En direct nach der Volksabstimmung versammeln sich die Hirten der Moderne um konstruktiv die eigene Rolle aufzuarbeiten - Eine Glosse zur beispiellosen Selbstinszenierung der Medien im Südwesten!
Nun gut, die Volksabstimmung ist seit langem gelaufen – der Weihnachtsschmaus auch. Da wir nun wieder gesünder leben sollten bestellen wir doch mal nur den Hirtensalat. Wollen Sie noch etwas Schafskäse dazu? Ich frage Sie deshalb, weil das eben nicht jeder mag. Die Berichterstattung zum Thema Stuttgart 21 ist nämlich als Hirtensalat zu betrachten - und die Beiträge selbsterklärter mündiger Bürger als Schafskäse. Jedenfalls steht jene salatgewordene Berichterstattung seit Beginn der Proteste massiv in der Kritik – nicht nur geschmacklich! Verschiedene Schafherden werfen nun ihren Hirten Parteilichkeit vor und setzen die großen Verlagshäuser durch Kündigungen und Leserbriefe unter Druck – Schade dass Schafe gar nicht so dumm sind, und nun mittels ihres bildlichen Schafskäses den Medien ganz schön einheizen! Für den modernen Viehhirt eine Erkenntnis kataklysmischen Ausmaßes! Es haben nämlich doch auch diese domestizierten Böcke etwas Einfluss auf das geschriebene Wort der biblischen Tageszeitungen. Nun geht es darum die aufgebrachten Schafe durch gutes Zureden und nicht durch das laute Bellen eines deutschen Schäferhundes wieder zum friedlichen grasen auf den schönen südwestdeutschen Auen zu bringen.
Ausgerechnet die Herdenhirten, die nicht zögerten durch Gebrüll und Steckenschlägen zu lenken, sollten die Rolle des verlogenen Schmusepfarrer Jürgen Fliege mimen. Stellvertretend für alle Streithammel der Herde. Genau jene, die jahrelang durch spitze Kommentare der stellvertretenden Chefredakteure die reihenweise Monitore und Retina-Displays mit Fliegenkacke und Spuckeresten eingesaut haben. Der Speichel kommt übrigens nur indirekt aus dem Mund der Hirten. Viel mehr ist er einer wiedererstarkten Schafgattung zuzuschreiben, die den Lamas evolutionär recht nahe steht: Den sturen südwestdeutschen Schafen, die immer wenn sie das Gefühl haben, verarscht zu werden, einen Schwall saurer Sabberbrühe, auf den Stamm ihrer Stinkwut spritzen.
Nun: O tempora o mores, Sapperlot und Scheißendreck - auf gut Deutsch: Mäh. Es rumort in der Schafherde, da die Hirten mal wieder mit allem anderen beschäftigt sind. Nämlich mit einem erneuten Versuch sich den Abokotellets durch plötzliche Bürgernähe und affektierte Selbstreflektion anzubiedern, um ihnen das Fell zu scheren. Wollen wir hoffen, dass nun auch Taten folgen. Den schwarzen Schafen – im Hirtenfachjargon auch Twitter-Demagogen genannt – sollen sich nun mehr Möglichkeiten bieten, sich in etablierten Mähmagazinen fundiert zu informieren. Aber was ist schon Recherche, meint der Chef der FAZ – der freien Ackerzeitung - sinngemäß. Wilde Gutachten verwirren die Lämmer doch nur. Wenn Quellen, Gutachten und investigatives Denken in der Presse nichts mehr zählen, dann wünscht ihre Schafherde eine gute Nacht!
Wenn wir entmündigten Schafe schon einen vierten Hirten brauchen, dann bitte einen der seinen Job richtig macht. Wir wollen nämlich die nächste Wiese selbst wählen – nicht zu einer vermeintlich saftigeren gelenkt werden. Aber zum Glück kommt es auch unter den besten Schäfern vor, dass vor lauter Gerede um den längsten ... äh Stecken, die Herde ausbüxt.
Schön, dass Sie ihren Hirtensalat mit meinem Schafskäse bis zum Ende genossen haben. Nun habe ich in ihrem Interesse noch folgende Bitte: verdauen Sie ihn sorgfältig!
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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