05.04.2011 | 21:24

Thema: Der Grünen “Es ist genug Strom da”

Ausgangspunkte:

a) @Die_Gruenen Trotz der derzeit abgeschalteten AKW bleibt Deutschland auch weiterhin Netto-Stromexporteur. (PDF) gruenlink.de/uu

b) @mh120480 lügt uns doch nicht an @Die_Gruenen .. Netzagentur: Deutschland wird mit Moratorium Strom-Importland .. mh120480.de/eEdT3v

c) @norberthense @mh120480 Ich find das hier überzeugend: is.gd/0MviYC

Es gibt im Groben zwei Komponenten:

a) Der Strom wird im Vorfeld verkauft und entsprechend besteht eine Lieferverpflichtung. Auf Basis der bestehenden Verpflichtungen (bei AKWs bspw. 3 Jahre im Voraus) wird eine Kraftwerksnutzungsplanung erstellt (Grund- und Mittellast), inklusive planbarer Wartungszeiten.

b) Wird kurzfristig Strom benötigt, z.b., weil ein Kraftwerk ausfällt, entscheidet die Handelsgesellschaft eines Versorgers, in welcher Form dieser fehlende Strom ersetzt wird. Da wir im europäischen Gesamten ein Stromüberangebot haben (auch systemisch bedingt), lohnt der Einkauf in Frankreich zurzeit mehr, als bspw. ein eigenes Kraftwerk anzuwerfen.

Das ist und bleibt in diesem Falle eine kaufmännische Entscheidung. Die Stromproduktionskosten erhöhen sich dann, im Vergleich zum Normalbetrieb noch dadurch, dass eine zusätzliche CO2-Last entsteht, die durch entsprechende CO2-Zertifikate ausgeglichen wird. D.h., der Produktionsaufwand ist höher als gewöhnlich.

Das Fazit lautet, bis hierher: Die Grünen Inhalte sind zwar im Groben richtig, der Vorwurf und das Fazit aber ist falsch. Nicht zuletzt deswegen, weil es hier um Folgen geht, die durch Grüne Forderungen entstehen. In diesem Fall: Wer vorrechnet, dass man eigentlich gleich abschalten könnte, muss sich an dieser Aussage und seinen Folgen auch messen lassen.

Denn würde man jetzt alle AKWs abschalten und damit abschaffen, wie die Rechnung es als machbar deklariert, würde man Deutschland ob des liberalisierten Energiemarktes und der Funktionsweise von Märkten zwangsweise zum Stromimporteur machen. Siehe obige Herleitung. Wie an der aktuellen Entwicklung bereits ersichtlich ist, sind wir es durch das Abschalten dreier AKWs auch geworden.

Das Problem der Argumentation der Grünen geht aber noch weiter. Hier werden Gas-Kraftwerke (schnell hochfahrbar), die üblicherweise des Abfangens der Spitzenlast dienen, einfach als Dauerbrenner (Grundlast ggf. Mittellast) deklariert, sprich zweckentfremdet um den Energiekonzernen Missbrauch vorzuwerfen, in diesem Fall ging es um E.ON.

Wohl auch nicht in dem Wissen, dass die Abnutzungsplanung der Kraftwerke, durch die neuen Bedingungen des veränderten Betriebes (entgegen der Auslegung), ohnehin zu kalkulatorischen Verwerfungen führen würde. Man erinnere sich hierbei an die Schiene. Die wurde dann so ausschweifend, dass den nun zu hohen Verschleiß keiner bezahlen will / kann und die Schienennetze entsprechend marode sind.

Die Konsequenz dessen, was die grüne Propaganda hier verbreitet, ist vielfältig. Zum einen riskiert die dargestellte Möglichkeit die Versorgungssicherheit in Zeiten der Spitzenlast. Andererseits erfordert die Reaktion des Marktes zwangsläufig einen Eingriff des Staates in den Markt.

Das heißt Atom-Stromimporte verbieten oder Strafsteuern auf importierten Atomstrom erheben. Merkel, CDU, deute heute das Importverbot an.

In dem Sinne ist auch der Krach Deutschlands mit  Frankreich und weiteren EU-Staaten zu verstehen. Der generelle Atomausstieg (in naher Zukunft) erhöht die Strompreise in ganz Europa dadurch, dass wir, bei uneingeschränktem Markt, den billigeren Strom aus dem Ausland importieren werden. In Bezug auf Frankreich einen durch den Staat stark subventionierten Atomstrom, der dann preislich beginnt zu steigen, was sich innert drei Jahren auch auf die Endverbraucherpreise auswirkt.

Beim Thema Leitung bleibt es dabei: Die Hochspannungsnetze sind zurzeit nicht darauf ausgelegt, den ganzen Ökostrom in den Süden zu transportieren. Bis Ende 2010 wurden hierfür 800km neue Leitungen benötigt, davon wurden 80 km gebaut. Bis 2020 werden 4.400km benötigt (Zahlen der Netzagentur). Und durch dieses Problem ist es auch nicht richtig, den Gesamtstromverbrauch zu nehmen und einfach zu behaupten, es sei genug Strom da. Im Gegensatz zu dem Tweet war es im Dokument dann übrigens nur noch "fast".

Anbei noch ein paar Anmerkungen zur generellen Struktur:

Die Netzbetreiber sind für die Versorgungssicherheit zuständig. Knapp und flach formuliert besteht ihre Aufgabe darin, die Netze bei 50 Hertz zu halten, sprich am Laufen und jedem der gerade Strom benötigt diesen zur Verfügung zu stellen.

Um das zu erreichen, werden bei Stadtwerken die Verbrauchsdaten eingesammelt und demnach die Stromzufuhr an die Netze geschaltet oder auch wieder weggeschaltet. Die Stadtwerke wiederum sammeln die Daten bei allen Stromanbietern der jeweiligen Region ein und leiten sie an die Netzbetreiber weiter.

Wenn ein Strom lieferndes Kraftwerk, aus welchen Gründen auch immer, ausfällt, muss nahezu zeitgleich ein Ersatz zugeschaltet werden, um die Netzfrequenz zu wahren, sonst klappt das Ding zusammen. Damit ist auch klar, dass wir immer mehr potenziellen Strom haben müssen, als wir real verbrauchen. Allein dadurch ließen sich bereits Kapazitäten für das Abschalten von AKWs herleiten, die dann aber im Back-Up der Stromversorgung fehlen.

Wenn aus einem Bereich die Datenlieferungen ausbleiben oder unvollständig sind, dann werden die fehlenden Daten durch statistische Werte ergänzt.

Die Stromnetze sind momentan bis in den Mittellast-Bereich hinein (bis 10KV runter) digitalisiert. Alles darunter, quasi die letzte Meile (Analogie aus dem TK-Bereich) ist noch analog. Um das Ziel intelligenter, also effizienter, Stromnetze zu erreichen (Smart Grid), sind Investitionen von 60-80 Mrd. Euro notwendig. Diese sind, per Gesetz, von den Stromversorgern zu zahlen. Für Europa werden Kosten bis zu 500 Mrd. geschätzt.

Die Schwierigkeiten dieses Bereichs sind, dass man zwar bereits weiß, dass diese Investitionen bis 2030 getätigt und der Ausbau erfolgt sein muss, die Technologie sich aber erst noch in der Testphase befindet. Auch Standards wurden bisher nicht im erforderlichen Ausmaß festgelegt.

 

 

Zuerst erschienen auf www.goowell.de

 

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
Ullrich Läntzsch schrieb am 06.04.2011 um 13:45
Wer AKWs nicht abschaltet trägt die VOLLE Verantwortung für ALLE atomaren Katastrophen. So einfach ist das! Wenn jemand noch immer glaubt, diese Verantwortung tragen zu können, ist er schlicht und ergreifend ein GRÖSSENWAHNSINNIGER Schwachkopf.

Wer darüber hinaus dies auch noch versucht, kaufmännisch zu erklären, gehört offensichtlich zu jenen, die schon in der Schule so ihre liebe Not mit den Grundrechenarten hatten.
mh schrieb am 06.04.2011 um 13:56
darum ging es nicht. aufmerksamen lesern wäre das auch nicht entgangen.

es ging darum, dass hier eine möglichkeit vorgerechnet wurde, seitens der grünen, die faktisch gar nicht machbar ist .. jedenfalls nicht unter den von den grünen propagierten aspekten.

in diesem fall war die aussage ja klar: abschalten ist sofort möglich, da wir die kapazitäten bereits hätten.

das ist propaganda und muss als solche auch gebrandmarkt werden. das hat auch nichts mit der frage "ja oder nein" zum atomstrom zu tun. das ist ein anderes thema.

mfg
mh
mh
Ich bin extrem geil und hochintelligent, da ist mein erheblich gestörter Geisteszustand absolut nebensächlich.
Mitglied seit:
3 Jahre 15 Wochen
Zuletzt aktiv:
05.10.2011
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 38
Kommentare: 3931
Mein Projekt:
Mein Web:
Logbuch
00:16
blog1 hat gerade einen Kommentar geschrieben.
00:08
gewissen hat gerade einen Kommentar geschrieben.
00:02
Phineas Freek hat gerade einen Kommentar geschrieben.
00:01
h.yuren hat gerade einen Kommentar geschrieben.
23:57
Fro hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Augstein und Blome

portlet_Phoenix-12.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG