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Franz Walter hat sich wieder zu Wort gemeldet. Diesmal geht es um die Veröffentlichung einer Studie über das Umweltverhalten von Milieus nach sociovision. Sie untergliedern die Gesellschaft in nachweisbaren ökonomischen settings und zugeschriebenen moralischen Attributen.
Walter schreibt in einem Spiegelartikel über verschiedene Milieus und ihr Umweltverhalten. Das macht er sehr ungenau, sodass meiner Meinung nach eine kritische Auseinandersetzung geboten ist.
Walter beginnt mit dem Aufreisser, das Bürgertum würde sich schämen vor NachbarInnen und FreundInnen Bioprodukte zu kaufen. In welcher Studie diese Situation befragt wurde, beantwortet er nicht. Was bleibt ist ein nicht widerlegbarer Einzelfall. Das „Bürgertum“ schämt sich also davor, dass sie einem Betrug aufsetzen könnten und in eine Ecke gedrängt zu werden, zu der sie nicht gehören wollen. Die Frage, weshalb gerade in „besseren“ Vierteln die Biomarktquote signifikant ansteigt beantwortet Walter nicht. Woher auch, es gibt die Daten ja nicht.
So kommt Walter zu der „Neuen Unterschicht“. Diese ist bisher nicht in den Veröffentlichungen erwähnt worden. Es widerstrebt auch ein wenig dem Konzept der Sinus-Studien, NICHT primär nach dem ökonomischen Status zu analysieren. Vielmehr sollen die milieu-spezifischen Werte im Vordergrund stehen. Dass er dieses bei der „Neuen Unterschicht“ beflissen ignoriert ist wohl eher eine Popularisierung für SpOn. Walter beschreibt nun die Einstellungen dieser Gruppe zu Bioprodukten und ferner noch den Lebensstil. Bioprodukte sind Symbole einer Konsumwelt, die den Prekarisierten ökonomisch verschlossen ist. Das ist ein klassisches Henne-Ei Paradoxon. Beim Lebensstil ist Walter vielleicht auf die einzig verwertbare Erkenntnis getroffen. Die Konsum-Materialisten werden sich nicht auf eine Verzichtsdebatte einlassen. Zusätzlich zum Zwangsverzicht durch unzureichende Gelder ist ein freiwilliger Verzicht kaum denkbar. Diese Gruppe muss überzeugt werden, allerdings wird es erst gelingen wenn ihre prekäre soziale Lage verbessert wurde.
Das grüne Kernmilieu bewertet Walter mit einem anderen Maßstab als andere Gruppen. Hier steht weder das Konsumverhalten, noch der Lebensstil im Vordergrund. Diese Gruppe muss sich aktiv für die Umwelt einsetzen und wenn möglich andere Überzeugen das gleiche zu tun. So kann das vorhandene Bewusstsein auch schön kleingeredet werden.
Die ökonomische Elite (wieder eine Gruppe, die nicht in der Sinus-Studie zu finden ist) belächelt die aktiven „Ökos“ von heute. Wenn jedoch die Zeit reif ist, sind die geneigt auf den Zug zu springen und Profit zu erwirtschaften. Ansonsten mögen sie Exklusivität von Öko-Produkten als Statussymbol. Aha, als doch nichts mit Avantgarde.
Die wahren Ökos macht er woanders aus. Und zwar bei den selbstgenügsamen, mit den klassischen Erwerbsbiografien, die Stammklientel der Volksparteien. Dieses Milieu der Traditionellen achtet quasi von Haus aus (am besten ihr eigenes) auf eine Sparsamkeit. Nun gut, das macht sich nur in dem Lebensstil bemerkbar und nur wenn es darum geht beim Zähneputzen das Wasser nicht laufen zu lassen. Ökostrom werden sie deshalb nicht beziehen. Oder aufwendige Bioprodukte kaufen, die nicht aus dem eigenen Garten kommen. Aber dafür mähen sie jeden Samstag den Rasen, waschen auch jeden Samstag ihr Auto mit dem Gartenschlauch, als letzte kleine Freiheit die ihnen bleibt.
Was beim letzten Milieu durchklang ist die Willkürlichkeit, mit der Walter die Gruppen konstruiert und versucht zu analysieren. Da die Gruppen von ihm definiert sind, ist auch eine kritische Analyse dieser Gruppen nicht möglich. Sie werden bei Bedarf einfach den empirischen Befunden angepasst und in ihrer Definition erweitert. Wenn Kritik überhaupt zugelassen wird, da sowieso etwas ganz anderes gemeint sein soll. Weshalb Walter diesen Ausflug in die Gossensoziologie unternimmt ist unklar. Vielleicht trauert er jetzt schon der StammwählerInnenschaft der Volksparteien hinterher und versucht ihnen ein ökologisches Denkmal zu setzen. Allerdings mit mehr als fragwürdigen Mitteln.
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Tja, was soll man dazu sagen? Ein typischer Walter eben. Er stützt sich auf Vorurteile und konstruiert sich politisch-ökonomisch homogene Bevölkerungsschichten zusammen: Sein Lieblingswort lautet "Postmaterialisten", wenn er auf die Wählerschaft der Grünen zu sprechen kommt. Aber keine Angst, an den großen Parteien und deren Wählern arbeitet er sich hin und wieder (vorzugsweise auf SPON) auf genauso unwissenschaftliche Weise ab. Aber alles oberhalb dieses Niveaus würde sich halt nicht verkaufen, schon garnicht beim Spiegel.
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Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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