Matthis Hagedorn

Essais

28.08.2011 | 09:45

Aus dem Hinterland

An einem Themenabend präsentiert der LCD am 6. September drei Autoren, die ihre Position abseits der großen Metropolen formulieren: Francisca Ricinski, Andreas Noga und Theo Breuer.

 

Andreas Nogas Gedichte sind von einer spielerisch zweckfreien Verwendung der Sprache. Viel von dem zerebralen Aufwand, der nicht selten in der Gegenwartslyrik betrieben wird, um nur ja nicht in den Verdacht des Klischees oder der Gefühlslastigkeit zu geraten, erscheint nach der Lektüre beinahe pathetisch. Noga geht reduktionistisch mit der Sprache um. Elegant umgeht er die Untiefen und sucht stets nach den kühlsten Stellen. Auch was den Vortrag angeht, ist dieser Lyriker kein Lautsprecher. Noga spricht leise, aber mit Nachdruck und wirkt dabei souverän, höflich und eloquent. Sprachgenau bringt er in stimmungsintensiven Bildern die Natur zum Sprechen, ohne Pathos, ohne Klage entsagt er rostig gewordenen Utopien und lotet die Untiefen des gegenwärtigen Weltzustandes auf.

 

Unbekümmert, mit feinem stilistischem Gespür mischt sie Genres, verbindet Analysen mit Impressionen, gleitet vom Heute ins Gestern und wieder zurück. Francisca Ricinski schreibt präzise und sensibel, sie versteht es, die große Geschichte mit der kleinen zu verschränken, das Persönliche ins Allgemeine laufen oder besser: stürzen zu lassen. Wenige Skizzen reichen ihr, ihren Protagonisten ein persönliches Antlitz zu geben. Bestechend in ihrer Andersartigkeit und von hohem ästhetischem Reiz sind die kurzen Geschichten und poetischen Splitter in dem Band »Auf silikonweichen Pfoten«. Auf den ersten Blick wirken diese Texte wie kleine Knäuel. Die Gedanken und Sätze laufen hier in verschiedene Richtungen, scheinen weder Anfang noch Ende zu haben. Das alles ist mehr als erträglich, weil Francisca Ricinski dafür eine Sprache hat, die sich auf nichts ausschließlich einlässt, sondern immer mit Augenzwinkern erzählt. Über feine Wortschleifen und Bedeutungsverschiebungen verschlingt diese Rede sich immerzu neu – und läuft doch voran. Ein wundersames Buch. Und sehr anders. Handlung gibt es fast keine, dafür handelt es von umso gewichtigeren Dingen, vom Leben zum Beispiel und vom Tod und den Toten und davon, was das alles miteinander zu tun hat. Über alldem und um all das herum bilden Humor und Traurigkeit eine Dichotomie, die das Ganze auch da, wo es wirklich ernst ist – und wahrscheinlich ist es das fast das ganze Buch über –, nicht ins Bierernste kippen lässt. Francisca Ricinskis Handschrift ist eine Kennung, ein Ausweis, ein Biorhythmus.

 

Theo Breuer ist geradeheraus, höflich und bescheiden, macht nicht viele Worte und hat einen feinen Sinn für Humor. Es scheint, als habe er einen Handfeger genommen und ein paar jargonverdächtige Wörter aus dem Literaturhaus her­ausgekehrt. Hinfort mit der kitschigen Sehnsucht nach Dichternähe und noch einmal von vorn anfangen. Die große Gabe von Breuer ist es, das, was man liest, wie soeben gesche­hen wirken zu lassen. Immer wieder gibt es diese prächtigen Mo­mente in sei­nen wortstarken Gedichten, Szenen, die sich im Gedächtnis festsetzen, die nicht verlierbar sind – eine Art Triumph der Literatur. Um Max Bill zu paraphrasieren: Breuers Ge­dichte sind »Gegenstände für den geistigen Gebrauch«.

 

Moderation: A.J. Weigoni

 

6. September 2011, Einlass: 20h, Beginn. 20.30h: LiteraturClubDüsseldorf (LCD)

im Salon des Amateurs, Grabbeplatz 4, Düsseldorf

 

Gefördert von der Kunststiftung NRW e.V. und dem Kulturamt der Stadt Düsseldorf

 

www.literaturclub-duesseldorf.de

 
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Als Adept von Johannes Gensfleisch borge ich mir seine beweglichen Metall-Lettern. Nie habe ich etwas Eigenes geschrieben, alles ist compiliert. Ich bin ein melancholischer Schrotthändler. Mein liebster „Schrottplatz“ ist www.vordenker.de.
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