Du weißt ja im Prinzip schon bescheid, wenn selbst der Außenminister Guantanamo-Häftlinge aufnehmen will, macht es nix, wenn schon ein paar da sind, wie in #4 erzählt. Dann weißt Du auch, die haben hier keinen schlechten Start hingelegt, ansonsten völlig unterschiedlicher Charakter bei den drei Jungs und das wird später bedeutsam, also wäre es jetzt gut, ihre Namen zu erfahren: Horst Meier, Horst Schmidt und Horst Müller, ungewöhnlich für Typen marokkanischer Herkunft, gewöhnlich bei einer neuen Identität und die war mit drin im beschriebenen Deal. Hat die deutsche Seite drauf bestanden, weil von den Amis aus klar war, die CIA-Folterer gehen straffrei aus, werden woanders gebraucht, Fachkräftemangel. Auf diese Art wird die ganze Geschichte mit den alten Namen gelöscht, die Neuen und die Gründe kennt nur ein Abteilungsleiter.
Die Psychologie der drei Verschleppten meint, erstmal Abstand zur Vergangenheit würde gut tun, die Psychologen der Folterer meinen, es gebe ein starkes Bedürfnis nach Unbefangenheit, und die Psychologen des deutschen Volkes meinen, schon der Bremer Rückkehrer hat ihnen gereicht. Neue Identität, neuer Arbeitsplatz, Du hältst mich bestimmt für einen Zyniker, aber bei Horst Müller kommt es hin, und auch was die anderen so machen, mein lieber Scholli, da hat der Graue was zu kritzeln.
Trotzdem Moment noch, wieso eigentlich Afrika, die sind doch hier in Deutschland, ja mein Lieber, aber guck Dich mal an, wie so oft beim Thema Aufklärung, wir betrachten unsere Zivilisation aus dem Blickwinkel der Fremden. Dein Papa hat Sex in Thailand, Du hast Sex in Cuba, und Deine Mama geht zum Urlaub nach Tunesien und kommt als Elke zurück, im Jenseitigen die Wahrheit des Seins, und ob bei Dir Freiheit oder Notwendigkeit dahinter steckt oder bei den Horstis, dazu gibt es bald wieder ne Menge Seminare und mein Tipp, nach Hegel wird alles geschreddert, letztlich hängt das auch mit den Flugpreisen zusammen.
Und damit zu Horst Müller. Die ganzen Erzählungen, er hat sie für die nötige Propaganda gegen den Westen gehalten, aber Anita Berkow lebt tatsächlich allein mit einem Sohn, scheint eine Verstoßene zu sein, und nicht die Familie sondern Profis kümmern sich um die Folgen, das ist jetzt sein neuer Job. Er möchte lieber nicht wissen, was sie genau verbrochen hat. Dreimal nachts angerufen hat er schon, jetzt nimmt Horst Müller das blaue Sakko, den Maulkorb für den Hund und spricht die Frau im Supermarkt an, er könne das alles für sie regeln, klar heult die und läuft los mit dem Kinderwagen, Kerl ist die langsam, er marschiert anders herum um den Block und trifft sie an ihrer Haustür, sie könne gern drinnen unterschreiben, die Nachbarn müssen doch nicht alles wissen, da schreit sie. Die Töle schlägt an, jetzt nicht die Beherrschung verlieren, das bedeutet eine Woche länger, wieso mach ich solche Fehler? Ich gehe für heute. Aber sie wird, drei Mieten Rückstand und keine Freunde mehr, auf ihn zukommen, wenn sie ihn noch zweimal sieht. Nur ein kurzer Moment der Erleichterung, wenigstens einmal der Kühlschrank voll, wenn sowieso kein Ausweg, wie oft hat er selbst diesen Lebenswillen im kalten Lächeln der Sieger gespiegelt gefunden, danach den Selbsthass gefühlt, denn näher waren sie dran. Aber die neuen Herren werde ich auf Abstand halten, zwei Titel hab ich die Woche sicher. Mann riechen meine Füße.
Woher man hier das Geld holen muss, undenkbar wo ich herkomme, radiert er wieder aus. Ich will nicht zurück, schreibt Horst Müller in sein Tagebuch.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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