MaximilianeK

PAPIERFLIEGER

01.03.2010 | 16:59

Frühling..lässt es krachen!

Nach nun 15 Tagen Böllerei, lautem Trommeln und kulinarischem Gemäste hat auch in China und seinem traditionellen Mondkalender das neue Jahr Einzug gehalten. Am 14. Februar fing es an, mit einem großen Essen und vierstündigem Countdown im Fernsehen, inklusive einer glitzernden Batterie an Moderatoren, Sängern und Tänzern aus allen Volksgruppen und geographisch zugehörigen Ecken Chinas, selbst aus Taiwan.
Zwischendrin gab es für Augen und Ohren Verschnaufpausen in Form von komödiantischen Einlagen, "Dinner for 1.4 billion".



Ich war an diesem Abend zu Gast bei meiner chinesischen Kommilitonin Jiao Jiao und ihrer Familie, bzw. ihrem Vater, denn die Mutter war zu den Großeltern in den Norden gefahren.
Bereits auf die telefonische Nachfrage am Nachmittag hin, ob ich lieber Teigtaschen mit Ei oder Fleisch möge, wurde mir klar, dass dieses Abendessen ein größeres Unterfangen werden würde.



Jiao Jiaos Vater stand bereits vor unzähligen Töpfen in der Küche als ich um 7 Uhr eintraf,
im Wohnzimmer lief bereits der Fernsehr auf CCTV 1 - ja, die Sender in China heißen CCTV..

Nach einer kurzen Führung durch die Ein-Kind-Politik-gerechte Dreizimmerwohnung wurde ich erst einmal zur Feier des Tages mit Coca Cola - inklusive Festtagsaufschrift - versorgt und dann ging es auch schon ans Händewaschen: Unter der Leitung von Jiao Jiao und Vater wurde ich in die Kunst des Jiaozi-Machens eingeweiht, jenen Teigtaschen, die es in jeder Kantine und Essbude für ein paar Pfennige gibt, die selbst zu machen aber wirkliche Kunstfertigkeit abverlangen.

Der Teig aus Mehl, einem Ei und heißem Wasser war bereits fertig und ist typisch für Nudelteige sehr zäh. Interessant war, wie erst mit dem Daumen in der Mitte ein Loch gebohrt wird und dann eine Hälfte des entstandenen Rings abgerissen wird - anders scheint man diese Masse wohl nicht ebenmässig teilen zu können. Denn nachdem die entstandene Teigschlange in kleine Stückchen geteilt wurde, lassen sich die einzelnen Stücke nur unter affenartiger Geschwindigkeit und mit einer geschickten Handbewegung zu kleinen Fladen teilen.



Jiao Jiaos Vater arbeitete die Teigfleckchen in Windeseile ab, so dass er auch gleich wieder Zeit hatte, mir - nachdem ich bei dem Fladenroll-Versuch schon recht langsam war - beizubringen, wie ich ordentliche Jiaozi fülle und verschließe. Denn diese leckeren "Maultaschen", wie mein Besuch aus Deutschland sie letzte Woche einfacherhalbe umbenannte, halten den Kochprozeß in siedend heißem Wasser nur aus, wenn alle Ecken und Enden siegeldicht sind, sonst geht zum einen die schöne Füllung flöten, zum anderen entsteht gerade bei jenen mit Fleischanteil nicht das gewünschte Verhältnis aus Fleischbrühe und Füllungsbällchen, die dem ganzen Gericht ja erst den eigentlichen Nuckel-Zutzel-Spaßfaktor geben.

Also langer Rede, kurze Anleitung.



Einen Fladen in die Hand, mit Stäbchen ein wenig Füllung hineingeben.



Wie eine Ravioli falten und von den Knickkanten ausgehend fest verschließen.



Dann der große Clou zur Form: eine Kantenseite zwischen Daumen- und Zeigefingerfalte,
die andere Kante zwischen die andere Handfalte, restliche Finger ineinander verschränken
und dann mit dem Füllungsbeutelchen in den Handinnenflächen zusammenpressen.



Klingt einfach, ist etwas kompliziert, gewinnt an Fertigungssicherheit nach dem 10. Versuch.
Wie gut, dass man dieses Gericht an Neujahr in ausufernden Massen isst.

Aber nicht ausschließlich - es gab noch Morcheln mit Schwein und kalte Reisnudeln mit Rind und frischem Koriander.



Und wiedermal eine wunderbare Überschneidung deutsch-chinesischer Essgewohnheiten: Gekochter und geräuchertes Schinkenfleisch, geschmacklich eins zu eins mit einem guten Stück Kassler.


Mit all diesen Speisen machten wir es uns dann Punkt Acht Uhr vor dem Fernseher gemütlich
und schlemmten und verfolgten das Feiertagsprogramm.
Um elf Uhr setzte Jiao Jiao noch zu einem Crashkurs Majiang für mich an, dass ich nach der 3. Runde sogar gewann.


Um Mitternacht ging dann das Riesengepolter los, mit Böllern, Raketen und lautem Rufen wurde auf den Straßen und im Fernsehen das neue Jahr begrüßt.
Gegen ein Uhr machte ich mich wieder auf den Weg nach Hause, mit dem Taxifahrer über Jiaozi-Rezepte schnackend und gegen 3 Uhr unter akustischer Begleitung des andauernden Geknalles einschlafend.

An die Raketen sollte ich mich in den nächsten Tagen noch gewöhnen, nur als am Montag bei strömendem Regen und Taifun-Winden plötzlich auch noch Trommeln vor meinem Fenstern ertönten, wusste ich wirklich nicht wohin damit:
Traditionell wird am Frühlingsfest viel Zeit mit der Familie, aber gerne auch mit Besuchen bei Nachbarn und Verwandten oder Ausflügen verbraucht. Es gibt Löwen-Akrobatik und tanzende Drachen, viele gute Gründe insgesamt den Frühling willkommen zu heißen.



Wenn er denn kommt. Die ersten vier Tage im Jahr des Tigers begannen in Zhuhai mit Regen, Sturm und abergrauem Himmel. Ich hab mich von Samstag bis Dienstag nicht einmal vor die Tür bewegen wollen, zumal ich Sonntag nach dem Festgelage eh überhaupt keinen Hunger hatte.
Dann hieß es ja, ab nach Hong Kong, meinen Besuch aus Deutschland für unsere Rundreise nach Shanghai und Beijng abzuholen - der Rote Faden unserer Reise waren die roten Papierfetzen der täglich gezündeten Böller.

Diesen Freitag war ich nun wieder in Zhuhai, die Temperaturen tropisch "frühlingshafte" 22 Grad Celsius und biszu 90 Prozent Luftfeuchtigkeit.



Und vor allem - kein Regen! Also wurden gestern, am letzten Tag des Frühlingsfestes - dem Laternenfest - natürlich nochmal alle Register in Sachen Raketenrestposten gezogen -
Horizon Cove burning.



Ich war gerade auf dem Heimweg von einem Tag in Macao - obwohl totmüde, hungrig und verschwitzt und ziemlich sicher, dass meine Kamera und Motivation nicht mehr das gewünschte Ergebnis an Fotographie hergeben würden, hab ich versucht, das Treiben und Gezündel vor unserer Straße festzuhalten. Wenn auch kein dokumentarischer Standpunkt,
so doch ein kleiner Eindruck.



Am besten fand gefielen mir die beiden älteren Herren, die mich auf meinem Weg nach Hause überhaupt dazu verführt hatten, dem Geschehen nachzugehen:
Mit Instant-Nudeln, Zigaretten und eine großen Tüte Knaller machten sie es sich am Straßenrand gemütlich, völlig unberührt von vorbeifahrenden Autos und feuerten eine Ladung Böller nach der anderen in die Bananplantage.



Frühling, ja du bist's - ich hab dein Getöse vernommen.

 
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Kommentare
weinsztein schrieb am 01.03.2010 um 17:16
So lebendig, so nah dran, wir mittendrin und auch noch so lecker!

Danke, MaximilianeK, bitte noch viel davon.

Auch Deinen privaten blog "Papierflieger" kann ich der Freitag-Community nur heiß empfehlen.
Anette Lack schrieb am 01.03.2010 um 17:18
Dito (wie eben geschrieben).

Aber, weinsztein, hast Du das mit der Falttechnik verstanden? Ich nämlich nicht so richtig.

Auf alle Fälle sah das auf den Fotos sehr lecker aus, und ich wäre gern dabeigewesen.
weinsztein schrieb am 01.03.2010 um 17:56
Liebe Anette Lack,

ja selbstverständlich habe ich die Falttechnik verstanden. Ich war lange Zitronenfalter, die Weiterbildung zum Raviolifalter gelang mir daher mühelos.

weinsztein
Anette Lack schrieb am 01.03.2010 um 17:17
Liebe MaximilianeLK;

danke für Blog, Anleitung für die Teigtaschen und die tollen Fotos! Freu mich schon auf mehr... verraten Sie/ Du mir noch (oder hab ichs überlesen), in welcher Stadt Du bist?

Jetzt haben wir Jahr das Jahr des (Metall)Tigers. Gut für Unternehmungen und um Projekte zu Ende zu bringen. Laut meinem Qui-Gong-Lehrer wird es ein agressives Jahr...

Aber das hast Du ja in China ohnehin alles schon erfahren.

Herzliche Grüße aus Hamburg

Anette
weinsztein schrieb am 01.03.2010 um 18:04
MaximilianeK studiert in Guangzhou (auch: Kanton).

In China heißt es: „Die Kantonesen essen alles was schwimmt, fliegt oder vier Beine hat, außer U-Booten, Flugzeugen und Tischen.“. Die kantonesische Küche ist sehr vielfältig mit zum Teil sehr wohlschmeckenden, für Europäer teilweise gewöhnungsbedürftigen Gerichten; unter anderem werden auch Hunde und Schlangen verzehrt, diese sind allerdings auf dem Speiseplan der meisten Kantonesen entweder gar nicht oder nur selten zu finden. (wiki)

Siehe auch Koch Kabisch in seiner jüngsten Kolumne. Seine chinesische Leibspeise ist Vögelnder Ochsenfrosch.
MaximilianeK schrieb am 02.03.2010 um 02:15
Liebe Anette, lieber weinsztein, liebe Leser -
vielen Dank für das tolle Feedback.

Ich studiere seit 5 Monaten an der Sun Yatsen-Universität in Guangdong, im Deutschen Kanton, eine der südlichen, subtropischen Provinzen Chinas. Die Hauptstadt der Prozinz heisst Guangzhou, mein Campus liegt noch einmal 150 km weiter südöstlich, in Zhuhai - der Perlmeer-Stadt und direkt vor den Toren Macaos.

In der Tat gibt es hier eine sehr interessante und an tierischen Produkten sehr reichhaltige Küche. Noch sind keine Amphibien als Beilage in meinem Reisschüsselchen gelandet, aber Skorpione stehen schon ganz oben auf meiner abzuarbeitenden Speisekarte.

Natürlich gibt es davon dann auch Fotos und Berichte in der Freitag-Community. Auch alte Beiträge aus meinem eigentlichen Blog werde ich hier in der nächsten Zeit einstellen.

Koch Käbischs Chinesische Hutong-Küche hoffe ich auch bald in meinen Rezepteschatz im wahrsten Sinne einzuverleiben.

Viele Unternehmung im Tiger-Jahr also!

Maximiliane
weinsztein schrieb am 02.03.2010 um 02:35
Liebe Maximiliane,

Du schreibst hautnah dran und so lebendig. Bitte bring' uns das Leben der Menschen von Zhuhai näher, ihren Alltag und natürlich auch ihre Küche.

Vielleicht wird's ja am Ende ein Buch über China, Land % Leute, aus der Sicht einer deutschen Studentin in Zhuhai.

Ich möchte von Dir gern mehr lesen (darf ich Dich überhaupt duzen?).

Herzliche Grüße
weinsztein
weinsztein schrieb am 02.03.2010 um 02:35
Land & Leute natürlich
Anette Lack schrieb am 02.03.2010 um 18:55
Liebe Maximiliane;

"Noch sind keine Amphibien als Beilage in meinem Reisschüsselchen gelandet, aber Skorpione stehen schon ganz oben auf meiner abzuarbeitenden Speisekarte."

Als ich in Portugal lebte, (damals machten dort in der Hauptsache nur Engländer Urlaub, unter Deutschen galt das Land noch als sehr exotisch, das war Ende der Siebziger). trat ich als Jazzsängerin mit portugiesischen Musikern auf und war oft bei Ihnen zu Hause eingeladen. Singvögel jagen war damals portugiesischer Volkssport: die kleinen Jungs hatten die erlegten Vögel an einem Lederriemen am Hosenbund, je mehr, desto stolzer der Besitzer... Und die gab es natürlich als Leckerbissen, wenn Besuch kam - also auch für mich.

Was sollte ich machen? Unmöglich, meine Gastgeber zu beleidigen. Ich habe sie also gegessen, wenn auch mit sehr schlechtem Gewissen. Sie schmeckten gar nicht schlecht.

Skorpione würde ich auch probieren! Schlangen vermutlich auch, dagegen Hunde... eher nicht. Aus sentimentalen Gründen.

"Natürlich gibt es davon dann auch Fotos und Berichte in der Freitag-Community. Auch alte Beiträge aus meinem eigentlichen Blog werde ich hier in der nächsten Zeit einstellen."

Ich bin wirklich gespannt. Eine Freundin von mir, Koreanerin, hat auch in China studiert; sie versucht immer wieder, mir ein anderes Bild von Mao näherzubringen... Jetzt bin ich gespannt auf Ihres/ Deines (nicht von Mao, aber vielleicht auch; aber vor allem von China!)

Herzliche Grüße

Anette
Anette Lack schrieb am 02.03.2010 um 18:56
... und ich war bei ihnen zum Essen eingeladen - nicht bei IHNEN.
MaximilianeK schrieb am 11.03.2010 um 17:18
Frau Lack,

ja, mit Katzen und Hunden, das würde ich auch weder übers Herz bringen, noch bräuchte ich dann noch meinen Eltern, meinem Bruder, vor allem unserem eigenen Hund unter die Augen treten.

Als ehemalige Vegetarierin und zwar nicht aktive Tierschützerin, aber doch in jedem Fall nicht völlig Herzlos, habe ich mir über die Beziehung Mensch-Tier in China bereits einige Gedanken gefasst - sobald sie aufs Papier gebracht sind, bekommen Sie die natürlich auch hier zu lesen.

Doch leider hat mich die letzten Wochen das Lernpensum nach dem chinesischem Maß an Disziplin ziemlich auf Trab gehalten, weshalb solche und andere Beiträge bis zum Wochenende warten müssen.

Bis dahin beste Grüße!
Alien59 schrieb am 02.03.2010 um 05:44
Wunderschön, danke fürs mitnehmen in eine andere Welt. Ich bewundere Leute, die immer so unbefangen photographieren und alles beschreiben können.
MaximilianeK
Reisen. In die großen und kleinen Städte, auf dem Papier und durch die Zeit, mit Büchern, allerhand Gepäck und der Bildung zuliebe auch mal ans andere Ende der Welt.
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