Eigentlich nickt Karl Lauterbach immer und für einen kurzen Moment weiß man nicht, ob es vielleicht dieses Argument ist, das ihn zum Nachdenken angeregt hat, ihn vielleicht sogar umstimmen konnte. Aber kaum beginnt er zu reden, weiß man es besser, denn dann stellt er in erster Linie rhetorische Entweder-oder-Fragen: „Mach ich meine Arbeit oder schreibe ich Twitter-Nachrichten?“ ist dabei nur eine von vielen.
Karl Lauterbach ist SPD-Politiker und will mit allen Mitteln verhindern, dass man ihm die Mauer in seinem Kopf einreißt; weder von den anderen Panel-Teilnehmern der Veranstaltung „Wählerfang im Netz“ noch vom Publikum, das jede Aussage beklatschte, in der die Rolle des Internets als neues Wahlkampf-Werkzeug betont wurde. Sie schafften es nicht, am Ende trennt Lauterbach auch weiterhin fein säuberlich zwischen dem echten Leben und der virtuellen Realität.
Dabei betonte der Politiker gleich zu Beginn, dass er das Internet schätze und schon zu einer Zeit online gewesen sei, als man noch eine Lochkarte dafür brauchte. Er sei sich auch im Klaren darüber, dass jedes seiner Worte heutzutage überprüfbar ist und Politiker einen Skandal nicht länger aussitzen könnten, wie der Fall Guttenberg gezeigt habe. „Als Privatperson schätze ich das“, sagt er und grinst. Als Parteimitglied habe er jedoch wenig Zeit und die wolle er nicht damit verbringen, Blog-Kommentare zu schreiben, gerade in seinem Wahlbezirk Köln-Mülheim komme es darauf an, die Leute vor Ort zu besuchen.
Spätestens jetzt regte sich Widerstand: Teresa Bücker wies Lauterbach darauf hin, dass die Menschen heute um die grundsätzliche Möglichkeit der Mitgestaltung sehr wohl Bescheid wüssten und diese auch einforderten. Für eine Partei wie die SPD, die viele junge Wählerinnen verloren habe, so Bücker weiter, sei es an der Zeit darüber nachzudenken, wie man diese Menschen besser erreiche, der propagandistische Sprachstil komme nicht mehr an. Das Publikum klatscht, Lauterbach nickt. Dann sagt er: „Das Netz wird mir nicht helfen, Leute für den Wahlkampf zu mobilisieren.“ Es ist, als ob Frau Bücker überhaupt nicht gesprochen hätte.
Eine ähnliche Erfahrung dürfte auch Markus Beckedahl, Betreiber des vielgelesenen Netzpolitik-Blogs gemacht haben. „Die Politik behandelt Bürger als digitale Litfaßsäule“, sagt Beckedahl. Der Bürger wolle aber mehr, vor allem mehr Einblicke in die Arbeit der Politiker. „Sie könnten doch ihren Terminplan online stellen“ sagt Beckedahl,. Dann, so geht das Argument weiter, könnten die Leute nachvollziehen, was der Politiker de facto macht: Ob er Wähler besucht oder sich mit Firmenchefs trifft; diese Art der Transparenz schaffe Vertrauen. Lauterbach nickt, eine Antwort bleibt er schuldig.
Die kollektive Überzeugungsarbeit ging nicht auf, Karl Lauterbach hat an seiner Mauer erfolgreich festgehalten. Anscheinend gibt es für ihn keine Wähler im Netz - zumindest nicht genug an der Zahl. Ob Matt Wells vom Guardian Recht behielt, als er sagte, dass die alten Wähler irgendwann wegsterben und die vormals junge Wählerschaft viel eher im Netz anzutreffen sein werde, das zeigt sich auch erst in 30 Jahren. Bis dahin wird Karl Lauterbach einfach ein bisschen weiternicken und rhetorische Fragen stellen.
Hakan Tanriverdi
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen