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Sie sind gut gelaunt, gemütlich und gehen durch die Stuttgarter Innenstadt. Sie sind auf der Suche nach etwas, bepackt mit Tüten. Suchen sie ihr Glück in den zahllosen Geschäften der City? Welche kostbaren Kleinode bürgerlicher und alternativer Lebenslust befinden sich frisch erstanden in den Plastiktüten zur linken und rechten? Nein, der Inhalt der Tüten verrät uns etwas anderes. Er erzählt uns Geschichten der sozialen Unterschiede und der Schere zwischen Arm und Reich in der Wegwerfgesellschaft unserer Bundesrepublik: Es sind Pfandflaschen, viele Pfandflaschen! So viele, dass es lohnt sie zu sammeln. Wer immer noch behauptet, in unsere Gesellschaft sei die Amplitude der Armen und Reichen relativ klein, mag damit Recht behalten. Aber eben nur relativ! Absolut und global betrachtet, verleitet diese Theorie zu der Annahme hier gehe es allen gut. Klar! Allerdings befinden wir uns heute viel mehr auf einer Art modernen inneren Mission, die schnell zu erkennen gibt, dass es im Musterland auch seine Missstände und sozialen Unterschiede gibt.
Wer sein Leben lang gearbeitet hat, hat einen Anspruch auf eine angemessene Rente im Alter. Das sagt, im übertragenen Sinne, der Generationenvertrag. Das Leben der Flaschensammler erzählt von der Problematik dieses Systems.
Die erste Person hat graue Haare und wirkt sehr bescheiden. Er ist 62, sagt er und wartet auf seine Rente die er im nächsten Jahr bekommen wird. „Ich habe mein ganzes Leben lang gearbeitet, hier in Deutschland. Als LKW-Fahrer. Aber es geht nicht mehr“ sagt er in nicht ganz akzentfreien Deutsch. Der Knochenjob hat dem Deutschkroaten letztenendes die Arbeit genommen. Das ständige Fahren in der gleichen Haltung und das Auf- und Abladen der Ladung haben über die Jahre seinen Rücken ruiniert. Wir fragen Ihn, ob er nicht in Frührente gehen könne. Er spricht von Prozenten und Kuren und dass das nicht möglich sei. Er war für staatliche Hilfe – prozentual betrachtet – nicht ausreichend genug behindert. Nun bekommt er Hartz 4 und sammelt nebenbei Flaschen. „Bewegung ist gut!“ sagt er heiter, „für meinen Rücken. Und zehn Euro am Tag zu sammeln reichen mir aus“. Es reicht zu dem Hartz 4 aus um sich ein kleines bisschen Luxus zu leisten.
Seine Kollegen sehen das ähnlich. Die meisten davon, leben mit einem ähnlichen Schicksal. Aber es scheint Ihnen nichts auszumachen. Im Grunde genommen wirken sie nicht unglücklich.
Der nächste, Toni, gebürtiger Slowene, erzählt uns vom Krieg. Seine Geschichte wirkt wie die plakative Darstellung eines verlorenen US-Kriegsveteranen. „8 Jahre Krieg als Offizier. 4 Jahre Irak. 4 Jahre Jugoslawien“ erzählt er uns und zeigt nebenbei seine Kriegsverletzung am linken Bein. „Ich habe natürlich schlimme Sachen gesehen, aber Alpträume habe ich nicht.“ Trotzdem wird nur vier Stunden geschlafen. „Mehr geht nicht“. Nach dem Krieg sei er nach Deutschland gekommen. Er habe sich über die Jahre mit verschiedenen Jobs über Wasser gehalten. Als Hausmeister, im Handwerk und viele Jahre auf dem Markt als Gemüseverkäufer, erklärt er. Jetzt ist er arbeitslos, sein Körper geschunden und hat nicht besonders viel Geld. Auch an ihm nagt der Zahn der Zeit. Er hat außerdem eine Verletzung am Arm, ist aber ebenso zufrieden. „Wenn man es richtig anstellt, kann man mit Pfandflaschen viel Geld machen“. In seiner einfachen Art klopft er uns zum Abschied auf die Schulter. Tschau Jungs! Viel Erfolg für die Zukunft wünschen wir Ihm.
Klar und einleuchtend ist, dass Deutschland nicht für seine Rente als Kriegsveteran einer fremden Armee aufkommen muss. Dennoch bleibt die Frage offen, warum man nach achtjährigem Einsatz seines Lebens, den Lebensunterhalt durch Arbeitslosengeld und Flaschensammeln verdienen muss. Bleibt zu hoffen, dass die Bundeswehr sich schleunigst etwas für die Wiedereingliederung in die Zivilgesellschaft der hießigen Veteranen einfallen lässt. Denn man muss sich im Klaren darüber sein, dass nicht jeder Soldat über eine Berufsausbildung verfügt und nach der aktiven Zeit oft die Arbeitslosigkeit wartet.
Während den Neunziger Jahren war der Dritte, Besitzer eines Kroatischen Restaurants, das er notgedrungen schließen musste. Anschließend arbeitete er als Fahrtbegleiter in den Öffentlichen Verkehrsmitteln. Er ist aber guter Dinge, denn in einem Jahr wird er seine volle Rente beziehen können. Dann hört er mit dem Flaschensammeln auf und gönnt sich einen geruhsamen Lebensabend in seiner Heimat: in Deutschland! In Kroatien sei er fremd, sagt er. Er mache das nicht aus Spaß an der Freude. Er brauche das Geld, vertraut er uns an. Seine Beine machten das Arbeiten für Ihn ebenfalls zur Qual. Nur hat es bei Ihm für die Frührente gereicht. Mit Abzügen natürlich. Für Ihn ist selbst das Flaschen sammeln eine größere Anstrengung. Im Gespräch stellt sich heraus, dass Fahrtbegleiter sehr oft einen wesentlich geringeren Stundenlohn bekommen, da sie in der Regel über Tochterfirmen angestellt sind. Betriebseigene Mitarbeiter bekommen natürlich mehr. Wie man mit geringen Löhnen einen anständigen Rentenbeitrag einzahlen soll, ist die Frage.
Offensichtlich kennen die Sammler sich auch untereinander. Er fragt uns ob wir schon mit Toni geredet hätten. Manche verstehen sich gut untereinander, allerdings gibt es natürlich auch im informellen Sektor ein Konkurrenzdenken. Er erzählt uns von berufstätigen Personen, die allein rein optisch gesehen nicht so wirken, als wären sie auf diese Erwerbsquelle angewiesen. Außerdem gäbe es mit bestimmten Sammlern regelmäßig Ärger. Es sei auch schon einmal zu Handgreiflichkeiten gekommen, erklärt er uns, aber es werden immer Flaschen weggeworfen! So lange die Masse so wohlhaben und bequem ist, ihre Getränkebehälter in den Mülleimer zu werfen, so lange wird es wohl die Flaschensammler geben.
Für uns ist dies ein eindeutiger Indikator, dass das Wohlstandsgefälle in Deutschland tatsächlich spürbar ist. Für die Einen ist das Wegwerfen von Geld in Flaschenform eine Selbstverständlichkeit. Im Umkehrschluss gibt es bedürftige Menschen, die auf diese Art von finanzieller Umverteilung angewiesen sind. Die Menge der Sammler auf die man trifft, wenn man sich einen Nachmittag auf eine Wiese in der Stadt legt spricht Bände! Es sind Einzelfälle, aber so viele, dass der Einzelfall noch nicht zum Massenphänomen, aber zu einer deutschlandweit großen Menge von Armen Menschen heranwächst.
Es beschweren sich aber wenige, über ihre aus der Not geborene Aufgabe. Trotzdem bleibt der Zwang, im Müll nach verstecktem Geld zu suchen keine angenehme Sache – Auch wenn das Recyclingsystem so besser funktioniert und die Sammler ungeahnt im Dienste der Umwelt stehen.
Im Endeffekt hat jedes System den Anspruch perfekt zu sein. Jedoch scheint es ebenso einen feinmaschigen Sieb darzustellen, durch den manche Menschen trotz harter Arbeit hindurchpurzeln, als wären es Sandkörner. Das Meiste bleibt natürlich im Netz hängen, das ist auch gut so! Aber das Netz unseres Siebes ist immernoch zu weitmaschig. Das Ziel lautet, wenn man in der Bildsprache bleibt, das Netz so eng zu ziehen dass nicht einmal mehr Staub durchrieselt. Auf gut Deutsch: Wir brauchen entweder mehr Kinder die für die greise Generation bezahlen kann, oder eine Idee, die anders lautet, als einen Kollaps durch die Erhöhung des Rentenalters hinauszuzögern. Das beste System kann verbessert werden und das gilt auch für das vergleichsweise gut funktionierende Deutschland, denn wie sagt man so schön: „the biggest room, is the room for improovement!“
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Gern gelesen, aber gegen Ende wurde es deutlich schwächer. Das Resümieren hat noch nicht so ganz geklappt ,-)
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Vielen Dank fürs Lesen. Was genau wurde denn schwächer? Eher inhaltlich, der Aufbau oder ein Konglomerat aus allem? ;)
Freue mich auf die Antwort |
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Ich meinte den letzten Absatz. Das liest sich zu sehr nach einem belehrenden Zeigefinger. Die Flaschensammler waren so gut dargestellt, da braucht es das eigentlich nicht.
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"Im Endeffekt .. Anspruch... perfekt zu sein"
Es gibt aber keine Perfektion. Also leitet dieser Satz eine Verteidigung des Systems ein: die beschriebenen Fehler werden als unvermeidlicher Abstand zur Perfektion gewertet. "Jedoch scheint es ebenso einen feinmaschigen Sieb darzustellen" Das jedoch ist unverständlich: feinmaschig zu positiv, der Konjunktiv nimmt den Impetus. Das hat Sinn, wenn klar ist, daß es kein Sieb, sonder undurchlässig sein soll, dieses Bild haben Sie aber nicht vorbereitet. Besser wäre gewesen: es stellt aber einen zu grobmaschigen Sieb dar, weil... Und die Einleitung "Perfektion" erfordert dann eine Bemerkung, daß nicht nur nicht perfekt, sondern der Abstand noch größer als der vertretbare Anspruch ist. Ihre Kritik ist zu vorsichtig, weil die Armut weit schlimmer ist und erhbliche Menschen durch die Maschen fallen. Gruesse kenua ich suche immer noch Leser & Kommentatoren für mein Projekt: der theoretische Teil ist erst mal abgeschlossen, jetzt wird es anschaulicher. |
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Nun gut - ich stelle absichtlich nicht die Systemfrage. In möchte mich in den derzeit praktizierten Systemen umschauen.
Relativ betrachtet, ist der deutsche Sozialstaat doch ein einigermaßen funktionierendes System - wenn man es mit den USA oder anderen G20 Ländern vergleicht, oder - da greifen nur "grobmaschige Siebe"? Absolut betrachtet, bedeutet das allerdings keinesfalls, nicht weiter daran zu arbeiten, denn jeder Mensch dem es schlecht geht, ist einer zuviel oder? Das war die Aussage dahinter - trotzdem vielen Dank fürs Lesen und die Kritik. |
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Mir ging es nur um ihre Sätze : wenn sie mit dem Anspruch des Perfektionismus kommen, erwartet man eine Verteidigung es Systems, weil man Perfektion nicht erwarten kann.
Sie wollen es aber ein bische kritisieren, das beißt sich einfach. Sicher ist es in den USA schlimmer als bei uns, bei uns ist es jetzt aber weit schlimmer als vor 20, 30 Jahren, und es wird weiter schlechter werden. aBer das ist erst mal nicht ihre Intention. in den USA ist es aber auch schlimmer geworden, das ist ein weltweiter Effekt: wenn es irgendwo in Afrika oder Südamerika zu schlimm wurde, unterstützten die Russen die kommunistischen Opposition mit Waffen & Know how, das fällt seit 20 Jahre weg, und das Kapital kann sich alles erlauben. Aber das ist eine andere Geschichte: wie gesagt, mir ging es nur um leicht Inkonsistenzen in Ihren Sätzen. |
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Wieso eigentlich Dekandenz ?
Und es ist das Netz des Sozialstaates, nicht das Sieb. viel Spaß weiterhin, und gruss kenua |
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Das Netz soll ja alles auffangen, das Sieb soll durchlassen: das ist aber nicht die Intention.
Sieb ist von Hause aus nicht passend, es soll ja keiner durchfallen: ob grob- oder engmaschig, das ist der Grad des prinzipiellen Versagens. |
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Gern gelesen. Es ist wichtig, den Blick auf diese Seiten des Alltags zu richten. Man läse das gern als Reportage in FAZ oder Süddeutsche, in WELT oder mit Fotos illustriert im Stern und SPIEGEL. Dauert vermutlich nicht mehr lange, so wie die Dinge in Europa stehen bzw. liegen.
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Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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