08.08.2011 | 23:39

Morpheus und die Unterwelt

Heinrich Steinfest:

„Wenn der Wecker läutet, kann man aufstehen oder liegen bleiben. Man kann aber auch weiterschlafen, weiterträumen und den Klang des Weckers in den eigenen Traum integrieren, möglicherweise umwandeln, uminterpretieren. Es mag Menschen geben, die „Traumkünstler“ geworden sind und sich schon so lange in einem Traum aufhalten, dass sie ihn für das wirkliche Leben halten. Aufzuwachen aus diesem Traum wäre eine Katastrophe. Das „Wachsein“ ist der Feind.

Ich möchte in diesem Zusammenhang auf den Film Matrix verweisen, der eine Welt beschreibt, in welcher der menschliche Geist Teil einer virtuellen Realität ist, einer perfekten Scheinwelt. Einige aber brechen aus dieser programmierten Chimäre aus, um die Wahrheit zu schauen. Ein Mann namens Morpheus, der diese „Aufgeweckten“ anführt, erklärt bezüglich derer, die weiterhin in der Matrix leben: „Die meisten dieser Leute sind nicht bereit, sich abkoppeln zu lassen. Viele von ihnen sind so angepasst, so hoffnungslos vom System abhängig, dass sie alles tun, um es zu beschützen.“

Und genau solch ein Wind bläst uns entgegen, der Wind von Leuten, welche ihre Matrix verteidigen: eine realpolitische Simulation. Die moderne Ökonomie als ein Fluch, der wie im Märchen vom Dornröschen unsere Welt mit Schlingpflanzen und Dornenhecken umgibt und so viele Menschen in einem andauernden Schlaf hält. Im Märchen nun gibt es einen erlösenden Prinzen. Im richtigen Leben freilich muss sich das Volk schon selbst wachküssen.

Die Stornierung des S21-Projekts würde nicht einfach nur bedeuten, einige Geschäfte nicht in der geplanten, privatistisch eingefädelten Manier durchziehen zu können, sondern die gesamte Struktur, die dieses Projekt ermöglicht hat, infrage zu stellen. Den Charakter von Schlingpflanzen und Dornenhecken. Nicht zuletzt aber auch die Struktur einer jeden beteiligten Persönlichkeit. Diese Leute verteidigen ihr höchstpersönliches „Abendland“, eine über Jahrzehnte entwickelte Traumlandschaft gelungener Karrieren. Nun, nicht alle Vorsitzenden eines Aufsichtsrates können so verräterisch offen sein wie jener aus Orson Welles Film Citizen Kane, der da erklärt: „Es ist keine Kunst, einen Haufen Geld zu machen, wenn Sie keine anderen Wünsche haben, als einen Haufen Geld zu machen.“

In besagtem Matrix-Film taucht auch eine zutiefst tragische Figur auf, ein Mann namens Cypher, welcher bereut, die wahren Zusammenhänge erkannt zu haben und nun wieder in die Matrix, in den Schlaf zurückkehren möchte. Er will alles vergessen und erneut manipulierter Teil einer computergenerierten Traumwelt sein. Er drückt es so aus: „Unwissenheit ist ein Segen.“

Das hat etwas für sich, denn das Wissen kann eine Last sein, weil es einen zwingt zu handeln. Wenn ich die Umstände nicht kenne, die zu dem Rinderschnitzel führen, welches da so hübsch delikat auf meinem Teller liegt, geradezu ein Gemälde, brauche ich mir auch keine Gedanken über die Würde von Tieren und die Würdelosigkeit ihrer Haltung und Tötung zu machen. Wenn ich aber weiß, wie es im Detail zu diesem Schnitzel kam, dann werde ich mein Verhältnis zu seiner Entstehung neu definieren müssen. Ich werde hinter dem Gemälde die Not erkennen. Und bin gefordert. Die Wahrheit fordert mich. Das ist eine Last. Aber es gibt eben eine Last, die macht frei.

Ein Schnitzel, ein Bahnhof, die Natur, der liebe Gott – wer meint, man könne die Dinge nicht vergleichen, ignoriert, wie sehr alles zusammenhängt. Wenn Sie mich nun fragen, wo die Matrix in unserem Leben zu erkennen ist, dann sage ich Ihnen: ganz einfach, immer dort, wo Information durch Reklame ersetzt wird. Kommunikation als Lüge besitzt stets den Glanz einer Broschüre. Das Schneeweiß einer Animation. Die goldenen Panade über einem Stück totem Fleisch.

Wenn ein Politiker sagt, man müsse die Bürger mitnehmen und abholen (so wie man sagt, man hole die Kinder vom Kindergarten ab), dann wissen Sie, meine Damen und Herren, was es geschlagen hat.“

 

(Auszug aus der Rede des Schriftstellers Heinrich Steinfest, gehalten am 9. Juli 2011 in Stuttgart auf einer Kundgebung gegen das Projekt Stuttgart 21)

Quelle: einundzwanzig [Print 07/11]

Die gesamte Rede kann man hier als Video nachsehen/-hören.

 

 

 
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Kommentare
Don Quijote schrieb am 11.08.2011 um 22:52
Ja der Steinfest... immer wieder gern gelesen und gehört, sehr guter Mann! Danke für's Posten!

Daß aber Deinem Artikel in der S21 Themensammlung ausgerechnet mein Morgens um halb Vier folgt, ist nur Zufall, ehrlich...

Irgendwie muß dem trübseeligen Schlaf doch beizukommen sein!

saludos,
Q.
mcmac
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weinsztein hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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maxing hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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