Rompecabezas : Argentinisches Kino im Wettbewerb der 60. Berlinale
Manchmal kann ein Geschenk der Beginn eines neuen Kapitels im Leben eines Menschen sein. So ist es auch bei Maria del Carmen (gespielt von Maria Onetto) im Film „Puzzle“ der argentinischen Regisseurin Natalia Smirnoff.
Der Titel ist äußerst treffend gewählt. Schon gleich zu Beginn des Filmes bekommt der Zuschauer nur kleine Ausschnitte aus dem Leben der Protagonistin zu sehen: Hände, die Teig kneten, ein Hähnchen, das in den Backofen geschoben wird. Die ständigen Nahaufnahmen drücken die Liebe zum Detail von Kamerafrau Barbara Alvarez aus und verschwimmen gleich darauf wieder zu unscharfen Eindrücken, womit sich das Filmpuzzle nur langsam zusammensetzt. Nach einigen Minuten erkennt man, dass Maria sich nicht gerne in den Mittelpunkt stellt. Ihre Aufgabe sieht sie darin, sich um das Wohl der anderen zu kümmern, insbesondere das ihrer Familie. Selbst auf ihrer eigenen Geburtstagsfeier ist sie mehr Bedienung als Gastgeberin.
Kaum haben sich diese ersten Filmteile zusammengesetzt, zerfällt symbolisch das erste Puzzle: ein Teller zerbricht in viele Stücke und gibt das Startzeichen für einen langsamen Wandel in Marias Leben. Geduldig und liebevoll klebt sie das kaputte Geschirr wieder zusammen und findet sodann auch Gefallen an einem Ravensburgerpuzzle, das sie zum Geburtstag bekommen hat. Es ist ein Bild der ägyptischen Königin Nofretete. Rein intuitiv, ohne besondere Methode, setzt Maria innerhalb nur eines Tages die Einzelteile wieder vollständig zusammen. Von ihrem verborgenen Talent überrascht, erwacht ihre Puzzleleidenschaft.
Vielmehr wäre in diesem Film wohl nicht passiert, würde Juan (Gabriel Goity), ihr so liebevoll zuvorkommend wirkender Mann, das Puzzeln nicht als reine Zeitverschwendung sehen. So bevorzugt Maria heimlich neue Spiele zu kaufen und auszuprobieren. Die Beziehung der Eheleute ist so liebevoll wie paradox: obwohl kein böses Wort fällt, drückt Juans herablassende Art aus, wo der Platz seiner Frau ist: in der Küche und bei der Familie. Während er im Laden arbeitet und mit jungen Mädels scherzt, bereitet sie zu Hause alles für ihn und die schon erwachsenen Söhne vor. Ihre Liebe drückt sich besonders durch das Essen aus, das sie für ihre Familie mit viel Hingabe herrichtet. So verwundert es nicht, dass die Versuche ihrem neuen Hobby nachzugehen, äußerst zaghaft ausfallen und sie vieles im Geheimen tut. Unterschwellig fühlt man ihre Angst vor dem Nichternstgenommenwerden.
Wie gut sie wirklich ist, merkt Maria erst, als sie Roberto trifft, der per Anzeige eine Partnerin für Puzzleturniere sucht. Der gut betuchte ältere Casanova mit Geschmack beeindruckt Maria gewaltig, doch auch er ist fasziniert von dieser rätselhaften Dame, die scheinbar mühelos knifflige Bilder zusammensetzt. Eine wahre Puzzlemania erfasst Maria und lässt sie Geschichten erfinden, um die Vernachlässigung ihrer Haushaltspflichten und die Besuche bei Roberto zu verbergen. Ihrer Rolle als Haushälterin kann sie sich jedoch nicht wirklich entziehen und sucht den Kontakt zu Robertos Hausdame Carmen.
So ist dieser Film vor allem ein Spiegel der argentinischen Gesellschaft und der darin noch immer vorhandenen traditionellen Rollenaufteilung und Erziehung. Diese scheint weniger aufoktroyiert als vielmehr erlernt und schwierig zu revidieren. Maria braucht lange, um etwas für sich selbst einzufordern und tut dies auch nur über Umwege. Juan bemüht sich um Interesse und Verständnis für das neue Hobby seiner Frau, ohne sie jedoch wirklich ernst zu nehmen. Und auch am Ende hat Maria erst den Anfang in ein selbstbewussteres Leben geschafft, zur Puzzle-Weltmeisterschaft nach Deutschland traut sie sich dann doch nicht.
Natalia Smirnoff hat viel Herzblut in ihren ersten eigenen Spielfilm gesteckt, an dem sie fünf Jahre gearbeitet hat. Er überzeugt durch seine intelligente Art, die Botschaften vermittelt, ohne sie direkt auszusprechen und viel Interpretationsspielraum lässt. Einer der wenigen Frauenfilme auf der 60. Berlinale, dessen gesamter Blickwinkel die Sicht der Protagonistin widerspiegelt.
Mia Paradies
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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