17.01.2011 | 15:20

Minderheiten lieben das Internet

Als Ekklesiasterion der Moderne definiert der Durchschnitts-Nerd sein Internet. Zumindest dann, wenn man ihn danach fragt, wozu es denn gut sei.

Da sammeln sie sich also die Massen in Horden und begackern sich gegenseitig. Sie fühlen sich nicht nur sehr wichtig, sie nehmen sich auch wichtig und wären gerne mehr, als einfach nur da. Wie man das erreicht weiß keiner so recht, aber eine Parteigründung ist schon mal das Mindeste an Aktivität. Die aber auch nur Sinn macht, wenn man anders ist, als das, was da ist. Man muss irgendwie dagegen sein, also irgendwie grün und links.

In dieser dauerhaften Teenagerverwahrlosung, mit dem Anspruch eines Wutbürgers, geriert sich der Internetmensch als mindestens echauffiert, bestenfalls aber empört. Immer. In der von uns geschaffenen Welt hat das etwas Umfassendes zur Folge, denn wir bestehen nur noch aus mögender Leidenschaft.

Ist die Typin auf Facebook eine Idiotin, dann sagen wir ihr das nicht etwa. Viel zu stressig. Die wird einfach entfreundet oder besser noch, in eine Gruppe gesteckt, in der sie kaum noch etwas mitbekommt. Bei dem Flow an Freundes-News, der ständig über uns hereinbricht, ist das Wegbleiben von Informationen ohnehin nichts, was wir noch realisieren würden, geschweige denn wollten.

Geil ist geil! Eben. Aber echauffierenswert, wenn es vom Saturn kommt. Man kauft ja auch bei Amazon. Heimlich.

Freunde kritisieren nicht, sie liken. Und so ist der diskurswillige Mensch nicht etwa deswegen auf Anonymität angewiesen, weil diese ihn vor Repressionen schützt. Die Anonymität schützt uns vor unseren likegeilen Freunden, die dem nichts mehr entgegensetzen, was wir verkünden und uns dadurch in eine Welt des geistigen Stillstands und der gegenseitigen Lobhudelei einsperren.

In diesem Sinne mutet es politisch clever an, wenn man in Berlin die Identitätspflicht für Internetnutzer fordert und damit das „ignore“ als Damoklesschwert über jeden Einzelnen verhängt.

Es gibt Menschen, die wundert das alles. Zum Beispiel Stefan Niggemeier. Jahrelang ein vermeintlicher Vorreiter der Blogosphäre, erkennt er mittlerweile, dass die Art und Weise, wie man es bisher aufzog, nicht unbedingt die erfolgreichste war. Immer wenn es dann mal konkret wird, ist er aber nicht so einer und bleibt bei seinen Leisten. Sprich er hat Vorstellungen und die anderen sollen mal machen. Ein Spruch, der aus alteingesessener Ecke öfter mal kommt.

Das muss uns nicht wundern, denn die Leute können wirklich nichts anderes als das Fernsehen kritisieren, über Musik schreiben und die neueste Technikscheiße bejubeln. Und sie vermissen natürlich Dinge.

Und plötzlich ist dann da mal einer, der was tun will. Der Mann nennt sich Konstantin Neven Dumont, hat 100 verschiedene Ideen, die er mit 100 verschiedenen Persönlichkeiten verkündet und dann vom Niggemeier abgewatscht wird.

Vor allem aber hat er Geld. Und was tut der Niggemeier? Er meint, dass der KND nicht so befähigt ist, das alles zu tun.

Freund 1 findet es toll, Freund 2 findet es geil und Anonymus 4 will ihm ins Gesicht furzen. Anonymus4 nimmt man nicht ernst, weil der ja Anonymus ist und furzig scheint. Freund 3 ist der Kritiker, den man unter den Radar verfrachtet hat. Solche Penner werden die neue Weltordnung nie verstehen.

Nerds sind weiß. In den Medien.

 

Zuerst erschienen auf www.goowell.de

 

 
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Kommentare
Wolfram Heinrich schrieb am 17.01.2011 um 17:21
Als Ekklesiasterion der Moderne definiert der Durchschnitts-Nerd sein Internet.

Den Nerd, ob Durchschnitts- oder nicht, möchte ich sehen, der das Wort "Ekklesiasterion" auch nur gehört hat.

Ciao
Wolfram
mh schrieb am 17.01.2011 um 17:52
tatsächlich habe ich es auch noch nie gehört, sondern bisher immer nur gelesen.

mfg
mh
j-ap schrieb am 17.01.2011 um 17:34
Was ist eigentlich dieses Facebook, von dem überall und ohn' Unterlaß gefaselt wird? Ist das gar soetwas ähnliches wie die gute alte rogues gallery?
mh schrieb am 17.01.2011 um 17:51
facebook ist ja nur eine monopolistische versinnbildlichung unseres virtuellen daseins.

selbst wenn man da nicht ist, weil man immer dagegen ist, so kennt es einen und kommt dich holen. irgendwann.

mfg
mh
j-ap schrieb am 17.01.2011 um 17:59
Hey, ich bin noch nie irgendwo dagegen gewesen, schon gar nicht immer! Ich war nur nie dafür, das ist etwas ganz anderes!
mh schrieb am 17.01.2011 um 18:12
bist du nicht der meinung, dass wenn man sich gezielt abgrenzt, also betont nicht dabei, dass man dann tief im innersten dagegen ist?

mfg
mh
ForenBoy schrieb am 17.01.2011 um 18:21
natürlich hast du recht, zumal die Aussage "ich bin nicht dafür" voraussetzen würde, dass er das, wofür er nicht sein will, zumindest kennen müsste, um eine solche Entscheidung zu treffen.

Wenn er also den Gegenstand der Ablehnung gar nicht kennt, da er ja weiter oben fragt "was ist eigentlich dieses Facebook?" kann es doch nur eine grundsätzlich Ablehnung sein.
j-ap schrieb am 17.01.2011 um 19:04
Nö, mh. Das liegt unter anderem daran, daß ich weiß, wer Pierre Gassendi war und was er zum Thema probabilistische deduktive Inferenz (*) zu sagen hatte.


*) Um es ganz kurz zu machen: Ich habe auf jeden Fall recht.
ForenBoy schrieb am 17.01.2011 um 19:18
das war ziemlich schwach.......
mh schrieb am 17.01.2011 um 19:20
das kann ja nur als widerspruch ggü. dem forenboy genügen, da ich dich mit meiner fragestellung bereits von der deduktiven auf die induktive ebene runtergezogen hatte.

also etwas ausführlicher musses dann wohl sein. außer natürlich wir machen es wirklich kurz und ich hab recht. wobei das auch eine schöne methode ist.^^

mfg
mh
j-ap schrieb am 17.01.2011 um 20:21
Na wenn es hier nur um eine Induktion ginge, da hätte ich Dir auch Gödel kommen können. So trivial ist's nun aber auch wieder nicht.

Ich elaboriere also mal länger.

Dein Kalkül lautet so:

(P1) Wenn man sich gezielt abgrenzt,
(P2/S') also betont nicht dabei ist,
(S) dann ist man tief im Innersten dagegen.

Die Frage, die sich hier stellt, ist die, woher das »also« kommt. Daran schließlich sich nämlich die Frage an, ob es sich bei P2 um eine zweite Prämisse handelt (eben P2) oder schon einen impliziten Schluß durch Inferenz (S'). Wenn es sich um eine Prämisse handelt, dann müsstest Du erklären, woher sie kommt (ginge streng nur über den Satz vom Widerspruch, um den hier aber anzuwenden müßte man die zu ziehende Folgerung schon kennen und von ihr aus rückschließen, dann ginge aber das, was hier zu beweisen war, flöten, weil der Schluß dann die wesentliche Prämisse wäre).

Gassendi kann zeigen, daß ein Beispiel wie hier (bei ihm funktionierts im Original über eine Rede von Cicero) eben gerade keine Induktion, sondern eine probabilistische Deduktion ist (er nennt das: regressus demonstrativa).

Deine Schlußfolgerung ist also hier nicht zwingend, sondern nur wahrscheinlich wahr. — Das ist der Unterschied.
ForenBoy schrieb am 17.01.2011 um 20:32
genauso schwach, weil es nicht den Unterschied zwischen dagegen sein und nicht dafür sein beinhaltet und erst recht nicht das Vorurteil erklärt, wieso man nicht für etwas ist, das man gar nicht kennt.

Anders ausgedrückt, wieso machst Du hier die Teflon-Angie in Sachen Facebook?
j-ap schrieb am 17.01.2011 um 20:43
ForenBoy, ich mag Dich wirklich gern, aber könntest Du mir für einen Moment aus der Sonne gehen? Ich versuche nämlich gerade, mich mit mh zu unterhalten ...
Sarah Rudolph schrieb am 17.01.2011 um 21:44
Jungs, ich könnt euch knutschen.
Medienjournalist schrieb am 17.01.2011 um 19:17
Niggemeier versucht Neven DuMont schon seit Längerem von der Bildfläche verschwinden zu lassen. Einige Blogger reiben sich deshalb verwundert die Augen. Sie halten aber lieber brav den Mund. Schließlich weiß ja niemand so genau, wie die Fleischtöpfe der Zukunft verteilt werden. Solange sich die mitspielenden Protagonisten gegenseitig "begackern", werden die etablierten Medien ihre Interessen durchsetzen, soviel ist sicher.
mh schrieb am 17.01.2011 um 19:27
dass ein medienjournalist einen verlagserben "von der Bildfläche verschwinden" lassen will, kann ich mir nur schwerlich vorstellen. niggemeier lebst schlichtweg von der aufmerksamkeit, die er per diskussion um sein treiben auslöst und hat gelernt, dass nach oben schiessen da am effektivsten ist.

es ging mir aber nicht wirklich um niggemeier selbst, sondern vielmehr um das, wofür er steht. meckern gen oben bei gleichzeitiger arbeitsverweigerung, wenn es mal konkret wird.

und dann wundern sich immer alle, dass da nichts passiert und sich nichts entwickelt.

mfg
mh
Medienjournalist schrieb am 17.01.2011 um 22:05
Unsere Kanzlerin scheint einen schönen Tag gehabt zu haben.

www.ksta.de/html/artikel/1295259816884.shtml
Belle Hopes schrieb am 23.01.2011 um 20:23
In der Welt, in der es fast alles gibt etwas zu finden, wogegen man sein kann, ist nicht so einfach, und es erklärt die Gereiztheit der Suchenden. Es gibt natürlich noch eine Menge anderer Gründe für so ein virtuelles Sein, die stinknormale Langeweile oder der Mangel an realen Mitmenschen. Ist ja auch logisch, wer arbeitet oder ab und zu mir Realos kommuniziert braucht kein Internet. Hu, das klingt so altmodisch. Ansonsten eine passende Analyse. Mit Niggemeier und so kenne ich mich nicht aus. Aber durchaus beruhigend, dass es Minderheiten sind, wenn man sich manches so anschaut. Mein Neuwort des Tages ist Panoplie, noch nie gehört, aber gleich nachgeschlagen, im guten alten Lexikon.
mh
Ich bin extrem geil und hochintelligent, da ist mein erheblich gestörter Geisteszustand absolut nebensächlich.
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