merdeister

135 rote Waldameisen

01.12.2011 | 14:20

Wildwestmedizin - Neues aus der Burzynski-Saga

Was bisher geschah:

Ein Blogger schreibt über die tragische Geschichte eines kleinen Mädchens und die Spendenaktion, mit der Geld für die umstrittene Therapie eines umstrittenen Mediziners gesammelt werden soll. Dieser Blogger und seine Familie werden von einem Anwalt, der, wie jetzt klar ist, im Auftrag Burzyinskis handelte, bedroht. Der Anwalt, soviel wird schnell klar, ist nicht neu auf dem Feld der Einschüchterung von Kritikern.

Die Burzynskiklinik hat nun eine Pressemeldung herausgegeben, in der sie klar stellt, der Anwalt Marc Stephen habe tatsächlich in ihrem Auftrag gehandelt, werde das in Zukunft jedoch nicht mehr tun, weil man sich von ihm trennt. Zeitweise war spekuliert worden, auch wegen des unprofessionellen auftretens, Stephens könnte in eigener Regie, als Mitglied einer Burzynski-Unterstützergruppe gehandelt haben. Hat er nicht. Die Klinik entschuldigt sich für das Verhalten Stephens', der unter anderem ein Googlemapsfoto des Wohnortes eines 17 Jährigen Bloggers an diesen schickte, weil der die Antineoplaston Therapie kritisiert hatte.

Die Klinik gibt jedoch an, weiter gegen Blogger vorgehen zu wollen, die, ihrer Meinung nach, falsche Behauptungen aufstellen. Zu diesem Zweck beauftragte sie eine Anwaltskanzlei , die sich darauf spezialisiert hat, Blogger zum schweigen zu bringen. Dabei ist sie zwar im Ton gemäßigter, folgt jedoch im Stil Herr Stephens.

So, when you get a communication from us, understand the consequences. These lawsuits will show up on the front page of Google results under your name. SEO is not the sole province of bloggers, by the way. (...) your reputation is being ruined forever. Your reputation as an employee, your reputation as a college applicant, your reputation as a job applicant, your reputation as a private person, your reputation as a husband, and your reputation as a father or mother.

Wenn Sie von uns kontaktiert werden, bedenken Sie die Konsequenzen. Diese Klage wird ganze vorne in den Googleergebnissen zu Ihrem Namen auftauchen. Nur am Rande, Suchmaschinenoptimierung ist nicht allein eine Domäne von Bloggern. (...) Ihr Ruf wird für immer ruininiert sein. Ihr Ruf als Arbeitnehmer, Ihr Ruf als Collegebewerber, Ihr Ruf als Bewerber, Ihr Ruf als Privatperson, Ihr Ruf als Ehemann und Ihr Ruf als Vater oder Mutter. (Übersetzung: merde)

In der Pressemeldung wird außerdem auf einige Behauptungen eingegangen, die von Bloggern gemacht worden sein sollen oder wurden. Bei den meisten Dingen handelt es sich um Kleinigkeiten. Antineoplaston werde nicht aus Urin gewonnen (darin wurde es ursprünglich entdeckt), Burzynskis habe einen PhD (was niemand bestritt, die Legitimität dessen wurde hinterfragt) und natürlich sei seit 2006 zu Antineoplaston veröffentlicht worden und somit sei es eine Lüge gegenteiliges zu behaupten. Ein Liste mit Veröffentlichungen folgt in der Meldung.

Diese Liste hat sich eine Bloggerin genauer angeschaut. Bereits auf den ersten Blick fällt die schlechte Qualität der Zeitschriften auf, in denen veröffentlicht wurde. Es ist nur eine dabei, in der die Veröffentlichungen vorher von anderen Wissenschaftlern geprüft werden (Peer-review), eine Zeitschrift für Alternativmedizin. Bei den meisten Veröffentlichungen handelt es sich um Zusammenfassungen von Vorträgen bei Konferenzen. Auch bei näherer Betrachtung bleibt nicht viel übrig. Man könnte es Leberwurstforschung nennen: Die Reste zusammenfegen, würzen, und ein hübsches Etikett auf den Darm kleben, der alles zusammenhält.

Patienten kommen zu Burzynski, weil sie keine Chemotherapie und keine Bestrahlung auf sich nehmen wollen, oder weil man ihnen gesagt, hat, diese Therapien könnten ihnen nicht mehr helfen. In der Medizin heißt das, nichts kann mehr helfen. Burzynski gibt an, eine alternative zur Chemotherapie bieten zu können, eine Therapie die weniger belastend ist, er bewirbt Antineoplaston explizit mit "nicht giftig". Burzynski bekommt viel Unterstützung von Alternativmedizinern und wird als eine Art Rebell gefeiert, ein Rebell gegen die Schulmedizin.

Jetzt kommt der Teil mit dem wilden Westen und bei allen Advokaten alternativer Medizin wird sich der Puls nach diesem Teil wohl beruhigt haben. Im April nächsten Jahres muss sich dieser Rebell gegen die Schulmedizin vor Vertretern eben dieser Verantworten, vor dem Texas Medical Board. Die Sache ist ernst, es gibt eine Kampagne, die Rick Perry (Gouverneur von Texas) einschalten wollen. Lustigerweise wird die Kampagne von der Organisation "Alliance for Natural Health" geführt. Lustig ist das, wenn man sich die Vorwürfe anschaut, die gegen Burzynski vorgebracht werden.

Burzynski soll einer Patientin mit Brustkrebs, der bereits in diverse Organe gestreut hatte, 5 Immuntherapeutika gegeben haben, die auch in der klassischen Onkologie verwendet werden. Eines davon wird in der Leber zu dem Wirkstoff, der in Antineoplaston wirken soll umgebaut. Keines der Medikamente war für die Behandlung von Brustkrebs zugelassen, einige davon erfüllten auch nicht die Vorraussetzungen für einen off-Label-use*.

Zusätzlich soll er ihr ein Chemotherapeutikum** verabreicht haben und sie so dem Risiko unbekannter, ungeahnter Nebenwirkungen ausgesetzt haben. Gleichzeitig soll er ihr seine Teilhabe an der Apotheke, die ihr all das verkaufen würde, verschwiegen haben.

Bei einer zweiten Patientin, die an einer seltenen Form von Krebs im Bereich der Nasenhöhle litt (es gibt knapp 900 dokumentierte Fälle), soll er, nachdem die Therapie mit Phenylbutyrat (Leber-->Antineoplaston) keinen Erfolg zeigte, die Patientin nicht darüber aufgeklärt haben, dass es keine Zulassung und keine Daten zur Wirksamkeit des Medikaments bei ihrem Krebs gibt.

Außerdem soll es Unregelmäßigkeiten in den Abrechungen geben. Ausführlicher findet sich das alles im Blog Ministry of Truth, inklusive Link zur Original Anklageschrift (?).

Auf der Website der Frau eines Betroffenen über die Behandlung in Burzynskis Klinik kann man folgendes lesen:

Along with the long list of other meds (...) the Burzynski Clinic gave my husband standard chemotherapy medications. We were never told that two of the medications were conventional chemo medications.

Neben der langen Liste andere Medis, gab die Klinik meinem Mann Standardchemotherapie. Uns wurde nie erzählt, dass wir konventionelle Chemotherapie bekämen.

His only option now is conventional chemo treatment, which is what we were trying so hard to avoid in the first place!

Jetzt bleibt nur noch konventionelle Chemotherapie, die wir von Anfang an unbedingt verhindern wollten.

Als sie die Therapie beenden wollten, schickte man sie nicht zu einem Arzt oder einer Krankenschwester sondern zu jemandem aus der Verwaltung, der mit Versicherungsfragen beschäftig war. Und Burzynski? Arzt und Heiler?

Burzynski, never saw him again

* (Natrium)Phenylbutyrat, Erlotinib, Dasatinib, Vorinostat, und Sorafenib

** Capecitabin

 
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Kommentare
ed2murrow schrieb am 01.12.2011 um 20:52
Das Zitat aus der online-Präsenz jenes Anwalts wird nur verständlich, wenn man berücksichtigt, dass in Deutschland bis vor einiger Zeit für diesen Beruf ein praktisch generelles Werbeverbot bestand und auch heute noch die Kammern darauf achten, dass etwaige Werbung im Rahmen bleibt. So was kennen die Kollegen in den U.S.A nicht, so dass aus der Hüfte geschossen wird wie weiland John Wayne. Allerdings greift dann etwas anderes, nämlich das Bewusstsein, dass wirklich gute Spezialisten solche Selbstdarstellungen nicht benötigen. So wie sich der eine oder andere Blog darüber mockiert, entspricht es durchaus einer Grundstimmung.

Burzynski wird, und das wird aus Deiner zutreffenden Zusammenfassung ersichtlich, vom Streisand-Effekt getrieben und offenbart immer mehr, wie höchst unprofessionell sein ganzes Auftreten ist. Das bedeutet zwar nicht von vorne herein, an seiner Qualifikation zu zweifeln, aber regt an, noch ein wenig tiefer zu bohren.
merdeister schrieb am 02.12.2011 um 13:27
Könnten sich Verklagte Blogger zu einer Art "Angeklagtengemeinschaft" zusammenschließen, wenn sie für ähnliche Dinge verklagt werde?
ed2murrow schrieb am 02.12.2011 um 14:08
Nicht dass ich wüßte. Aber niemand ist daran gehindert, Blogger, die etwas ausgegraben haben, als Zeugen oder sonst informierte Personen anzuführen, wenn deren Recherchen stichhaltig sind.
luggi schrieb am 01.12.2011 um 21:24
Tja, dann hast du noch viele Entwicklungsmöglichkeiten ... zum Semmelweis der Krebspatienten zu werden. Nur, ihr Allopathen bekommt nicht einmal einen grippalen Infekt ohne Unterstützung von Mutter Natur in den Griff.
Die Natur ist grausam und pfeift auf allopathisches Wissen. "Heilerfolge" sind einfach nur Zeitverzögerungen.
goedzak schrieb am 01.12.2011 um 22:17
Das ist kein Western, das ist ein Gruselfilm.
ed2murrow schrieb am 02.12.2011 um 10:34
Die Trennlinie ist unscharf und nennt sich special effects ;)
merdeister schrieb am 02.12.2011 um 13:26
Cowboys vs. Aliens käme mir in den Sinn...
ed2murrow schrieb am 02.12.2011 um 13:37
Peckinpah und Friedkin unterschieden sich doch auch nur in den Farben, im Exorzisten kam halt ein bißchen mehr grün zum Vorschein. Das hat sich bei Leone und Argento eingeebnet: Beide bervorzugten blutrot.
Technixer schrieb am 02.12.2011 um 11:03
Bleib am Ball Merde! Ich hoffe den Typen kriegen sie irgendwann wegen Mordes dran (siehe der Film Contagion) und er kommt auf den Brutzler.

Luggi, es ist bemerksenwert wie stark Homöopathieanhänger bzw. Anhänger der "alternativen" Medizin das Feld der Naturheilkunde für sich deklarieren, obwohl das Eine mit dem Anderen übehaupt nichts zu tun hat. Das Eine ist Humbug, Irrefühung und Abzocke, das Andere bietet echte Wirkstoffe mit realen naturwissenschaftlichen Grundlagen.
Ach und noch etwas selbst das Feld der natürlichen Selbstheilungskräfte deklariert jemand der diese Scharlatanerie ausübt für sich und auch da die gleiche Antwort, reale naturwissenschaftliche Grundlagen liegen den Möglichkeiten eines vielzelligen Organismus zu Grunde. Aber das hat Merde ja nun schon zigmal versucht zu erklären....
merdeister schrieb am 02.12.2011 um 13:25
Zwar spiele ich den Ball nicht immer, bin aber dicht dran, insofern: Mach ich.

Mit "Brutzler" meinst Du sicher eine Sonnenliege, die der Herr in seinem hoffentlich baldigen Ruhestand benutzen kann, oder, wenn es schlecht für ihn läuft die Anstaltseigene Sonnenbank. Den "Mord" schiebe ich auf die, nachvollziehbaren Emotionen, die diese Geschichte auslöst.

Selbst wenn der Herr nicht immer die Besten Absichten hat, so liegt mir persönlich fern, ihm, oder jemandem anders die schlechtesten zu unterstellen. Ich glaube, dass er glaubt, tatsächlich eine Heilung für Krebs gefunden zu haben und als geschäftstüchtiger Kapitalist, lässt er sich diese, aus seiner Sicht, Innovation hervorragend bezahlen.
Hinzu kommt wahrscheinlich noch eine Wagenburgmentalität, die dafür sorgt, dass er alle, die nicht für ihn sind, als Gegner ansieht. Und dazu gehören auch Patienten, die beginnen seine Behandlung zu hinterfragen, diese undankbaren Gesellen.
Dann hat er sich wohl noch mit ein paar Leuten umgeben, denen es noch mehr um Kohle geht als ihm und in Kombination mit einer wirkungslosen Therapie ist das eine tötliche Mischung.

Wobei die meisten Menschen, die sich an ihn wenden wohl nicht wegen, sondern trotz seiner Behandlung versterben. Tragisch ist, dass viele Menschen ihre letzten Tage/Wochen/Monate in der Hoffnung auf Heilung in einem Krankenhaus verbringen, Nebenwirkungen auf sich nehmen und eine Menge Geld bezahlen, anstatt... Die drei Punkte mit Inhalt zu füllen überlasse ich jedem selbst.

In dem Zusammenhand berichtet der Blogger RJB über den Anruf einer Freundin, deren Sohn an Krebs erkrankt war und die von Bruzynski "Therapie" gehört hatte. Sie rief ihn an und fragte um Rat.

One day, near the end, I got a call. It was my friend, and she wanted to bounce an idea off of me. She had heard about a doctor somewhere in the south who had an experimental treatment. The main ingredient? An extract of urine. I listened to her, and then I crushed her. If this guy had a cure for cancer, then he’d have multiple Nobel Prizes right now. Of course, I did not mean or even want to extinguish that last bit of hope, but the doctor forced me to. I don’t know who this doctor was, but I have never forgiven him for putting me in that position, for preying on my friend’s misery, or for trying to take away the last days she had with her son.

Keir Liddle macht den Vorschlag eine Organisation zu gründen, die Opfer von Scharlatanen unterstützt.

Und nun noch etwas ganz anderen, vielleicht habe ich das schonmal geschrieben, doch von ich Selbstheilungskräfte hören, muss ich immer an p53 denken :-)
Technixer schrieb am 02.12.2011 um 13:56
Merde, so emotional wie mein erster Satz sich liest war er gar nicht gemeint. In dem Film Contagion, wird seitens der US Regierung überlegt, einen Blogger anzuklagen, der behauptet hat das eine Pflanzensafttinktur ein Heilmittel gegen die Viruserkrankung sei und damit die Bevölkerung in die Irre geführt hat. Die daraus resultierenden Toten (anstatt sinnvolle Schutzmaßnahmen umzusetzen, sind die Leute in die Geschäfte gerannt um an die Tinktur zu gelangen --> noch mehr Ansteckungen) sollten ihm als Mord angekreidet werden. Dies führe ich auch auf B. an, da er sich weigert kritischen Erkenntnisgewinn auf seine Methode anzuwenden, muss man ihm zumindest Totschlag unterstellen. Aber da kommen wir zur Ethikdebatte um sogenannte Verantwortlichkeit bei Arztfehlern, Güterabwägung usw.

"Selbstheilungskräfte" suggeriert Mystik und ich versteh deinen ironischen Unterton ;-) Er wurde von mir allerdings im Rahmen benutzt, soll heißen, Krankheitsverläufe verkürzen sich deutlich wenn Patienten fröhlich sein können, lachen (-> Hormonsystem) etc. Vielzellige Systeme haben innerhalb ihrer schwankungsbreite Möglichkeiten auf Erkrankungen und Umwelteinflüsse zu reagieren, bisher kann der Mensch dies nicht geziehlt/bewusst beeinflussen.

Nun gut man kann zeigen das budhistische Strömungen in der Lage sind mittels Meditation die Durchblutung von Gliedmaßen zu verändern, aber sonst sind mir keine weiteren Beispiele dafür bekannt. Ich bin aber der festen Überzeugung, dass dies bei besserem Körper-Geist Verständnis möglich ist. Verstehst du was ich meine?
merdeister schrieb am 02.12.2011 um 20:05
Ob ich verstehe was Du meinst, weiß ich nicht :-)
Ich glaube schon. Du meinst, man stellt eine These auf, überprüft diese und hat sie dann widerlegt oder bestätigt. Bei einigen geht es schnell, bei anderen braucht es Jahrzehnte und einge kennen wir noch gar nicht. Und wenn jemand für einzelne Gliedmaßen die durchblutung verändern kann, wird man das zum einen Messen können und zum anderen ein zelluläres Korrelat dafür finden können.

Besser kriege ich das gerade nicht formuliert.
Technixer schrieb am 03.12.2011 um 14:10
Nein gar nicht so übergeordnet merde :-)
Beispiel: wir wissen das frische luft, sonnenstrahlung und viel lachen das immunsystem stärkt. dies ist ein beispiel um die eigenen "selbstheilungskräfte" zu stärken.

gehen wir nun auf die zelluläre ebene. intrazellulär gibt es proteine die durch extrazelluläre substanzen (bspw. hormone, calcium, uvm.) gesteuert werden können. auch genregulation erfolgt über intra- und extrazelluläre signalgebung. man weiß das bestimmte proteine nur in hohen konzentrationen schädlich sind, aber ansonsten für den körper essentiell. --> die steuerung der protein konz. ist eine form von "selbstheilung"
stress (temperatur, chemikalien) kann zur fehlfaltung von proteinen führen,welche über chaperone repariert werden können (Hsp90 ist so eins) --> das sind für mich natürliche "selbstheilungskräfte"

hierauf haben wir bewusst keinerlei einfluss und sind im erkenntnisgewinn auch nichtmal ansatzweise im anwendungsbereich.

die regulation des blutflusses wurde mittels wärmebildkamera bei shaolin-mönchen untersucht, welche die durchblutung an den stellen erhöht haben, wo sie sich später irgendwelche eisenstangen zerkloppt haben...
merdeister
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