gab es auch in der Gruppe eine Wortführer-Getränkekiste, die meinte, alle Entscheidungen zum Wohle der anderen treffen zu können. Und so wollte diese Wortführer-Getränkekiste, dass sich alle Getränkekisten nun neu ausrichten und aufstellen. Sie sollten sich alle zu einem Turm aufbauen, eine auf die andere und das möglichst schnell.
"Das geht doch nicht!" murmelten einige ältere Getränkekisten, die aber äußerst stabil gebaut waren. "Der Turm muss Sinn machen, statisch ausgerichtet sein und auch auf sicheren Beinen stehen."
"Ihr stellt Euch so auf, wie ich es beschlossen habe!" befahl die Wortführer-Getränkekiste. "Basta! Es geschieht so, wie ich es mir vorstelle! Stellt Euch jetzt bitte alle aufeinander, du da zu der und du da zu dieser Gruppe." und während die Wortführer-Getränkekiste dies so sprach, zeigte sie auf diese Kiste und auf jene. "Ihr wisst nicht, was gut für Euch ist!"
Die Getränkekisten murrten und wollten darüber abstimmen. Die Gegner der empfohlenen Aufstellung unterlagen und weil so mehrheitlich beschlossen sprangen alle Kisten aufeinander. Die jungen auf die schwachen, die starken auf die jungen und ganz weit oben dann wurden die Erfahrenen plaziert.
Auf einmal kam eine Windböe und fuhr gegen den Turm. Er fing an zu wanken und wankte immer mehr.
"Hilfe, wir stürzen!" brüllten einige Getränkekisten von oben. Die unten riefen hoch: "Wir können Euch nicht mehr länger halten, hört auf so zu wackeln!" und der Turm schwankte immer mehr.
Mit einem Mal gab es einen lauten Knall und der Turm brach zusammen. Ein Ach und ein Weh und viele AUA waren zu hören, und die Getränkekisten liefen panisch alle durcheinander. Manche hatten sich eine kleine Latte gebrochen, andere Splitter verloren, manche setzten sich hin und weinten ganz fürchterlich.
Die älteren Getränkekisten, die schon vor der Aktion gewarnt hatten, beschlossen, sich der Order der Wortführer-Getränkekiste nicht weiter zu beugen und verließen den Platz. In ihrem Gefolge auch einige junge Getränkekisten, die vom bautechnischen her äußerst vielversprechend und stabil gebaut waren. "Wir sind unsere eigenen Getränkekisten, wir wollen Getränkekisten bleiben und kein Turm werden. Wir wollen heil bleiben und deshalb gehen wir."
Veröffentlicht auch auf www.martina-kausch.de
Ausgabe 07/12
16.02.2012
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