20.02.2011 | 11:21

Hessel: Das Pfeifen im Walde

Es ist noch nicht all zu lange her, da las ich das rassistische Machwerk des Sarrazin. In mühsamer Kleinleserei quälte ich mich durch die Fußnoten der einzelnen Seiten und vergaß dabei ganz, das Hauptwerk zu lesen. Genosse Augstein war da aufmerksamer so brachte er mich doch noch zur Erleuchtung.

Doch nicht nur das, Genosse Augstein hatte auch gleich noch einen Tipp für mich: Hessel lesen!

Hessel, so meinte er, sei der Gegen-Sarrazin. 900.000 Franzosen können nicht irren und viel wichtiger, wenn man da etwas statistisch rumrechnet und so, dann verkaufte der sich ebenso gut wie der Sarrazin.

„Ein Buch der Hoffnung, ein Buch des Aufbruchs, des Optimismus.“

Genosse Hessel sieht das anders. Es ist mehr ein Testament. Das Letzte, was ein 93 Jahre alter Mann der Welt mit auf den Weg geben will. In seinem Falle: Kann.

Das Buch beginnt auf Seite 7. Die Fußnoten enden auf Seite 25.

Hessel macht auch keinen Hehl daraus, dass er ein Kommunist ist. Keiner dieser Modernen, Demokratischen. Nein, Hessel ist von der alten Schule. Das, was ist, ist böse. Wer das nicht sieht, der muss es suchen und sich dann umgehend empören. Es ist auch viel Empörenswertes da. Man sieht es nur nicht, weil die Medien alle manipuliert sind.

Genosse Hessel war beispielsweise in Gaza. Diese armen Menschen da. Aber, so sagt er, es war beeindruckend, wie quietschvergnügt die noch am Strand baden, trotz dieser ganzen bösen Israelis um sie herum.

Und die Hamas, die tut das alles nur wegen der Hoffnungslosigkeit und es ist ja klar, dass Hoffnungslosigkeit keine Hoffnung sprießen lässt. Die Lösung ist also Hoffnung auf Gewaltlosigkeit und schon ist Frieden. Ja, so einfach ist das!

Und wem das noch nicht genug ist, dem sei gesagt, dass die Franzosen, ich betone ausdrücklich, allein die Franzosen, dafür verantwortlich sind, dass die Menschenrechte in der heutigen Form existieren. Den anderen, diesen Siegermächten, war das nämlich alles egal. Na zum Glück gab es den alten Sack!

Hessel lesen, ist wie „Was will der eigentlich von mir?“ denken.

Immer wieder unterbrochen von urzynischen Gedankengängen wie: „Dass Juden Kriegsverbrechen begehen können, ist unerträglich."

In diesem Wust aus Dingen, die er unbedingt empörenswert finden will, geht nur der Grund verloren. Es ist nicht falsch, dass in einer Demokratie dann schlussendlich die Empörung über Dinge, diese ändert. Nur darum geht es in diesem Büchlein nicht. Es ist wild in die Luft ballerndes Wutbürgertum.

Was bleibt?

Hessel verlangt 22 Cent je Seite. Sarrazin nur vier.

 

Zuerst erschienen auf www.goowell.de

 

 

 
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Kommentare
ebertus schrieb am 20.02.2011 um 12:33
Das kann man, darf man so sehen. Oder eben anders!

Aktuell nun für mich, des Französischen nicht mächtig, ist dieses "Empört Euch!" und zumindest in Gestalt des ".pdf" mit dem 2007 erschienenen "Der kommende Aufstand" und - mehr noch - mit Bourdieus "Gegenfeuer" aus Anfang 2000, als realweltliche, soziologisch-praktische Bestandsaufnahme westlich-abendländischer Gesellschaften zu vergleichen.

Sowohl "Der kommende Aufstand" als auch "Gegenfeuer" waren hier in den Freitag-Blogs bereits Gegenstand umfangreicher Erörterungen und Analysen. Die Sicht von Stéphane Hessel fokussiert nun auf den gleichen Diskurs, den angeblich alternativlosen, den neoliberalen Weg in eine neue Feudalgesellschaft; lediglich die Perspektive Hessels ist - sicher nicht zuletzt der eigenen Historie geschuldet - oft eine eher philosophische. Sowohl der frühe als auch der späte Sartre sind dort, in der Sicht auf die Gesellschaft nicht zu übersehen.

Zum Download, zum Kaufen sobald verfügbar, zum Lesen daher mehr als empfohlen; ggf. für 0,00 Cent.

pdfcast.org/pdf/emp-rt-euch
mh schrieb am 20.02.2011 um 12:45
satre ist nun wahrlich nicht zu übersehen. spätestens beim direkten zitat.

mfg
mh
Ehemaliger Nutzer schrieb am 20.02.2011 um 13:52
Also abgesehen von dem nun schon länger andauernden popeligen NegNeg, was Du hier mit dem Augstein veranstaltest möchte ich Dir eine andere Möglichkeit empfehlen die Bedeutung dieses Buches zu verstehen: ist es mit anderen literarischen Phänomen hier in Frankreich wie z.B. "Der kommende Aufstand" von der thecominginsurrection.net zu vergleichen dot net.

Das Buch wurde ins Englische übersetzt, wie auch Hessels Buch. Das Buch ist nicht für frustrierte teutsche Mittelstandshennen und -Gockel. Es ist für "Gast-Arbeiter" in Deutschland, für Roma in Europa und andere in Deutschland lebende Menschen die zur Kenntnis nehmen das diese Bücher geschrieben wurden damit sie ihre Rechte und Regressansprüche verstehen.

Und darum wird es eben in Deutschland auch gar nicht erst übersetzt. Da wird über so eine Totgeburt wie bedinungsloses Grundeinkommen geschwaffelt, etwas das nie und nimmer von der Mehrheit der deutschen Gesellschaft getragen wird und nur dazu dient die realistischere Lösung zu mehr Gerechtigkeit sofort durch zu setzen, nämlich ein faires Mindesteinkommen ohne durch Ausnahmebestimmung verwässert zu werden.

Autor Stephane Hessel ist in Frankreich so eine Justin Bieber Persönlichkeit am anderen Ende der Alters-Skala. Er ist 94 und will das wir wütend auf die Straße gehen, - friedlich! Er denkt es gibt Hoffnung für Reform.

Hessel half mit die UN-Deklaration der universellen Menschenrechte zu schreiben die 1948 erlassen wurden. Das Wort "Universal" ist der Schlüssel, das heißt, die Rechte sind durch Geburt gegeben und nicht Sache eines Staates zu gewähren oder verweigern. Hessels Erfahrungen im französischen Widerstand gegen die Verbrechen der deutschen NAZIs spielen dabei eine nicht unwichtige Rolle.
mh schrieb am 20.02.2011 um 14:02
augstein zu bashen bietet sich bei diesem buch doch regelrecht an. er trug es rein, er trug es ins fernsehen, er verglich es mit sarrazin. wenn man das nicht mit bedenken würde wäre man ja bescheuert. und nicht zuletzt: das muss man sagen! allein schon damit du dich drüber echauffieren kannst.

das ändert nur nichts am ergebnis: das buch ist inhaltlicher schrott.

empört euch der empörung willen und wenn ihr nichts zum empören findet, dann liegt das an eurer verblendung durch die massenmedien.
und leute die mit raketen um sich ballern sind natürlich vollkommen unschuldig. diese armen kerlchen... na zum glück können se noch am strand zufrieden baden.

ansonsten brauchst du nun nicht widerzukaufen was hessel zu seiner legendenbildung selbst schon im buch schreibt.

dieses kritiklose übernehmen und widerkäuen, ganz kuh ganz muh, ist allerdings durchaus empörenswert.

mfg
mh
Ehemaliger Nutzer schrieb am 20.02.2011 um 14:22
Hab doch nicht behauptet das Hessel's Buch eine Offenbarung ist. Es ist ein französischen Heftchen. Und hat so viel Auflage wie der Schrott von diesem Versager. Wie weit die mit ihrer Selbstgerechtigkeit kommen siehst Du gerade an dem Afghanistan-Jet-Setter.
Es ging dem Augstein wohl um den Vergleich WAS in Teutschland an Schund vermarktet und auch noch gekauft wird, und was in Frankreich. Also das sehe ich in der Tat einen ganz empörenden Unterschied! Aber es wirft auch ein gutes Licht auf das politische Klima in Deutschland.
mh schrieb am 20.02.2011 um 14:32
ich hab mir extra nochmal angehört, was augstein dazu sagte und es zitiert

„Ein Buch der Hoffnung, ein Buch des Aufbruchs, des Optimismus.“

genau das ist das buch aber nicht. es unterstellt, die mehrheiten wären von den massenmedien manipuliert. das ist nicht positiv.

das buch sagt, wir sollen uns empören, meint aber den dauerprotest. natürlich, friedlich. es predit ständigen kampf, gegen die da oben. gegen das system. mit allen mitteln, nur eben ohne gewalt.

das ist nicht optimistisch, nicht positiv. das ist noch viel schlimmer, nämlich der schwache versuch damit die eigene aussage zu bestätigen, in dem man durch diese predigt die gewaltfreie hoffnung auf veränderung erreicht.

das ist zynisch.

mfg
mh
mh schrieb am 20.02.2011 um 14:38
im vergleich dazu, ist sarrazin auf einer ganz anderen baustelle tätig.

ich wüsste noch nichtmal, wie ich die bücher überhaupt vergleichen könnte. da müsste ich sarrazin erstmal einen subtext unterstellen, den ich nicht beweisen kann und der höchstens aus meiner eigenen meinung über ihn entspringt.

das ist eine bewertungsfrage. ähnlich der überlegung, inwieweit es besser denn überhaupt besser ist, dass die franzosen wegen jedem scheiss demonstrieren.

das hat ja auch ne gewisse abnutzungserscheinung und degradiert die demo zum volksfest. siesta auf französisch oder so.

wie man sieht, auch nicht wirklich erfolgreich, da ja ohnehin zu erwarten und in diesem kontext gewaltfördernd um die aufmerksamkeit überhaupt noch ins wahrnehmbare zu rücken.

also so von wegen hoffnung auf gewaltlosigkeit.^^

mfg
mh
Ehemaliger Nutzer schrieb am 20.02.2011 um 15:05
MH! Mensch, natürlich ist das nicht positiv wenn Massenmedien manipulieren, - aber jeder weiss das, also ist das auch nix neues sondern eher so eine Art sub-kulturelles Mainstream. Das haben wir wir ja in Form von all den neuen Leaks Seiten usw. schon im Cyberspace.

Klar, das hat etwas zynisches wenn es nur dabei bleibt. Nur, da sind im Moment nur die Scheichs, Ajatollahs, Mullahs, Könige und andere Despoten wie Gadaffi, zum Abschuss freigegeben und nicht diese urigen Gestalten, die in unseren Regierungspalästen ihre Ärsche für unvorstellbare "Diäten" platt hocken und sich zunehmend in Erkenntnis ihrer eigenen Unfähigkeit etwas zu verändern hinter blonden Lackschuhpolitessen und sonstiger "Sicherheits"-Mafia verschanzen.

Nicht optimistisch bin ich mit dem "Souverän" dieser angie-wählenden "breiten" Masse. Und so cool der Augstein bei der Will war, was hättest Du denn gemacht wenn da nur gegackert wird?
claudia schrieb am 20.02.2011 um 15:07
>>...es unterstellt, die mehrheiten wären von den massenmedien manipuliert. das ist nicht positiv.<<
Könnte was dran sein oder nicht?

Zum Grundsatz: "Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt" gehört natürlich, den werbefinanzierten "Informations"schrott nicht ernst zu nehmen und mal den Fernseher aus- und den eigenen Kopf einzuschalten...
mh schrieb am 20.02.2011 um 17:26
mensch sachichma,

du kannst mir doch nicht vorwerfen ständig über augstein zu meckern und mich dann in ne diskussion über ihn verwickeln. das ist doch voll hessel!

also ich bezweifle, dass uns die medien manipulieren. das könnten sie nur, wenn sie uns zwingen würden sie zu konsumieren.

die wahrheit ist viel simpler: die meisten menschen interessiert das alles einfach nicht, deswegen reicht es aus sie in unterhaltsamer form über die geschehnisse in der welt aufzuklären. und das muss noch nicht mal mit anspruchslosigkeit einhergehen.

massenmedien geben gemäß ihres eigenen daseins die wahrheit der masse wieder. das ist gelebtes mittelmaß, weswegen sich der geneigte akademiker und möchtegern-theel halt woanders informieren muss.

natürlich hat es etwas erhabenes, sich dadurch abzugrenzen und sich besonders toll zu fühlen. sehr her, ich bin der der sich da informiert wo sich der mob gesellt. das geht ja auch zwangsläufig mit der annahme einher, dass diese form der information dann auch besser sein muss.

manche, wie der kleinkarierte columbus, treiben dies auf die spitze, in dem sie dann andere und insbesondere gerne die betreffenden journalisten noch korrigieren um sich noch ein mehr überlegen zu fühlen gegenüber den standardüberlegenen.

wer da manipuliert, drängt sich einem regelrecht wie die faust ins gesicht: der mensch, das individuum höchstselbst ist es, der da rummanipuliert.

massenmedien sind und bleiben ein spiegel der gesellschaft, niemals aber eine möglichkeit der umfassenden information über dinge.

mfg
mh
mh schrieb am 20.02.2011 um 17:29
was den augstein betrifft ist es noch simpler. die diskussion führe ich mir dir nur, wenn du mir zeigst, wo der augstein mal mehr in die tiefe ging, als da wo er seine kolumnen zum besten gibt oder eben seine fernsehauftritte hat.

der unabhängige beobachter kann hier nur festhalten: augstein gibt gefühlte informationen von sich.

der sagt euch: bedingtes grundeinkommen ist geil. ihr findet das geil und findet den augstein dann geil, der in seiner zeitung dann das thema befördert. nur wo isser denn mal weitergegangen? wo hat er seine 800 euro begründet? wo hat er denn all das mal gesagt, was mir columbus dann erläuterte, was alles so sei bei dieser sache?

nee das hat er eben nicht. das macht er nie. er bleibt immer oberflächlich. und da sach ich dir, das muss man kritisieren.

mfg
mh
thinktankgirl schrieb am 20.02.2011 um 14:14
Stephane Hessel ist der Sohn von Franz Hessel, sofern euch der Name geläufig ist ;-)

Der 60-jährige [Franz] Hessel erlitt während des zweimonatigen Aufenthalts im Lager einen Schlaganfall und starb 1941 kurz nach seiner Entlassung an den Folgen der Lagerhaft in Sanary-sur-Mer.
Uwe Theel schrieb am 20.02.2011 um 15:18
ok, mh,

ich habe verstanden: Du bist nicht empört. - Das reicht.
mh schrieb am 20.02.2011 um 17:17
schreib doch noch n bissl, dann bin ichs bald.

mfg
mh
Uwe Theel schrieb am 20.02.2011 um 17:41
Bin ich Dein Aufzieher?
mh schrieb am 21.02.2011 um 16:47
hessel ist heute abend bei beckmann. als ob letzterer nicht schon schlimm genug wäre.

mfg
mh
mh
Ich bin extrem geil und hochintelligent, da ist mein erheblich gestörter Geisteszustand absolut nebensächlich.
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