Polka, Schlager, Electro; die unterschiedlichsten Musikrichtungen treffen alljährlich beim Eurovision Song Contest aufeinander. Für das Fernsehen ist das ein Riesenereignis mit Millionenpublikum. Der ESC bewegt die Massen – heute mehr denn je?
Seit 1956 der erste Gran Premio Eurovisione della Canzone Europea in Lugano (Schweiz) stattfand, fesselt er einmal im Jahr Millionen Zuschauer in ganz Europa. Im Jahr 2010, dem Jahr von Lenas Triumph, schauten zu Spitzenzeiten 15 Millionen Deutsche zu – mehr als bei den ersten Spielen der Deutschen Nationalmannschaft zur Europameisterschaft 2008. Deutschland war bisher immer dabei bis auf 1996, als sich Leon mit Blauer Planet nicht qualifizieren konnte. Zwei Siege fuhren wir ein: 1982 überzeugte Nicole mit Ein bisschen Frieden, der aktuelle Sieg von Lenas Satellite ist uns noch bestens im Gedächtnis.
Jan Feddersen ist als langjähriger ESC-Fan und ARD-Blogger Experte für das Thema Eurovision Song Contest. Seit seiner frühesten Kindheit verfolgt er das Spektakel, seine Meinung ist gefragt. Im Telefoninterview erklärt er, warum gerade der ESC so ein großes Fernsehereignis ist: "Der ESC hat eine extreme Tradition, ist europäisch und bietet einen hohen Identifikationsfaktor in jedem Land für das eigene Land. Dazu ist es unterhaltsam und spannend und bietet gute Musik. Es ist irgendwo auch Sport und gleichzeitig die größte Unterhaltungsshow des Jahres für alle daran beteiligten Sender." Beteiligt sind die jeweiligen Rundfunkanstalten des Teilnehmerlandes, bei uns die ARD mit allen zugehörigen Radiosendern. Im Jahr 2011 findet der Contest zum dritten Mal in Deutschland statt. Traditionell trägt der Sieger des Vorjahres die Endrunde aus, in den Anfangsjahren bestand diese Regelung noch nicht, weshalb Deutschland den zweiten Wettbewerb der Geschichte austragen durfte.
Doch entgegen seines Rufes war der Eurovision Song Contest nie wirklich ein Wettbewerb für Komponisten. Feddersen: "Das war schon immer falsch. Es ist ein Event, das im Fernsehen stattfindet, und insofern waren immer die Bilder entscheidend, die Anmutung einer Performance." Es geht ums Gucken und Begutachten. "Hätte man wirklich nur einen reinen Komponistenwettbewerb machen wollen, hätte man ins Radio gehen müssen. Ich will damit sagen: Mit Waterloo von Abba hat 1974 eine schwedische Komposition gewonnen, aber das gleiche Werk von Cindy und Bert, damals die Teilnehmer für Deutschland, hätte garantiert nicht gewonnen. Es liegt immer auch an Performances, weil es eben auch Fernsehen ist."
Die musikalischen Einflüsse lösten sich über die Jahre gegenseitig ab. Zunächst gab es aus deutscher Sicht eine Probephase bis Ende der Fünfziger, danach kamen die Ausläufer der frankophonen Phase bis etwa 1966. Die britische Phase des Pops reichte bis zum Ende der Siebzigerjahre, danach kam für Deutschland die große Krise – trotz Ralph Siegel. Um 1993/94 gab es dann eine Osteuropäisierung und mittlerweile ist es ein Pop-Event.
Dass der ESC zwischenzeitlich fast ausschließlich von Homosexuellen verfolgt worden sei, kommentiert Feddersen folgendermaßen: "Viele schwule Männer haben immer geguckt. Weil der Mainstream der Popmusik der Sechzigerjahre bisher immer entweder ein Mädchenmainstream oder ein Hetero-Macker-Mainstream war." Der Mainstream hat den ESC immer ein bisschen gemieden. In diese Nische wurde sich zurückgezogen und irgendwann kam die Phase, in der sich alle geoutet haben. "Dabei ist es geblieben. Die Fan- und Funktionärsstruktur ist zu 95 Prozent schwul. Daran hat sich nichts geändert."
Immer wieder wird das Abstimmungsverfahren des ESC verändert. Mittlerweile entscheidet zu 50 Prozent eine Jury aus der Musikbranche, zu 50 Prozent das Publikum, an welche Länder wie viele Punkte vergeben werden. Damit sollen Schiebereien zwischen den Ländern vermieden werden. Bis das Televoting eingeführt wurde, entschied nur eine Jury. So lange ist es auch noch nicht her, dass das Publikum am heimischen Fernseher mitentscheiden darf. Das Voting wurde erst Ende der Neunziger eingeführt und hat den Contest spürbar belebt. Dadurch ist auch die Anfälligkeit für Punkte-Schiebereien geringer geworden. Feddersen gefällt das neue Abstimmungssystem: "Es finden immer kleine Korrekturen statt, denn es gibt kein perfektes Abstimmungssystem. Es geht darum, eines zu haben, das alle akzeptieren, und beim Televoting gab es am Ende ein Akzeptanzproblem. Viele hatten das Gefühl, sie haben so dann keine Chance mehr."
Nicht nur das Abstimmungssystem ist relativ neu, auch die Semifinals gibt es noch nicht allzu lange. Bis auf die gesetzten Big Four (Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Spanien; eventuell wieder Italien), die die höchsten Quoten für den Contest bringen und deshalb nicht in den Vorentscheid müssen, und den Vorjahressieger und somit Gastgeber müssen die Teilnehmer sich in einer Vorauswahl behaupten. Das liegt vor allem am stetigen Zuwachs, den der ESC bekommt. Schließlich ist jedes Land teilnahmeberechtigt, das Mitglied im Europäischen Rundfunkverband ist. Dazu zählt zum Beispiel auch Ägypten.
Mittlerweile ist der Eurovision Song Contest ein Riesenevent, das sich nicht mehr durch kleine Studios refinanzieren lässt. Es bedarf der richtig großen Hallen, wie zum Beispiel 2011 das Düsseldorfer Stadion. Mit dieser Wahl ist Feddersen äußerst zufrieden: "Es ist schön unauffällig und unglamourös. Große Halle, gute Arbeitsbedingungen."
Außer den großen Sportevents wie Olympia oder der Fußball-Weltmeisterschaft gibt es keine Veranstaltung, die so wichtig für das Fernsehen ist. Zwar gibt es den Junior Eurovision Song Contest, doch an diesem nahmen 2010 nur 14 Länder teil, Deutschland war noch nie dabei. Feddersen hält nichts von dieser Veranstaltung: "Das ist eine Pädosexuellenveranstaltung. Den kann man abschaffen. Ich bin dafür, dass Kinder ab abends um sieben im Bett sind und nicht auf der Bühne." Wahre Worte. Der ESC bleibt also im Kultursektor das einzige internationale musikalische Großevent. Deutschland hat 2011 die Chance, ihn wieder unvergessen zu machen.
Pia-Kim Schaper
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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