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Blog von Mia

01.03.2009 | 18:37

Von Afghanistan nach Korea: Deutsche Dokumentarfilme auf der Berlinale

Von Mia Paradies

Ein Filmfestival ist immer eine gute Gelegenheit Dokumentarfilme zu sehen, die im Kino doch recht selten laufen. Auf der 59. Berlinale waren in diesem Jahr drei brandneue deutsche Dokumentarfilme vertreten, die das Publikum in teils fremde und teils vertraute Welten entführten.

Mein Herz sieht die Welt schwarz – Eine Liebe in Kabul

Die knapp 70 Jahre alte Regisseurin, Helga Reidemeister, hat mit viel Enthusiasmus, Engagement und einem knappen Budget die Liebe zweier Menschen in Afghanistan portraitiert. Die Dreharbeiten, die sich über die letzten fünf Jahre hinzogen, fanden unter nicht ungefährlichen Bedingungen statt und zeigen neben der eigentlichen Geschichte, auch das traurige Gesicht eines Landes, das in letzten Jahrzehnten unter dauerhaftem Krieg gelitten hat.

Im Mittelpunkt des Filmes steht die Liebe zwischen Hossein und Shaima, die sich schon seit ihrer Kindheit kennen und lieben. Doch die Umstände des durch Unruhen geschüttelten Landes  trennen ihre Wege: Hossein schließt sich den Taliban an, weil er keine andere Möglichkeit sieht, Geld zu verdienen. Er zieht in den Krieg, wird schwerverletzt und kehrt als gelähmter Mann zurück, der sich kaum selbst bewegen kann. In der Zwischenzeit wird Shaima von ihrem Vater an einen Mann als vierte Ehefrau verheiratet. Sie hat keine Wahl, weder Flucht noch Selbstmordversuch helfen ihr. Erst als ihr Ehemann das Brautgeld nicht zahlt, holt ihr Vater sie zurück, doch sie bleibt eine verheiratete Frau mit Kind. Ein Zusammenleben mit Hossein ist unmöglich geworden. Gegen den Willen der beiden Familien, sehen sich Shaima und Hossein so oft sie nur können und träumen von der Zukunft ihrer unmöglichen Liebe.

Der Film besticht vor allem durch die Bilder des Kameramannes Lars Barthel, der mit seinen vielen Groß- und Nahaufnahmen eine besondere Nähe zu den Protagonisten herstellt. Man fühlt sich in diese vollkommen fremde, durch extreme Armut und uralte Stammesgesetze geprägte Welt versetzt, in der junge Frauen wie Waren gehandelt und zur Heirat für Brautpreise um die 2500 Euro regelrecht verkauft werden. Trotzdem fällt der Film kein Urteil, er beobachtet und bezeugt, wie Männer und Frauen in einer unveränderbaren Ordnung gefangen sind, aus der es scheinbar kein Entrinnen gibt. Die äußeren Umstände, die ständigen Kriegshandlungen und das Leben am Rande der Existenz, zwischen Schlamm und Dreck, ohne Strom, Wasser und Möbel, tragen ihr Übriges zur Situation bei.


Da funkeln die kristallklaren blauen Augen von Shaimas Tochter Sabna  in dieser tristen Umgebung wie zwei Edelsteine der Hoffnung auf. Shaima und Hossein haben keine Scheu vor der Kamera. Trotz ihres harten Schicksals, sind sie erstaunlich optimistisch und gelassen. Sie beklagen sich nicht und ihre Ansprüche sind minimal: sie wollen einfach nur zusammen glücklich sein. Reidemeisters Film gibt einen Einblick in eine Welt, die wir hier in Deutschland nicht kennen und zeigt, dass die Wünsche und Sehnsüchte der Menschen überall gleich sind.

Endstation der Sehnsüchte

Um Sehnsüchte geht es auch im  Film der koreanischen Regisseurin Sung-Hyung Cho, die seit 20 Jahren in Deutschland lebt und mit einem Deutschen verheiratet ist. Neugierig geworden durch die  Erforschung der Geschichte ihrer Mutter, eine der ersten koreanischen Gastarbeiterinnen in Deutschland, beschloss sie, einen etwas anderen Film zum Thema Integration und Heimat zu machen.

Drei Koreanerinnen, die in der 70er Jahren als Krankenschwestern nach Deutschland kamen und deutsche Männer heirateten, erzählen ihre Geschichte der Auswanderung und der Sehnsucht nach der alten Heimat. Im Rentenalter erfüllen sie sich ihren sehnlichsten Wunsch und gehen, gemeinsam mit den Ehemännern, zurück nach Korea in das sogenannte deutsche Dorf. So wird die Symbiose zwischen Deutsch und Koreanisch  unauflösbar, hier wie dort haben sie Brücken gekappt und Wurzeln geschlagen, Altes verworfen und Neues angenommen ohne das Ursprüngliche je vergessen zu können.

Mit sehr viel Humor erzählt sich diese Geschichte, in der vor allem die deutschen Zuschauer in der ersten Stunde kaum aus dem Lachen herauskommen. Dies liegt vor allem an der Art, wie die drei Ehemänner, alle weit über 70, mit ihrem hessischen bzw. Mainzer Dialekt und ihrer Vorliebe für Pünktlichkeit, Ordnung und Genauigkeit das Leben im Land auf der anderen Seite der Erdkugel kommentieren. Dort fällt ihnen die Integration mindestens genauso schwer wie ihren Ehefrauen damals in Deutschland, denn trotz hübscher Häuschen aus deutschen Material, die aussehen wie aus einer rheinischen Vorstadt, sind sie die einzigen Deutschen hier, der Rest des Dorfes ist reine Touristenattraktion.

Willi, der Älteste, ist der Einzige, der ernsthaft versucht sich zu integrieren: mit seiner Frau beteiligt er sich an allen koreanischen Aktivitäten, obwohl er kaum ein Wort der Sprache versteht. Den beiden anderen scheint die Mentalität und Lebensweise noch viel fremder, Gespräche mit den Nachbarn verlaufen in Zeichensprache oder mit ein paar Brocken Englisch und die Verwandten kommen an Neujahr zu Besuch, um sich vor ihnen auf den Boden zu werfen. Das ist so befremdlich, dass man lieber zum gelernten Beruf zurückkehrt und im hohen Alter deutsche Würste für die neue Heimat produziert.

Auch die Geschichte der drei Frauen stimmt nachdenklich: sie kamen nicht unbeschwert nach Deutschland, ließen Kinder und Familien zurück, die nichts mehr mit ihnen zu tun haben wollten. Ihre Sehnsucht nach der Heimat wurde jedoch im Laufe der Jahre immer stärker. Nun sind sie zurückgekehrt in eine deutsch-koreanische Mischwelt, die genau wie sie nirgends so richtig hinpasst. Die Frauen sitzen in ihrem Haus am Eichenküchentisch und essen Vollkornbrot und Bockwurst, dann gehen sie zum Knoblauchfestival und tanzen in koreanischer Tracht. Der Zuschauer fühlt gut nach, wie schwer es für Einwanderer sein muss, mit einem so anderen Leben klarzukommen, egal ob in Deutschland, Korea oder sonstwo auf der Welt. Die Frage, was Heimat ist, muss wohl jeder für sich selbst beantworten.

Die koreanische Hochzeitstruhe

Nirgendwo sonst auf der Welt ist die eigentümliche Mischung zwischen Tradition und Moderne so ausgeprägt wie in Südkorea. Die Filmemacherin Ulrike Öttinger bringt diese anhand der Beobachtung der koreanischen Hochzeitsbräuche zum Vorschein.  Mit ethnologischem Ansatz verfolgt die Kamera die verschiedenen Akteure und Orte, die bei einer Heirat impliziert sind: angefangen von der tanzenden Schamanin, über spezielle Hochzeitsläden, die die traditionelle Hochzeitstruhe vorbereiten, verpacken und überbringen bis hin zu riesigen Trauungspalästen und den traditionellen Familienriten, wie der Teezeremonie.

Die Brautpaare befinden sich bei dem marathonähnlichen Hochzeitsprozess, der sich über mehrere Wochen hinzieht, in einem ständigen Wechselspiel zwischen typisch westlichen Heiratsbräuchen und der althergebrachten Tradition. Alle Vorbereitungen werden akribisch genau und mit größter Sorgfalt getroffen, Kleider geschneidert, Festsäle vorbereitet, Einladungen und Sitzordnungen organisiert. Als dann die eigentliche Trauung endlich stattfindet, wird wie in Deutschland die Braut im weißen Kleid mit Schleier zu Lohengrins Brautlied von ihrem Vater vor den Altar (der nicht immer in einer Kirche steht) geführt , der Bräutigam kommt natürlich im schwarzen Anzug.

Die anschließende Feier ist eine Mischung aus Gästen in traditionellen koreanischen Kleidern, moderner Popmusik, Luftschlangen und köstlichem koreanischen Essen.  Eine Hochzeit ohne dieses teils paradox anmutende Brimborium ist nahezu undenkbar und in jeder Familie sind die Fotoalben der Hochzeitsfeier der Kinder der größte Stolz.

Ein wirklich interessanter Film, in dessen Abspann Öttinger noch eine ganze Reihe Fotos von koreanischen Hochzeiten seit Beginn des 19. Jahrhunderts zeigt, die dokumentieren, dass sich gewisse Dinge eben nie ändern.
 
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oi2503 hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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Uwe Theel hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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oi2503 hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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blog1 hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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gewissen hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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