19.03.2011 | 00:57

Säue vor Perlen: Der ehrenwerte Herr Mappusconi

 

„Ein Mann von der Schönheit einer dorischen Säule, mit der ein Unglück geschehen war“ (Heinrich Steinfest, „Wo die Löwen weinen“)

 

Als Politiker ist der Mann ein notorischer Lügner. Das kann man ihm nicht ernsthaft zum Vorwurf machen; als Pate vom Neckar gehört das fraglos zu den Erfordernissen seiner Tätigkeit. Normale Politiker sind eher gewöhnliche Schwindler, müssen es scheinbar sein. Als Lügner allerdings muss man über ein anderes Kaliber verfügen: Die Staatslüge, so elegant sie auch auftreten mag (was sie im vorliegenden Fall bestimmt nicht tut, also: elegant sein) ist, im Gegensatz zur landesüblichen Bauernfängerei, immer mit ihrem hässlichen, kleinen, dicken Bruder -dem Zynismus- an der Hand unterwegs. -Wenn Norbert Röttgen etwa der Dieter Nuhr der CDU wäre, dann ist Mappus der Mario Barth dieses Zweckverbandes.. (Und Frank [-Walter] Lüdecke mimt dauerhaft & äußerst erfolgreich die 'Schleim-Spur der Steine' eines anderen, großen Zweckverbands, der sich fälschlich selbst als sozialdemokratisch bezeichnet -das aber nur ganz am Rande und des Ausgleichs wegen).

Vor gut einem Jahr beerbte Stefan Mappus den nach Brüssel weggelobten, derzeitigen EU-Energiekommissar und gleichermaßen Atomliebhaber mit inzwischen arg verkürzter Restlaufzeit, Günther Oettinger, als Ministerpräsidenten und CDU-Landesvorsitzenden. Mappus' Bilanz seit dem kann sich sehen lassen:

Aggressiver Vorreiter und Einpeitscher zur Verlängerung der Atomlaufzeiten. Besonderes Engagement für die beiden Schrottmeiler in Neckar-Westheim und Philippsburg. Sogar Parteikollegen mit Ministerposten in Berlin waren nicht sicher vor dieser württembergischen Kampfmoppe, die sich selbst für die Reinkarnation von FJS hält: Röttgen legte er seinerzeit den Rücktritt nahe, weil dieser ihm zu viel redete, anstatt sofort zu handeln.

Völliges demokratietechnisches Versagen angesichts der Proteste gegen S21. Erst versuchte er die Proteste zu ignorieren. Dann suchte er sie zu diffamieren („Berufsdemonstranten“, „Die gegen S21 protestieren sind dieselben, die gegen die Atomkraft protestieren.“ usw.). Und als all dies nicht fruchtete, ließ er -sicherlich umfassend von Kochs ehemaligen und nun in seinem Salär stehenden Einflüsterer Dirk Metz beraten- den gandenlosen Law-And-Order-Rambo raushängen: Er ordnete das Polizeigemetzel vom 30.9. im Stuttgarter Schlossgarten mit über 400 Verletzten an.

Daraufhin sackte seine CDU ein halbes Jahr vor der Landtagswahl auf 36% durch. Erst sein Parteifreund Geißler konnte ihm mit der Inszenierung des Schlichtungstheaters den politischen Hintern retten. Mappus spielte widerwillig ein bisschen mit und nahm sekundenweise gar Wörter wie „Demut“ in den Mund. Was ihn aber nicht davon abhielt, die Bürgerbewegung weiter zu kriminalisieren. Nun aber -man ist ja lernfähig- nicht mehr sichtbar und in offener Feldschlacht mit paramilitärisch gerüsteten Polizei-Hundertschaften. Sondern dieses Mal unter Missbrauch der Justiz; viele der Gegner von S21 wurden wegen Lappalien mit einer wahren Flut von Anzeigen und Verfahren überzogen. Erstattete man Anzeige als Geschädigter des 30.9., musste man eines mehrfachen Echos von Gegenanzeigen gewahr werden. Es gab hochnotpeinliche Zeugenbefragungen, Staatsanwaltschaft und Polizei versuchten Zeugen mit „persönlichen Hausbesuchen“ einzuschüchtern. Selbstredend überstand Mappus seinerseits den unter schwarz-gelber Kuratel stehenden parlamentarischen Untersuchungsausschuss zum Schwarzen Donnerstag (30.9.) völlig unbeschadet.

Derart unter Fortunas überbordendem Füllhorn stehend und entsprechend hochgestimmt, schaltete er im vergangenen Dezember noch kurz mal das Parlament aus. Mit seinem früheren JU-Kompagnon Dirk Notheis, der inzwischen Chef der Deutschen Morgan Stanley geworden war, machte er in einem stillen Kämmerlein der Villa Reitzenstein, seinem spätbürgerlichen Thronsitz, einen Kredit über 4,7 Mrd. Euro klar. Und kaufte, ohne das Parlament zu fragen, ja, ohne solche Befragung überhaupt in Erwägung zu ziehen, dafür völlig überteuerte EnBW-Aktien für das Ländle. Kritiker sprechen von einem um 1,7 Mrd. Euro zu hohen Kaufpreis - bezogen auf die Zeit vor dem Ausstieg aus dem Ausstieg des Ausstiegs wohl gemerkt. Und wohl gemerkt ebenfalls: Alles steuerfinanziert - die Verluste trägt per solchem Mappus-Ukas die Allgemeninheit. -Ein Sachverständiger untersucht im Auftrag der Opposition indes den offenkundigen Verfassungsbruch des forschen Herrn Mappusconi.

Bei seinem jüngsten Fernsehduell mit SPD-Spitzenkandidat Nils Schmid („Oh Gott, Herr Jähzorn gegen Mr. Schlaftablette“ -Kommentar in einem Internetforum), sagte Mappus (dem beim Disput auch schon mal die Stimme rau und brüchig wird ob des vielen Adrenalins in seinen Adern), dass der „Schlichterspruch von Heiner Geißler Eins zu Eins umgesetzt“ werde. Mal abgesehen davon, dass es gar keinen verbindlichen Schlichtungsspruch gibt und also auch diesbezüglich nichts umzusetzen ist, ist auch diese Aussage schon wieder eine dreiste Lüge (von so vielen, die hier gar nicht alle genannt werden können): Die handvoll Bäume, die jüngst bei Nacht und Nebel und gegen den Widerstand von 2.000 Demonstranten „umgepflanzt“ wurden, sind, weil dies völlig unsachgemäß und rabiat erfolgte, sämtlich und mit Sicherheit dem Tod geweiht. Das dürfte den bekennenden Guttenberg-Fan, Dr. hin oder her, allerdings in etwa so viel stören wie ein feuchter Kehricht.

Wenn Guttenberg Berlusconi auf hochdeutsch ist, dann ist Mappusconi die robuste Variante auf schwäbisch. Aggressiv, brutal, schlicht – historisch übertragen: ein Duce-Typ. Keiner, der sich damit zufrieden gäbe, als Zuhälter die Demokratie wie eine Hure zu missbrauchen; er würde sie auch gerne noch zu Tode prügeln. Wenn man ihn nur ließe...

 

Einige Links (Videos & Texte)...

Slomka vs. Mappus

EnBW-Deal

Dirk Notheis (Morgan Stanley)

Dirk Metz(1)

Dirk Metz(2)

Verantwortung 30.9.

U-Ausschuss Schwarzer Donnerstag

Zeugeneinschüchterung

Baum"verpflanzungen"

Georg Schramm 14.3. in Stuttgart

Heinrich Steinfest "Wo die Löwen weinen"

Postdemokratie

Du bist dumm

 

 

 

 
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Kommentare
Ehemaliger Nutzer schrieb am 19.03.2011 um 02:18
...sooo schön wie Roland Koch....
aber alle sind geschmeidig genug, um auf irgendeine Art und Weise ihr Schäfchen ins Trockene zu bringen!
Und Schmerbauch hin oder her,
sie sind anscheinend nicht aufzuhalten.
Berlusconi is on the top of it all, da sind die "Unseren" doch kleine Plagiate.
Entgegen- statt dagegen, das ist die Devise,
die Zumutung ist nicht auszuhalten,
wie schon erwähnt, früher Fähnchen, heutzutage geschmeidig=aalglatt.
Noch 8 Tage, hoffentlich
KalleWirsch schrieb am 19.03.2011 um 07:57
„Die gegen S21 protestieren sind dieselben, die gegen die Atomkraft protestieren.“

Das ist wirklich mein Lieblingsatz vom schwäbischen Schweinderl. Und dann setzte er ja noch nach, wir seien mit den Protesten gegen s21 und Neckarwestheim auf dem Weg in eine Dagegenrepublik. Herrlich. Sollte die Atomwirtschaft Entschädigungen einklagen, wird das Land Baden-Württenberg als Miteigentümer von EnBW (übrigens von Mappus nicht nur am Landtag, sondern auch an seinem Finanzminister vorbei eingefädelt) gegen sich selbst klagen? Oder klagt Herr Mappus (EnBW) dann gegen die Bundesregierung und die von ihm mitgetragene "Wende" in der Atompolitik?
Und wenn man sich die Kollegen Atomminister wie Seehofer und Bouffier anschaut, dann bleibt doch nur noch die Frage:
Welches Schweinderl hättens denn gern?
mcmac
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