Martin Calsow

Welcome to the Machine

16.12.2011 | 12:33

Kopf hoch

In Saudi-Arabien köpft man eine Frau. Konkret heißt das: Sie wird auf einen Platz geführt. Zuschauer (nur männliche!) stehen in einem Halbkreis. Ein Richter (Mann) tritt nach vorne, liest das Urteil vor. Die Frau wird auf den Boden gedrückt, kniend, und mit verbundenen Augen wartet sie darauf, dass aus der Menge ein Mann mit einem Schwert hervortritt. Er stellt sich hinter sie, holt aus, und wenn er richtig trifft, bricht das Genick der Frau beim ersten Versuch. Wenn nicht, weil sie sich aus schierer Verzweiflung bewegt oder ohnmächtig wird, trifft das Schwert den Kopf, schlägt Teile weg. Weitere Schläge sind vonnöten. All das erlebt die Frau bei vollem Bewusstsein, manchmal minutenlang. Mehrere glaubwürdige Quellen aus Saudi-Arabien berichten davon. Wir nehmen das hin. Kein Aufschrei. Kein Boykottaufruf. Keine Grünen, Linke, Menschenfreunde, die die Bundesregierung unter Druck setzen, sich gegen diesen Akt der Barbarei zu wenden. Und warum? Andere Länder, andere Sitten? Nein, im Winter mag’s der Deutsche gern warm. Da sind Konflikte mit den Verbrechern aus Riad unerwünscht. Ist eh alles so kompliziert. Warum nur haben wir so unglaublich viel Angst, unsere Werte zu propagieren? Die Würde des Menschen ist unantastbar. Mann und Frau sind gleichberechtigt.

Schauen wir uns das Regime doch einmal näher an. Zum einen wird es von einem Stamm regiert, heute netterweise als „Familie“ bezeichnet: den Sauds. Die Sauds sind etwa so demokratisch wie die Ceausescus. Sie gehören der islamischen Sekte der Wahhabiten an. Gern wird hier von besonderer Frömmigkeit gesprochen. Das wäre in etwa so, als würde man die Evangelikalen aus dem Mittleren Westen der USA als engagiert bezeichnen. Sie sind Sunniten und hassen neben allem aus dem Westen (15 der 19 Attentäter von 9/11 waren Saudis) vor allem Schiiten. Sie tun alles, um den Iran und dessen Verbündete zu destabilisieren. Und „alles“ bedeutet: Auch eine stille Koalition mit Israel. Jeden Tag werden in diesem Land schreckliche Menschenrechtsverletzungen begangen. Aber Saudi-Arabien steht eben auf Platz 2 in der weltweiten Erdölproduktion. Und hier beißt sich die Katze in den Schwanz. Wir akzeptieren diese Verbrechen nicht nur stillschweigend, damit es billig Öl gibt.  Und weil – angesichts der Erfolge von Muslimbrüdern und Salafisten bei den ersten demokratischen Wahlen in anderen arabischen Staaten ­– die Alternative ein muslimischer Staat sein könnte, mit dem es sich für den Westen nicht so nett kuscheln lässt. Wir unterstützen diese Regime auch tatkräftig mit Waffen und Know-how.

Es geht nicht um die naive Vorstellung, Militäreinsätze zum Bau von Mädchenschulen zu fordern. Es geht um Zivilcourage, um ein Bewusstsein und eine Haltung zu den Staaten auf der arabischen Halbinsel. Wer wirklich den Arabischen Frühling will, wer wirklich den Gang des arabischen Volkes in die Moderne pro-aktiv begleiten will, muss die, die ihn behindern, verhindern. Er muss sie anklagen. Das Regime in Riad verdient kein einziges deutsches Produkt. Und wenn es den Ölhahn zudreht, ist das der Preis, den wir zu zahlen bereit sein müssen. Wer Frauen wegen Zauberei köpft, wer Terror und Unterdrückung als legitime Mittel ansieht, muss gebannt werden.

Spätestens seit der Eurokrise sitzt Deutschland nicht mehr auf der Rückbank. Wir sitzen schon längst am Lenkrad. Und wer wirtschaftlich führt, kann sich vor der politischen Verantwortung nicht drücken. Die Terror-Regime und Diktaturen in Riad und in den Emiraten sind längst nicht so stabil, wie Medien es suggerieren. Wenn Europa, einig in Menschenrechtsfragen, endlich eine führende Rolle übernimmt, die eben nicht nur militärische Lösungen vorsieht, dann wird Familie Saud sehr schnell Reformen akzeptieren. Wir glauben in Deutschland noch immer, dass uns die Massaker, die Unrechtsregime da draußen nichts angehen. Wir fürchten uns vor Haltungen und Positionen. Die Apartheid in Südafrika ist letztlich an dem zivilen Widerstand im In- und vor allem Ausland gescheitert. Aber dazu gehörte der Druck der Massen, die die Früchte vom Kap nicht essen, die keinen Krügerrand kaufen wollten. Und mit dem Bewusstsein kann man dann gleich einmal anfangen: Jedes Mal, wenn wir tanken, sollten wir uns das Abschlagen des Kopfes dieser Frau vorstellen – das Knirschen des geborstenen Knochen, das Blut, das Schreien und das Geifern der männlichen Massen.

 
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Martin Calsow
Schriftsteller ("Der Lilith Code") und Journalist, lebt am Tegernsee.
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