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Im Film « Na Putu » der bosnischen Regisseurin Jasmila Zbanic, der im diesjährigen Wettbewerb der 60. Berlinale lief, werden verschiedene Themen angesprochen, wie die Traumaverarbeitung nach dem Krieg und die Veränderungen einer zerrissenen Gesellschaft. Im Mittelpunkt steht jedoch die Studie einer Paarbeziehung.
Luna, überzeugend gespielt von Zrinka Cvitesic, dem kroatischen Shootingstar der Berlinale 2010, ist Stewardess und seit einiger Zeit mit dem Fluglotsen Amar (Leon Lucev) liiert. Ihr Kinderwunsch blieb bisher unerfüllt und auch die Trunksucht und der damit verbundene Arbeitsplatzverlust von Amar belasten die Beziehung. Durch die zufällige Begegnung mit einem ehemaligen Kriegskameraden, beginnt der junge Mann sich jedoch zu verändern. Er wird Teil einer orthodox islamischen Gemeinschaft, die sich sektenartig an einen See zurückgezogen hat und dort eine fromme Lebensweise, ohne Fernsehen, Handy und Internet und mit strenger Geschlechtertrennung praktiziert.
Luna findet diese neue Gemeinschaft mehr als befremdend und kann sich damit in keinster Weise identifizieren. Trotzdem sieht sie auch den positiven Wandel in ihrem Freund, der viel ruhiger geworden ist und nicht mehr trinkt.
Der Film schildert welchen Herausforderungen ein Paar sich stellen muss, wenn ein Partner sich plötzlich in eine andere Richtung entwickelt. Wie lang kann der Andere dabei zusehen, ohne sich selbst zu verändern oder den Partner aufhalten zu wollen? Amars Wandel ist sehr ausgeprägt, so mutiert er vom lustigen Schluckspecht zum ernsten Sinnierer, vom Kriegstraumatisierten zum frommen Beter. Zwangsläufig stellt sich dann die Frage, ob Liebe wirklich das Einzige ist, was in einer Beziehung zählt. Diese etwas zu einfache Sicht verkörpert Amar, der immer wieder zu Luna zurückkehrt um ihr zu sagen: „Ich liebe Dich und Du mich, alles andere spielt keine Rolle.“ Und wenn auch zögerlich, versucht er dennoch Luna von seiner neuen Denkweise zu überzeugen: sich dezenter zu kleiden, ihre Beziehung durch eine Heirat zu legitimieren, usw.
Luna bleibt sich treu, lebt ihren muslimischen Hintergrund nur durch Traditionen wie dem Zuckerfest in ihrer Familie und bei ihrer Grossmutter, doch wird sie durch die Veränderungen zunehmend verwirrt und kann ihre eigene Anschauung nur schwerlich gegenüber anderen verteidigen. Als eine vollverschleierte Frau aus Amars Gemeinschaft sie mit ihrem Hass auf den „Westen“ bombadiert, bleibt sie stumm, und als ihre Freunde Amar als „abgedreht“ bezeichnen, verteidigt sie ihn.
Leider bleibt Amars Figur unterwickelt, man versteht nur schwer, was ihn an den dunklen bärtigen „Brüdern“ so fasziniert und auch das Camp am See bedient nur die gängigen Vorurteile über Muslime. Auch die Veränderungen in der bosnischen Gesellschaft durch den Krieg bleiben zu sehr an der Oberfläche und geben der Polarisierung liberaler Westen contra rückständiger Islam zuviel Raum.
Alles in allem hätte die Geschichte auch einen anderen Hintergrund haben können, um die Herausforderungen und Schwierigkeiten einer modernen Paarbeziehung aufzuzeigen. So fällt die Geschichte in die Riege der Filme über den Islam, die in diesem Jahr zahlreich auf der Berlinale vertreten waren, auch wenn die Regisseurin einen Film über ihre eigene Gesellschaft drehen wollte.
Mia Paradies
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Schön "geradeaus" geschriebene Bewertung über eine Film der die verdeckte neuere europäische Nachkriegskultur zum Thema hat. Ob es nur die Ausprägung des liberalen bosnischen Islams ist die Schwierigkeiten mit den Lebensweisen in den konsum-orientierten post-industriellen Ländern hat, oder nicht auch die konservativ-christlichen Gesellschaften, wird sich noch erst zeigen. Insofern ist es bestimmt für einige ein sehr interessanter Film der an der Oberfläche europäischer Kultur-Vielfalt kratzt.
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Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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