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Mit Erstaunen nehme ich beim Spaziergang durch die Einkaufsstraßen zur Kenntnis, was für eine mediale und politische Resonanz der Film des WDR "Die Armutsindustrie" ausgelöst hat. Das durch diesen mehr als interessanten Film ausgelöste gesellschaftliche Beben scheint die aktuellen Wahlkampfaktivitäten gänzlich auf den Kopf zu stellen.
Die Schlagzeilen überwerfen sich mit den neuesten Hintergrundberichten zu den Geschäftemachern mit der Armut. Die Bundesregierung stellt inzwischen offen die derzeitigen Beschäftigungsmaßnahmen von Langzeitarbeitslosen in Frage und überlegt, ob die jährlich gezahlten 50 Mrd. Euro nicht doch besser in Existenzgründungsmaßnahmen und qualifizierten und zukunftsorientierten Umschulungs- und Weiterbildungsmaßnahmen eingebracht werden sollten.
Und ich bemerke, wie sich einige Personen, die bislang immer im neoliberalen Stil auf die Erwerbslosen als "Parasiten, Schmarotzer, Faullenzer" usw. eingeprügelt hatten, sich in aller Form vor den laufenden Kameras entschuldigen, um dann...
Rrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrring Rrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrring
7 Uhr, der Wecker klingelt, um mich aus dem Bett zu holen. Schlaftrunken reibe ich mir die Augen und erinnere mich an den Traum von eben... Armutsindustrie? Was war da noch? Und je länger ich versuche, mich an den Traum von eben zu erinnern, entschwinden die Bilder. Und nach zehn Minuten, während der Kaffee noch durch die Maschine läuft, ist der Traum gänzlich weg.
Das Frühstück ist fertig, und ich setze mich an den Tisch, um die Zeitung zu lesen. Und ich sehe Schlagzeilen, die sich mit VW und Porsche befassen, mit dem Knatsch in der Koalition in Schleswig-Holstein. Ich erfahre, dass der Papst sich ein Handgelenk gebrochen hat und sich die Quelle-Erbin vor Armut fürchtet. Kein Hinweis auf die Informationen, die im Bericht "Die Armutsindustrie" zu sehen waren, keine Recherchen, ob in diesem Thema nicht noch mehr im Argen liegt - als ob es den Film niemals gegeben hätte. Business as usual eben, für Print, TV und Radio.
Selbst im Internet gibt es von den "großen" Medienhäusern nicht viel zu dem Thema zu lesen (einzige Zeitungen: Süddeutsche und TAZ) kein Kommentar, keine Recherche, keine Anfrage an Politiker. Die Politiker schweigen und kümmern sich derzeitig um ihre Wahlkampfprobleme. Und das Schweigen in der Politik geht durch alle Parteien. Kein Bellen, kein Scharfschießen, keine Absichtserklärung, sich dieses Sachverhalts sofort anzunehmen. Und von den Gewerkschaften hört man nichts, keine Stellungnahme, kein Protest, keine Streikankündigung... Schweigen im Walde!
Es wird nicht hinterfragt, ob es wirklich eine sinnvolle Aktivität ist, Puzzle zusammenzusetzen, Socken zu stricken und Witze für eine Mitarbeiterzeitschrift zu sammeln und abzudrucken. Und es macht auch keinen Sinn, den Sinn dieser Maßnahmen für die Betroffenen zu hinterfragen. Irgendwie macht das ganze Verhalten der Öffentlichkeit auf mich keinen Sinn - absolut nicht.
Alles für die Katz?
Nun sind da wir Blogger, die sich dieser Thematik immer und immer wieder annehmen. Angefangen mit den Zahlmanipulationen mit der verdeckten Arbeitslosigkeit, die dann eintritt, wenn sich der Erwerbslose in einer entsprechenden Maßnahme befindet oder aber in die HartzIV-Kategorie abgestürzt ist. Es sind einige Blogger, die sicherlich auch zur Langeweile mancher Uninteressierter sich immer und immer wieder der Themen annehmen und auf die Missstände aufmerksam zu machen.
Da ist einmal Somlu, die schreibt:
Im Netz tobt die Schlacht um die informationellen Bürgerrechte. Unsere Politiker enthalten sich keiner Geschmacklosigkeit, um Wahlkampf zu machen. Auch für den Wahlkampf lässt man schon mal die Testballons für die nächste Drehung an der Spiral nach unten für die Erwerbslosen, die es wagen länger als ein Jahr erwerbslos zu sein, eingeläutet. Wenn eine CDU/CSU/FDP Regierung diesen Herbst an die Ruder kommt, können sich alle Empfänger von ALGII-Leistungen sehr warm anziehen. Wenn es wieder eine große Koalition gibt, sieht es nicht besser aus. Das ist auch kein Geheimnis, denn es steht in den Wahlprogrammen offen drin und der ein oder andere Hinterbänkler nutzt die Sommerflaute auch schon mal um sein Mütchen an den Langzeiterwerbslosen zu kühlen. Leider ist es in den Blogs, was diesen Themenbereich angeht, viel zu leise. Was da auf uns zu kommt, ist so übel, das darf nicht still und leise von statten gehen!
Claudia Klinger schreibt:
“Sinndichte” hieß die 1-Euro-Job-Maßnahme, zu deren Abschlussversanstaltung ich kürzlich eingeladen war: einer der unzähligen “Maßnahmeträger” in Berlin, die für die ARGE (früher Arbeitsamt) Projekte zur Beschäftigung von Arbeitslosen durchführen, hatte ein ganzes Jahr lang Künstler mit weitgehend sinnfreien Tätigkeiten beglückt, deren spärliche Ergebnisse nun präsentiert wurden. Ein paar Bilder zierten die Wände, kleine Ton-Statuen standen auf Tischen, die Wände der Räume waren im Lauf der Maßnahme gestrichen worden, und ein “Konzept” für bessere Lampen war zu bewundern, das die bahnbrechende Idee präsentierte, die vorhandenen kalten Neonröhren mit Japan-Papier zu ummanteln - auf dass das kalte, deprimierende Licht noch ein wenig dunkler werde.
Alles, was ich sah, hätte binnen zwei, drei Monaten von einer stringent arbeitenden Gruppe locker geschafft werden können. Den Rest der Zeit verbrachten die Teilnehmer wartend, plaudernd, “recherchierend” oder mit veralteten und nicht in ausreichender Zahl vorhandenen Computern, Scannern und Druckern kämpfend.
Und da ist Violine, die schreibt:
Dann denke ich daran, was für eine hohe Arbeitslosenzahl wir haben und dass sich die Regierung fleissig darum bemüht, diese zu kaschieren.
Weiterhin denke ich an die ausgeschriebenen Stellen. Die gibt es ja durchaus, nur: da werden die Spezialisten gesucht, mit zig Jahren im Beruf. Klar, irgendwann ist der Markt leer, aber davon werden auch keine Leute eingelernt. Dann schreit die Industrie laut: Fachkräftemangel! Und möchte die Greencard einführen.
Ich unterstelle mal unseren Führenden (Kräften dahinter), dass sie die pure Gier treibt und ein Rausch, den wir schon im Dritten Reich hatten. (Das habe ich mal in der FAZ gelesen, dass die Führenden im Dritten Reich wie in einem Rausch waren.)
Anders kann ich mir das nicht denken, denn sie werden den Karren auf jeden Fall gegen die Wand fahren.
Ich habe diese Blogs exemplarisch genommen, weil sie letztendlich zu den Blogs gehören, die hauptsächlich diesbezüglich eigene Meinungen formulieren. Nur in der weiteren Presse oder auf dem politischen Parkett wird sich zu diesem Thema nicht geäußert.
Ich finde, dass das eine Schande für unsere Gesellschaft ist. Gerne würde ich jetzt wieder in meinen Traum der Nacht entschwinden...
(zuerst veröffentlicht auf www.martina-kausch.de)
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Danke für Deinen Beitrag, Martina! Meine Meinung, wonach soziale Themen -- zwei Monate vor der Bundestagswahl -- dringend auf die Tagesordnung gehören, hatte ich bereits ausgeführt. Was mit den "digitalen Bürgerrechten" funktioniert hat, muß nun auch auf die sozialen Rechten erstreckt werden: eine breite Diskussion über die äußerst schädliche und grundfalsche Sozialpolitik, die seit Jahren Millionen von Menschen in diesem Land betrifft. Wenn es den Zeitungen egal ist, müssen es die Blogs bringen.
www.freitag.de/community/blogs/jfenn/hartz-iv-nach-der-bundestagswahl-2009 |
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Jürgen,
ich habe mir vorgenommen, von nun an jeden sozialkritischen Beitrag, den ich bei mir im Blog veröffentliche, auch hier einzustellen. Es kann nicht sein, dass iPhone, Mondlandung et al. wichtiger sind, als das, was sich schon seit Jahren in unserer Gesellschaft abspielt. Entweder sind die Leute einfach nur verstockt oder aber sie wollen sich mit diesem Thema gar nicht befassen, weil sie Angst davor haben, dass es sich dabei um ihre eigene Zukunft handelt. Dass diese Zukunft aber bei manchen Lesern eintreffen wird, ist so sicher wie das "Amen!" in der Kirche! Und dann werden auch diese Menschen erwachen, sich die Augen reiben und wundern... nur - dann eine Änderung einzuleiten, dürfte dann für die nächsten Jahre schon zu spät sein. |
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Hallo Martina Kausch,
den Film passend zu deinem Artikel "Die Armutsindustrie" habe ich hier schon eingestellt. www.freitag.de/community/blogs/streifzug/die-armutsindustrie |
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Super! Dann sollte langsam allen immer mehr bewusst werden, worüber wir hier gerade sprechen. :)
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Manchmal habe ich den Eindruck, da gibt es eine Verdrängungsmentalität nach dem Motto: "Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß".
Es ist wie das Angstpfeifen kleiner Kinder oder das Verstecken hinter den Händen vorm Gesicht mit der Hoffnung, dann selber nicht von dem Schicksal getroffen zu werden. |
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Verdrängen ist eben menschlich und in gewissem Maße auch gesund. Wie viel jeder einzelne verdrängen muss, um gesund zu bleiben kann nur eben jener beurteilen.
Danke für Beitrag und Link. |
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@Streifzug
Manchmal habe ich den Eindruck, da gibt es eine Aufregmentalität nach dem Motto: "Würde der Rest nur endlich erkennen, was ich längst als richtig erkannt habe." Es ist wie diese Vorstellung, daß die Welt schon besser wird, wenn nur endlich alle tun, was ich für richtig halte. Naja, ich und ein paar andere. |
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Hallo Titta,
Esel sind gerade für ihre unaufgeregte Psyche bekannt, die sie als Arbeitstiere so beliebt macht. |
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Genau,
ich regele alles mit meinem hypnotischen Blick, wie man deutlich sieht. Ohne viele und laute Worte. |
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Hallo Titta,
der Blick lässt auf eine schwere Last schließen, die du ziehen musst. |
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Schöner Beitrag.
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Ausgabe 07/12
16.02.2012
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