Macromedia Hochschule

Dossier "Zukunft des Fernsehens"

09.03.2011 | 12:24

Internet killed the Video Star

Am 01. Januar 2011 ist eine Ära zu Ende gegangen: Nach rund dreizehn Jahren auf Sendung verabschiedete sich der Kultsender MTV ins Pay TV. Aber hinterlässt das Musikfernsehen tatsächlich eine große, nicht zu tilgende Lücke in der deutschen Fernsehlandschaft? Ein Essay.

 

 „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“, sagte einst der Philosoph Friedrich Nietzsche. Heute ist Musik ein unabdingbarer Bestandteil meines Lebens, sie löst vielschichtige Emotionen aus und ist vergleichbar mit der Luft zum Atmen. Im Alter von zehn Jahren begann ich mich zum ersten Mal intensiv mit Musik verschiedener Genres auseinanderzusetzen und entwickelte so ein ausgesprochenes Interesse für Musik. Da ich im Teenangeralter keinen Dauerzugang zu einem Computer mit Internetanschluss hatte, war Fernsehen lange Zeit mein Leitmedium. Und MTV das Tor zur Musikwelt. Ich kann mich noch immer lebhaft daran erinnern, wie ich nach der Schule auf der heimischen Couch Platz genommen und mich von den unterschiedlichsten Musiksendungen habe berieseln lassen, während ich nebenbei meine Hausaufgaben erledigte. Es war der Kultsender, der mich mit meinen ersten Lieblingsbands bekannt machte; Insidertipps fernab des Mainstreams waren mir damals noch fremd.

 Wie alle Dinge im Leben hat sich aber auch MTV im Laufe der Zeit verändert – jedoch nicht zu seinem Vorteil. Der für mich ehemals wichtige Sender, das einstige Flagschiff musikalischer TV-Unterhaltung, beschloss irgendwann seine Segel in Richtung Bedeutungslosigkeit zu setzen und bewegte sich schlussendlich auch langsam darauf zu: Wo ehemals gute Musikprogramme überzeugten und außerdem Charts sowie qualitativ hochwertige, selbst produzierte Sendungen wie „Select“ und später dann „Total Request Live“ den Zuschauer an den Bildschirm fesselten, herrschte in den vergangenen Jahren nahezu gähnende Leere. Wer Musikjournalismus oder Nähe zu den Künstlern suchte, der war bei dem Kultsender an der falschen Adresse.  Der Siegeszug des Internets lockte immer mehr Zuschauer in die Weiten des Netzes, wo Musikvideos zu jeder Zeit frei abrufbar sind. Die Publikumsflucht hat wiederum dazu geführt, dass sich die kostenintensive Ausstrahlung von Musikvideos für MTV kaum noch rentiert – der Grund für den Sender vermehrt auf  billige, zugekaufte Realitiyformate aus den USA zu setzen. Damit wurden auch noch die letzten, älteren Zuschauer vergrault. Eine Wechselwirkung also. Im letzten Jahr dann der Bruch: MTV verkündete im Oktober, dass der Sender ab Anfang 2011 fortan nur noch im Pay TV empfangbar ist.

 Schöne neue Musikwelt? Im Bezahlfernsehen will MTV wieder zu seinen Sendewurzeln zurückkehren. Musik rückt wieder in den Mittelpunkt, das Programm ist stärker auf Zielgruppen zugeschnitten und die Finanzierung des Senders angeblich gesicherter, dessen Marktanteil im frei empfangbaren Fernsehen zuletzt 1,8 Prozent betragen hatte. Im Bezahlfernsehen ist MTV nicht mehr von stark schwankenden Werbeeinnahmen abhängig und der Zuschauer erhält im Gegenzug wieder mehr Inhalt und wird mit weniger Werbepausen bemüht. Viva hingegen, der Sender, den MTV 2004 aufkaufte, bietet nun die Appetithäppchen fürs Bezahlprogramm: Eigenproduzierte Sendungen wie MTV Home oder Game One beispielsweise werden auf Viva zweitverwertet. Musik sei die Melodie, zu der die Welt der Text ist, ließ der Philosoph Arthur Schopenhauer einst verlauten. Bei MTV wird man das Gefühl nicht los: Hier läuft es anders herum.

 Seit einiger Zeit wird nun schon darüber diskutiert, wie die Zukunft des Fernsehens aussieht. Die Geräte werden größer und die Qualität der Bilder besser. Außerdem werden sich die Übertragungswege verändern. Die Zukunft des Fernsehens wird aber vor allem eines: interaktiv. Faktoren, die MTV rigoros verschlafen hat. Wie sieht also das innovative Musikfernsehen von Morgen aus? Ganz einfach: einmal kurz auf tape.tv geklickt.

 Der Sender, der seinen Sitz in Berlin hat, bietet Usern seit Juli 2008 kostenlos Musikvideos in hoher Qualität, die rund um die Uhr angeschaut werden können. Mittlerweile beläuft sich das Repertoire, aus dem der Zuschauer über eine Suchfunktion schöpfen kann, auf 30.000 Videos.

Auf tape.tv hat der Nutzer die Möglichkeit sein Programm ganz individuell zu bestimmen, denn er kann es seinem Geschmack anpassen. Er kann zwischen verschiedenen Genres wählen, Videos nach seinem Geschmack selektieren, ein Mixtape mit seinen Lieblingsvideos zusammenstellen und seine Inhalte in den Social Media teilen. Das Konzept geht auf, denn der Internetsender ist seit seinem Start sehr erfolgreich: So zählt tape.tv nach eigenen Angaben 2,2 Unique User mit einer durchschnittlichen Verweildauer von 25 Minuten. Seit Sommer des vergangenen Jahres werden sogar schon eigene TV-Formate produziert. Anstelle von MTV ist es mittlerweile der Berliner Sender, der etliche deutschlandweite Videopremieren zu international bekannten Künstlern zeigt. Redaktionelle Features erhält der User auf dem zugehörigen Blog. Auch die Finanzierung geht mit dem Medium: Der Internetsender setzt eine neuartige Werbeform, bei der eine dynamische Flashanimation einen Bereich von 360° um das Musikvideo bedeckt, dabei das laufende Programm aber nicht unterbricht. Nach jedem dritten Video wird außerdem ein kurzer Werbeclip gesendet.

Hier haben wir einen Internetsender, der die Möglichkeiten des World Wide Web erkannt, genutzt und sich somit eine Nische gesichert hat.  MTV hingegen hat sich auf seinem Ruf als Flagschiff der musikalischen Fernsehunterhaltung ausgeruht. In der Eigendarstellung des Internetsenders wird sogar gegen den großen Konkurrenten geschossen: „tape.tv ist wie dein bester Freund. Wir wissen, wie es dir geht, was du magst, und vor allem, was du nicht magst: Klingeltöne, schlechte Musik und Aufgesetztheit.“ Ein Segen also für alle Musikliebhaber.

 Trotzdem muss es nicht beim Dauersurfen bleiben. Für jene, die sich vor allem für Bands fernab des Mainstreams begeistern, finden sich trotz MTVs Abschied noch immer Sendungen im frei empfangbaren Fernsehen: Arte Tracks und Kulturzeit sind solche Beispiele, die Kultur und damit auch Musik in den Mittelpunkt ihres Programms rücken. Es sind tatsächlich die Hardcorefans, die bei Kulturzeit kein Interview zum Release einer neuen Platte ihrer Lieblingsband verpassen oder sich bei Arte Tracks über junge und unbekannte Künstler informieren. Hier wird noch informativer Musikjournalismus geboten. Ab und an verwöhnt 3sat sein Publikum sogar mit der Übertragung ganzer Konzerte unterschiedlichster Bands, wie etwa in dem Sendeformat Pop around the Clock.

Im Bereich der Musik scheint sich aber alles unweigerlich auf Special Interest zu verengen – gerade auf dem hiesigen Zeitschriftenmarkt, wie bei genauerem Hinsehen schon jetzt deutlich wird: Für den Metalhead beispielsweise gibt es Metal Hammer; der Indie- und Alternative-Fan stöbert hingegen in Visions. Vor allem aber hat natürlich das Internet an Bedeutung gewonnen: Liebhaber sind schon heute weltweit vernetzt – via Twitter, Foren und anderen Social Media verbinden sie sich und teilen neueste Nachrichten, Bilder, Artikel und Video-Interviews ihrer favorisierten Bands. Sie bilden quasi ihre eigenen kleinen und spezialisierten Nachrichtenagenturen. Zuweilen können Künstler sogar schon eigene, von Fans editierte, Wikis vorweisen. Auf der großen Spielwiese des World Wide Web ist alles möglich. Wer braucht da noch MTV?

 „Video killed the Radio Star“, sangen die ‚Buggles’ 1981 als MTV in den Staaten auf Sendung ging. Sie thematisierten in dem Lied das Aufkommen des Musikvideos und wie jenes wohl das veraltete Radio verdrängen würde. Mittlerweile heißt es: Ein Medium verdrängt niemals ein anderes, sie ergänzen sich lediglich gegenseitig und so wird wahrscheinlich auch die Musik nicht komplett aus dem Fernsehen verschwinden. Sie wird heutzutage eben nur vorrangig in einem anderen Medium konsumiert.

Liebes MTV: Unsere gemeinsamen Stunden meiner Jugend werde ich nie vergessen – sie haben mich geprägt. Aber du hast stark nachgelassen. Vor vier Jahren kehrte ich dir deshalb den Rücken und nun lasse ich dich komplett fallen. Du hast dich selbst zu einer leeren Worthülse degradiert. Das Bezahlfernsehen erwartet dich mit geladenen Waffen. Du bist tot. Du weißt es nur noch nicht. Wer braucht dich noch? Uns ältere musikinteressierte Zuschauer hast du mit deinen unterirdischen Realityshows vor den Kopf gestoßen. Und die Eltern deiner zuletzt anvisierten Zielgruppe werden es sich zehn Mal überlegen, ob sie ihren quengelnden Teenies ein Bezahlpaket spendieren.

Mainstream ist mir ein Gräuel. Mein Herz schlägt abseits der kommerziellen Massenmusik. Ich liebe Musik – sie ist sinnlich, sie ist Kunst. Ich identifiziere mich über die Musik, die ich höre. Sie ist meine Luft – ohne sie kann ich nicht atmen. Ja, ich bin passionierter Fan und deshalb wird der Fernseher zukünftig in Sachen Musik auch nur noch für Kulturzeit, Tracks oder Pop around the Clock eingeschaltet.

Heute sitze ich also wieder auf dem Sofa, aber statt meines alten Freundes MTV, ist es der Laptop auf meinem Schoß, dem meine komplette Aufmerksamkeit gilt: Ich surfe auf YouTube, klicke mich durch tape.tv und gehe meinen Facebook-Freunden auf die Nerven, weil ich ständig Musikvideos verlinke. Danach checke ich Bandforen und kommuniziere via Twitter mit anderen „die-hard-Musern“, verrückten Editors-Fans, White-Lies-Fanatikern und Placebo-Liebhabern. Also stimmt es ja doch irgendwie: Internet killed the Video Star.

Sabrina Timm

 

 
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Die Texte dieses TV-Dossiers sind im Rahmen der Projektwerkstatt "Zukunft des Fernsehens" mit 10 Studentinnen der Studienrichtung Kulturjournalismus an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation in Hamburg entstanden
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