Macromedia Hochschule

Dossier "Zukunft des Fernsehens"

09.03.2011 | 13:13

Vielseitig wie ein Schweizer Taschenmesser

Recherchieren, drehen, Fragen stellen, schneiden, vertonen, Online stellen - wofür einst ein vielköpfiges Team notwendig war, wird heute nur noch eine Person gebraucht. Das glauben zumindest Lokal- und Internetsender zunehmend. „VJ“, „Videojournalist“, heißt die scheinbar kostengünstige Patentlösung. Doch bei der One-Man-Lösung bleibt die journalistische Qualität oft auf der Strecke.

 „Nur noch einen kurzen Moment, dann kann es los gehen“, sagt Gunnar Knudsen und zoomt noch einmal mit der Kamera an seinen Interviewpartner heran. Dieser wird langsam ungeduldig, schaut immer wieder nervös auf seine Uhr. „Gestern war ein Team vom NDR hier“, erzählt er. „Die waren zu Dritt.“ Gunnar Knudsen bringen solche Äußerungen schon lange nicht mehr aus der Ruhe. Ein letztes Mal dreht er am Schärfering und drückt auf „Aufnahme“. Dann nimmt er das Mikrofon in die Hand und tritt vor die Kamera. „Es wäre nett, wenn Sie sich jetzt nicht mehr bewegen“, sagt er mit routiniertem Lächeln zu seinem Gegenüber. „Ich kann das Bild nämlich nicht mehr korrigieren, während ich mit Ihnen spreche.“ Dann stellt er die erste Frage.

Gunnar Knudsen ist „VJ“, ein Videojournalist. Seit einem halben Jahr ist er Volontär bei greencaptal.tv, einem neuen Internetfernsehsender, der sich ausschließlich mit ökologischen Themen beschäftig. Mit zahlreichen, kurzen Videos will die Internetplattform Hamburg als Umwelthauptstadt 2011 begleiten. Das Budget ist begrenzt. Für 1000 Euro im Monat leistet der 29-Jährige täglich die Arbeit, die bei klassischen Fernsehsendern von einem mehrköpfigen Team bewältigt wird.  Von der Recherche bis zum fertigen Beitrag auf der Internetseite liegt alles in Knudsens Hand.

Dabei ist ein Volontariat eigentlich eine Ausbildung. Doch davon ist bei dem studierten Medienwissenschaftler nichts zu spüren. Außer seinem Chef war er mehrere Monate lang der einzige Mitarbeiter, war wochenlang ohne Anleitung auf eigene Faust unterwegs. Doch was Arbeitsrechtlern sauer aufstößt, scheint ihn nicht zu stören: „Am Besten lernt man in der Praxis“, sagt er, während er das eben geführte Interview in der Redaktion schneidet.

Mittlerweile ist hier einiges los. Seit der Sender im Herbst 2010 auf Sendung gegangen ist, hat sich vieles verbessert. Zusätzlich zu Gunnar Knudsen wurde ein weiterer Volontär eingestellt. Sogar eine Praktikantin gehört nun zum Team. „Als ich bei greencapital.tv angefangen habe, hatten wir nicht mal eine eigene Redaktion“, erzählt er. Die ersten Monate lang teilte er sich die Räume mit dem Hamburger Lokalfernsehsender „Hamburg 1“. Er, seine brandneue Kameraausrüstung und das weiße Mikrofon mit dem grünen Aufdruck: Aus mehr schien der Sender zunächst nicht zu bestehen.

Mittlerweile hat greencapital.tv einige Räume in der Hafencity gemietet. Seine Kameraausrüstung muss Gunnar Knudsen nicht mehr mit Bus und Bahn transportieren, sondern kann sie bequem in einem gemieteten Smart verstauen. „Es geht einfach die ganze Zeit bergauf“, freut sich der 29-Jährige. Eine Ausbildung bei einem klassischen Fernsehsender wäre für ihn nie in Frage gekommen. „Ich wollte unbedingt bei etwas ganz Neuem dabei sein und meine eigenen Ideen bringen. Und wenn die Sache gut läuft, geht es bei greencapital.tv für mich bestimmt nicht auf der Karriereleiter runter“.

Doch ob der Sender wirklich Zukunft hat, steht noch lange nicht fest. Gunnar Knudsens Vertrag läuft Ende Dezember 2011 aus. Dann gibt auch Hamburg den Titel „Umwelthauptstadt“ wieder ab. Ob es greencapital.tv dann noch geben wird? „Ökologische Themen werden in den Medien immer präsenter“, meint Knudsen. Er glaubt fest daran, dass sein Job sicher ist. Und wenn nicht? „Dann arbeite ich einfach woanders. Als Videojournalist bin ich für Sender genauso nützlich, wie ein Schweizer Taschenmesser. Ich bin überall einsetzbar.“

Recherchieren, Interviews führen, drehen, schneiden, texten und Online stellen: Das sind die Dinge, die der Medienwissenschaftler beherrscht. Vieles davon hat er sich selbst beigebracht. Bald soll auch noch das Vertonen dazukommen. Sprachtraining hat er bereits seit einigen Monaten.

Gleich wartet sogar noch eine ganz besondere Aufgabe auf ihn: Die erste Magazinsendung soll entstehen. Die aktuellen Videos der Woche sollen in einer dreiminütigen Sendung vorgestellt und verlinkt werden. Das Gemeinschaftsbüro wird für einige Stunden zum Fernsehstudio. In der Ecke des Raumes ist eine grüne Wand aufgebaut. Davor ein kleiner Tisch für den Moderator. Gunnar Knudsen und sein neuer Kollege bauen zusammen die Kamera im Büro auf. Auf dem Schreibtisch liegt die Schminke für den Moderator bereit. Auftragen muss er sie selbst. Noch bevor die Kamera angeschlossen ist, steht Arne Bremer in der Tür. Normalerweise moderiert er das „Frühcafe“ auf Hamburg 1. Heute wird er außerdem zum Gesicht von „greencapital.tv“. Seinen Text liest er von einem überdimensionalen Zettel ab, den die Praktikantin über die Kamera hält. Gunnar Knudsen dahinter und gibt gleichzeitig Anweisungen an den Moderator. Genau wie ein Regisseur. Eine weitere Aufgabe also, für die normalerweise eine eigene Berufsgruppe verantwortlich ist.

Doch kann ein einziger Mensch wirklich die Aufgaben erfüllen, für die sonst ein ganzes Team zuständig ist? „ Wenn alles in einer Hand ist, kann man viel mehr von den eigenen Ideen mit einbringen“, sagt Knudsen, gesteht sich jedoch auch ein: „Die Qualität leidet natürlich manchmal schon. Oft ist man mit der Technik so beschäftigt, dass man dem Inhalt nicht ganz gerecht werden kann.“ Besonders bei Interviews wird ihm das immer wieder deutlich. „Wenn ich mich vor die Kamera stelle, bewegt sich der Gesprächspartner meistens unbemerkt aus dem Bild. Wenn ich hinter der Kamera bleibe, beschäftigt mich das Bild manchmal so sehr, dass ich dem Gesprächspartner kaum zuhören kann.“ Rückfragen seien so kaum möglich.

Trotzdem: Am Ende des Tages ist die Sendung im Kasten. Es ist 22 Uhr, alle Videos sind geschnitten und hochgeladen. Jetzt geht es für Gunnar Knudsen endlich in den Feierabend. „Eigentlich müsste ich mich jetzt noch auf das Interview vorbereiten, das ich morgen früh führe“, meint er. „Doch dafür hab ich leider keine Zeit.“

Elisa Dullweber

 
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Die Texte dieses TV-Dossiers sind im Rahmen der Projektwerkstatt "Zukunft des Fernsehens" mit 10 Studentinnen der Studienrichtung Kulturjournalismus an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation in Hamburg entstanden
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