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Sittenverrohung, Generation Porno, kürzere Kindheit: Die Generation von heute. Darunter leiden auch die Zeichentrickfilme. Wo sind bloß all die Helden hin? Ein Essay.
Wir packen uns in der virtuellen Welt freiwillig in Schubladen, um nach Gleichgesinnten zu suchen. Für meine Generation, Mitte der 80er geboren, gehört es zum Alltag, auf dem Portal StudiVZ nach Gruppen Ausschau zu halten und nach der Mitgliedschaft unseres virtuellen Gegenübers zu bewerten, ob uns die Person, die uns da am Bildschirm anlächelt, sympathisch ist oder eben nicht: Ob wir Gemeinsamkeiten haben, ob wir „Dinge beschimpfen, wenn sie nicht das tun, was wir wollen“ oder ob wir auch „nachts ausrechnen, wie viele Stunden wir noch schlafen können“. Auf meiner virtuellen StudiVZ-Sphäre mache ich durch dieses Schubladisierungsprinzip vor allem gerne deutlich, dass Mila Superstar „mir gezeigt hat, wie man Volleyball spielt“ und dass mein „Wissen über das Sonnensystem von Sailor Moon stammt“. Ich bin im „Captain-Tsubasa-Fanclub“, in der „Saber Rider muss wieder auf Sendung“-Gruppe und gebe durch eine weitere Gruppenmitgliedschaft, wie etwa 500 andere Userinnen, zu: „Ich war in Captain Future verliebt“. Weil diese Sendungen meine Kindheit geprägt haben, weil der Fernseher das Leitmedium meiner Generation war. Weil diese Trickfilme noch Werte vermittelten und unsere Fantasie beflügelten.
Die Welt, die uns dort gezeigt wurde, war einst ein magischer Ort für uns. Wir wachten mit der festen Vorstellung auf, Zwerge und Feen existierten. Wir glaubten an den Weihnachtsmann und suchten Ostereier in dem Garten unseres Elternhauses. Wir meinten, den großen Hasen mit Geschenken sogar dort irgendwo ins Gebüsch hopsen zu sehen. Die ersten Töne einer Titelmelodie unserer früheren Lieblingstrickserie kann eine Welle an diesen Bildern in uns auslösen und ein bisschen dieser Magie zurückholen. Sind wir nicht nach der Schule auf direktem Wege nach Hause gerannt, pfefferten unsere Schuhe achtlos in die Ecke und schnappten uns in einer fast schon gleitenden Bewegung die Fernbedienung? Nur, um Tsubasa Ozora beim Toreschießen anzufeuern, um Captain Futures bei seiner Odyssee durch das Weltall zu begleiten oder um den Kampf der Sailor-Kriegerinnen gegen die böse Königin zu verfolgen? Es war eine schöne Zeit, die häufig als „unbeschwert“ beschrieben wird. Keine Verpflichtungen. Keine Verantwortung. Freiheit. Wenig Sorgen. Keinerlei Zukunftsängste. Freizeit. Volle Fantasie. Absolute Vorstellungskraft. Unsere Kindheit.
In einem Interview des ZEIT-Magazins behauptet währenddessen Karl Lagerfeld: „Ich wollte nie Kind sein, ich wollte immer nur erwachsen werden.“ Er verstehe es nicht. „Früher wollten wir Kinder erwachsen werden – heute wollen die Erwachsenen am liebsten Kinder sein“, postuliert er. Eine internationale Facebook-Aktion im vergangenen November machte deutlich, dass Lagerfelds letzte Vermutung offenbar stimmt. In dem Aufruf hieß es: „Ersetzt zwischen dem 12. und 18. November euer Profilbild auf Facebook durch ein Comic-Bild aus eurer Kindheit. Ziel des Spiels ist es, eine Woche lang unsere Kindheit wieder aufleben zu lassen!“ Ein Stückchen Eskapismus. Wie ein Virus verbreitete sich jene Nachricht. Plötzlich waren wir mit Bugs Bunny befreundet, chatteten mit Dagobert Duck und erblickten Statusmeldungen des kleinen Maulwurfs, mussten erst den Namen auf dem Bildschirm genau nachlesen, um zu erkennen, welcher unserer Freunde eigentlich hinter diesem Comic-Gesicht steckte. Diese Aktion, an der hunderttausende User teilnahmen, löste auch eine Diskussion aus, ganz nach dem Motto: „Früher war alles besser.“ Viele Nutzer schrieben: Damals waren die Zeichentrickfilme einfach schöner, heute läuft nur noch Schrott für Kinder im Fernsehen.
Kommerzialisierung. Ein Wort, das uns im Verlauf der Zeit schon oft begegnet ist. Es fiel häufig während dieser holzschnittartigen Cartoon-Diskussionen, in der die allgemeine „Sittenverrohung“ beklagt wurde oder das Klagelied auf die abgestumpfte „Generation Porno“ angestimmt wurde. „Wo sind all die Helden hin?“, fragten meine Altersgenossen sich auf Facebook. Genau. Wo ist He-Man, der mit seinem Zauberschwert beflügelt von der Macht von Greyskull sein wahres Ich erwecken konnte und als martialischer Prinz auf dem Rücken seines Tigers die finsteren Mächte bekämpfte, die sein Königreich bedrohten? In welcher Galaxie steckt Captain Future, der gutaussehende, stets freundliche Rotschopf, der uns bewiesen hat, dass es wahre Helden auch in ferner Zukunft geben wird, die sich für die Rechte der Schwächeren einsetzen?
Sie haben uns geprägt, diese japanischen Zeichentrickfiguren mit großen Mandelaugen und unrealistischem Körperbau. Neben US-Produktionen wie He-Man (1988), den Teenage Mutant Hero Turtles (1990) und Captain Planet (1990) waren es vor allem so genannte Animes, die RTL 2 und Tele5 meiner Generation präsentierten. Viele der bekanntesten Serien mit dem vermeintlichen US-Label wurden sogar mit Hilfe japanischer Unterstützung produziert und erlangten auf diesem Wege Popularität. So zum Beispiel die Transformers (1984) – eine Serie über lebende Roboter vom Planeten Cybertron – oder Saber Rider and the Star Sheriffs (1988) – eine Kultserie über die intergalaktischen Freiheitskämpfer Saber Rider, April, Colt und Fireball, die sich gemeinsam mit ihrem Raumschiff Ramrod Schlachten gegen fiese Schergen, die Outrider, lieferten und die Menschheit beschützten.
Unsere Lieblingsserien entführten uns aber nicht nur in ferne Welten. Sie appellierten auch an unseren Sportsgeist und förderten unseren Ehrgeiz. Tsubasa Ozora, der ambitionierte Nachwuchskicker aus Die tollen Fußballstars (1995), folgte seinem großen Traum, Profi in Brasilien zu werden, und bewies, dass man durch viel Fleiß und Glaube an sich selbst sein Ziel erreichen kann. Die elf Freunde aus Kickers (1992) zeigten uns, dass vor allem Spaß am Sport das Wichtigste ist, dass wir auf Teamgeist setzen sollten. Wie viele von uns Mädchen haben eigentlich angefangen, Volleyball zu spielen, weil wir der zwölfjährigen Mila Superstar (1993) beim Baggern, Schlagen, Stellen und verschiedenen, völlig unrealistischen Attacken auf dem Spielfeld zusahen? Mit diesen Erinnerungen frisch in meinem Gedächtnis frage ich mich: Was läuft denn jetzt eigentlich so im Fernsehen?
Als ich vor wenigen Jahren ins Vormittagsprogramm schaltete, lernte ich das erste Mal Shin Chan kennen. Wieder so ein Japanexport; Animes sind immer noch so populär, wie sie es zu meiner Zeit waren. Allerdings haben sie sich verändert. Shin Chan ist fünf Jahre alt, seine Figur karikiert gezeichnet, so als würde es sich lediglich um eine bunte Skizze halten; der Vorschüler reibt sich in den kurzen Folgen an den Beinen junger Frauen, schaut ihnen unter die Röcke, vergleicht Objekte mit dem „großen Po seiner Mutter“ und meint von Keksen, sie seien so „klein wie seine eigene Morgenlatte“. Hier sind wir wieder bei den Stichpunkten der Facebook-Diskussion: Generation Porno, Sittenverfall. Und wo bleibt die Kommerzialisierung?
Der Schrecken aller Eltern ist gelb, ziemlich klein, nicht menschlich, haust normalerweise in einem Faustgroßen Ball und kann nur ein einziges Wort sagen, das gleichzeitig auch sein Name ist: Pikachu. Das gelbe, vermeintlich niedliche Taschenmonster ist ein so genanntes Pokémon. Diese Tierchen werden von Menschenhand gefangen, gezähmt, gesammelt und trainiert – damit sie gegen andere Pokémon in einem Kampf antreten können. Die Anime-Reihe basiert auf einem Nintendo-Spiel aus dem Jahr 1997. Die Serie war ein erfolgreicher Schachzug der Macher, vor allem das junge Publikum für das Produkt des Taschenmonsters zu begeistern. Ein Sammel-Kartenspiel ließ natürlich nicht lange auf sich warten. RTL 2 verbuchte mit der Trickserie einen noch nie dagewesenen Anteil von 68% bei den 3-13-Jährigen; da ist es nicht verwunderlich, dass in den meisten Schulen das Tauschen der dazugehörigen Pokémon-Sammelkarten verboten werden musste, weil beinahe niemand mehr dem Unterricht folgte.
Das Werbeprinzip durch berauschende Animes endete nicht bei Pokémon. Weiter im RTL 2-Programm finden wir Yu-Gi-Oh! (2003) – das aus der Serie stammende Kartenspiel Duel Monsters erschien zeitgleich auf dem Markt; im selben Jahr Beyblade – das den Verkauf der gleichnamigen Kreisel aus Japan vorantrieb.
Aber Moment einmal! Ist dieses Konzept eigentlich wirklich neu? Kam es erst in den Neunzigern auf und wurde dann ins 21. Jahrhundert übertragen? Übersehen wir nicht etwas? „Bei der Macht von Greyskull!“ – das waren die Worte von He-Man, die sich so in unser Gehirn gefressen haben. Aber He-Man existierte eigentlich schon vor dem Zeichentrickfilm, der uns so verzauberte und prägte. He-Man ist nämlich nichts anderes als der Protagonist einer Spielzeugserie von Mantell, die unter dem Namen Masters of the Universe lief und sich 1982 etablieren konnte. Die dazugehörige Serie entstand erst ein Jahr später; sie war nichts anderes als ein schieres Vermarktungsinstrument. Nicht anders war es mit den Transformers. Sie waren klein, bestanden aus buntem Plastik und eroberten Anfang der 80er die Kinderzimmer unserer Nation; selbst wir spielten in den 90ern noch mit den verwandelbaren Robotern, aus denen binnen Sekunden Autos oder Flugzeuge werden konnten. Nur, weil der Verkauf dieser Spielzeuge nicht lief, entwickelte der Comicverlag Marvel eine Story, auf deren Basis die uns bekannte Serie letztendlich umgesetzt wurde.
Diese „PR-Zeichentrickfilme“ sind also gar nicht neu. Der clevere Werbetrick hat schon zu unserer Zeit funktioniert und die Frage, die ich meiner Generation jetzt stellen muss, die sich lauthals über Pokémons und Beyblades aufregt und die alten Zeiten zurückwünscht, ist: Fanden wir das damals eigentlich auch so schlecht? Eine weitere, sich aufdrängende Frage ist: Kennen wir uns in dieser neuen Cartoon-Landschaft eigentlich noch genügend aus, um sie bewerten zu können? Ich schlage ein verhaltenes ‚nein’ als Antwort vor.
Tiefer ins Fernsehprogramm blickend, fallen uns plötzlich gravierende Unterschiede auf, die einen direkten Vergleich gar unmöglich machen: Schauten wir vorrangig Zeichentrickfilme auf Privatsendern wie RTL 2 oder ProSieben, gibt es heute spezialisierte Sender, die nur kinderfreundliches Material zu senden versuchen: Nickelodeon, Disney Channel, Super RTL, KI.KA, Junior, Cartoon Network. Nur, um einige zu nennen. Hier finden wir plötzlich alte Erinnerungen: Die Disney-Eichhörnchen Chip und Chap streiten sich noch immer um die Wette, Käpt’n Balu fliegt weiterhin mit seiner tollkühnen Crew durch die Gegend und auch die Gummibärenbande trinkt noch ihren Gummibärensaft. Aber diese Sender haben auch Neues auf Lager; und dieses Neue gehört nicht zu der Kommerzabteilung, über die sich meine Altersgenossen auf Facebook aufgeregt haben. Timmy Turner ist ein fast normaler Junge. Nur, dass dieser normale Junge zwei Elfen als Ersatzeltern hat; Cosmo und Wanda stellen sein Leben auf den Kopf, mit der Zauberkraft dieser zwei Wesen erlebt Timmy schrille und bunte Abenteuer, die selbst Erwachsene zum Lachen bringen. Was ist mit Spongebob? Der überwitzige Schwamm entführt die Kinder in eine fantastische Unterwasserwelt und beschreitet mit seinen ulkigen Freunden, wie dem etwas verwirrten Seestern Patrick, die verschiedensten Abenteuer. Auch in Punkto Freundschaft gibt es etwas Neues: Disney Große Pause zum Beispiel beleuchtet das Leben von sechs Grundschulkindern innerhalb der Schule, besonders – wie der Titel schon suggeriert – zur Pausenzeit.
Manches funktioniert also immer noch. Anderes eben nicht. Weil die Kinder immer schneller erwachsener werden und Trickfilme versuchen, auf diese veränderte Wahrnehmung der Welt, seiner eigenen Generation einzugehen. Vielleicht gibt es deshalb auch Shin-Chan, weil die Kids durch den Zugang zum Internet, Erfindungen wie den Smartphones schneller an Inhalte gelangen, die in unserer Generation erst später die Runde machten; vulgäre Ausdrücke, das mit den Blumen und den Bienchen.
Wir sind zu voreingenommen, um Richter über Trickserien zu sein; um behaupten zu können, „unsere“ Zeichentrickfilme seien besser gewesen. Weil uns die eigene Sentimentalität, die durch Erinnerungen angesprochen wird, einen klaren Blick unmöglich macht, weil wir jede dieser Trickserien mit unserer eigenen Kindheit verbinden und nicht mehr objektiv urteilen können. Auch, weil uns der Blick eines Kindes fehlt, weil wir erwachsen sind; weil unsere Generation sowieso anders tickte, so wie die Generationen vor uns und jede davon ist anders. Jede einzelne von ihnen verdient „ihre“ Trickserien. Ich kann nicht nachvollziehen, wie jemand Pokémon gut heißen kann, doch wahrscheinlich kann der Pikachu-Fan nicht verstehen, warum ich Captain Future regelrecht vergöttert habe. Gönnen wir der Generation doch ihre eigenen Helden! Wer weiß, in was für StudiVZ-Gruppen der Pikachu-Fan einst eintreten wird, sollte es dieses Portal in ferner Zukunft noch geben? „Ohne Pokéball gehe ich nicht aus dem Haus!“ oder „Ohne meinen Beyblade sage ich gar nichts?“; vielleicht wird er fordern: „Yu-Gi-Oh! muss wieder auf Sendung“ und postulieren: Früher war alles besser! Zu recht. Denn es ist alles nur eine Frage der Subjektivität und der schönen Erinnerungen an eine unbeschwerte Zeit, in der wir nur an eines dachten: ans Spielen.
Katharina Resmer|
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Hallo Katharina,
Sehr interessant, diese Überlegungen. Für mich besonders, denn ich gucke mir sowas nicht mehr an. Ich bin so die Generation "Wer hat an der Uhr gedreht"... " Wir sind zu voreingenommen, um Richter über Trickserien zu sein; um behaupten zu können, „unsere“ Zeichentrickfilme seien besser gewesen. Weil uns die eigene Sentimentalität, die durch Erinnerungen angesprochen wird, einen klaren Blick unmöglich macht, weil wir jede dieser Trickserien mit unserer eigenen Kindheit verbinden und nicht mehr objektiv urteilen können." Du liebe Güte, was ist denn "objektiv" in diesem Zusammenhang. Ein Unbehagen ist ein Unbehagen, gleich ob es objektiv belegbar ist. Ich denke auch, dass es wohl in den heutigen Trickfilmen etwas gibt, was "Kinder" nicht vertragen: Ironie. Da ist zuviel Erwachsenenmentalität drin und - Du sagst es - Kommerz. "Denn es ist alles nur eine Frage der Subjektivität und der schönen Erinnerungen an eine unbeschwerte Zeit, in der wir nur an eines dachten: ans Spielen." Ach, hier schreibst Du es selbst. Amüsant finde ich, dass diese Überlegungen zur eigenen Kindheit überhaupt zu "Generationen" und damit dem ständigen Wechsel der Helden, schon so zeitig, so beschleunigt, stattfinden. Früher hat das ältere Menschen bewegt, nicht so junge Leute. Die Zeiten scheinen zu rasen und jene Generation muss ich schnell definieren. Immerhin habe ich Wissenslücken optimal auffüllen können. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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