„We must never forget – German artists reflect on Holocaust”
Ausstellung im Puffin Cultural Forum der New York City University
19. Februar bis 26. April 2012
Martina Jäger, Wolfgang Tekook, Michael Weber
Die drei Beteiligten nähern sich dem Thema aus unterschiedlichen Sichtweisen und aufgrund unterschiedlicher eigener Beschäftigung mit diesem Thema, das auch 67 Jahre nach dem Ende der Naziherrschaft nicht an Aktualität verloren hat.
Martina Jäger, bildende Künstlerin aus Würzburg, macht in ihren Beiträgen die „Selektion“ zum Thema. Ihre bildlichen Betrachtungen beziehen sich nicht nur auf die Zeit des Holocaust, sie schlägt die Brücke zu den Verletzungen der Menschenrechte heute in einer Zeit, wo der ökonomische und politische Profit die Maßstäbe setzt. Die Schoah (Vertreibung) besteht immer noch, nun an vielen Orten. Sie ist herangewachsen zu einer global- internationalen Selektion, die bewusst die Verletzung der Menschenrechte in Kauf nimmt: Die Unterschiede werden größer bezüglich Wohlstand und Armut bis hin zur organisierten Vernichtung von Leben.
Die dominierenden Farben ihrer Arbeiten sind: Schwarz- Rot-Gold, die Farben der heutigen deutschen Flagge. In den Befreiungskriege 1813-1815 wurden die Farben so interpretiert: „Aus der Schwärze der Knechtschaft durch blutige Schlachten ans goldene Licht der Freiheit.“ Wenn ein Mensch seine Freiheit auf Unterdrückung anderer Menschen aufbaut, ist die Knechtschaft noch immer geblieben, damals und heute.
Andere Werke von Martina Jäger sind in Schwarz-Weiß-Rot gehalten. Die Zeit des Nationalsozialismus wird in Farben und den Bildkompositionen aufgegriffen. Sie mahnen die Schreckensherrschaft der deutschen Geschichte an, Zäune und Schienen dienen als Symbole für das Thema „Selektion“.
Realistische und abstrakte Maltechniken stehen in Verbindung und Kommunikation miteinander. Sie ergänzen sich und tauschen sich zugleich im Ausdruck aus.
Wolf Tekook, Fotocouturist aus Krefeld, Jahrgang 1951, erlebte in der ersten Nachkriegsgeneration die Mauer aus Schweigen, wenn er Fragen zu den Geschehnissen des Nationalsozialismus stellte. Der Krieg – in den Schilderungen der Vorfahren waren dies die abenteuerlichen Motorradfahrten durch russische Kornfelder, Kameradschaft unter Soldaten, auch die Entbehrungen bei Gefangenschaft. Vom Töten sprach auch auf Nachfrage niemand, das Schicksal der Juden wurde nie thematisiert. In der Schule endete der Geschichtsunterricht am Ende der Weimarer Republik und wurde mit der Gründung der Bundesrepublik wieder aufgenommen.
Unzufrieden mit dieser Informationslage begann Wolf Tekook zu lesen, suchte und fand Quellen – von Sebastian Haffners „Die Geschichte eines Deutschen“ über Kershaws Hitlerbiographie und die Autobiographie von Primo Levi bis hin zum gar nicht so fiktiven Roman „Die Wohlgesinnten“ von Jonathan Littell und dem jüngst erschienenen Buch „Soldaten“ von Sönke Neitzel. Im persönlichen Gespräch mit Auschwitz- Überlebenden, bei einem Besuch in Yad Vashem und vielen Gesprächen im heutigen Israel verdichteten sich das Wissen, aber auch das Unverständnis und das Grauen über den industrialisierten, bürokratisierten Genozid.
Die jetzt in New York gezeigten Bilder thematisieren das Gelesene und Gehörte symbolisch, nicht als Abbildung des Geschehenen, sondern als freie Interpretation. Die Farbe Gold – in den meisten Bildern enthalten – steht für das jüdische Volk und seine Qualen.
Michael Weber, Künstler aus Witten, zog im Jahre 1994 in seine neue Heimatstadt um. Auf der Suche nach den geschichtlichen Wurzeln seines Wohnortes fand er das Hauptthema der kommenden Jahre: Die „Bahnhofstraße“. Bis 1938 lebte in dieser Haupteinkaufsstraße ein Großteil der jüdischen Bevölkerung. Michael Weber malte, was in dieser Straße mit der jüdischen Bevölkerung geschah.
Als Informationsbasis diente ihm das Buch „… vergessen kann man das nicht. Wittener Jüdinnen und Juden unter dem Nationalsozialismus“ von Martina Kliner- Lintzen. Zunächst entstanden 10 großformatige Bilder, die auf schweren Holzuntergründen mit Farben, Gips, Draht und abschließendem Ritzen die Bedrohung und die Stärke in der Todesgefahr, aber auch die Trauer und die Wut des Künstlers zeigen. Er greift sich Einzelschicksale heraus, die exemplarisch für das Ganze stehen.
Im Jahre 2010 nach Michael Weber dieses Thema wieder auf, ergänzt um einen zweiten Zyklus „Kinderwald“. Diese Bildserie basiert auf dem Tagebuch der 17-jährigen Israelin Shira J. bei ihrem Besuch in Auschwitz. Verglichen mit dem Bahnhofstraße- Zyklus wirken diese Bilder auf den ersten Blick lieblich und schön; aber diese Schönheit wird als Illusion entlarvt und zeigt beim zweiten Blick den ganzen Schrecken des Nationalsozialismus.
Auch Michael Weber ist es wichtig, die Beschäftigung mit diesem Thema nicht nur als historischen Kommentar zu sehen, sondern die langen Schatten auf die Jetztzeit deutlich zu machen.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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