miauxx

Inhalt vor Stil!

02.05.2011 | 00:45

1. Mai, Berlin und das MyFest: Lieber Party und Geschäfte als Politik

Die Kreuzberger hatten die Gewalt satt. Schon seit einigen Jahren gibt es also am 1. Mai zwischen Mariannen- und Oranienplatz in Berlin-Kreuzberg das sogenannte MyFest. Zuerst eine Präventionsmaßnahme. Würstchenbraten, Dürüm, Bier in Plastebechern und unbeschwerter Multikulti-Sound gegen brennende Autos, zerdroschene Fensterscheiben und nächtewährende 'reclaim-the-street' - Spiele im Gefolge einer suspekten "Revolutionären 1. Mai Demonstration".

Nun, man kann mit allem Recht die Ziel- und Schlagrichtung der alljährlichen Randale infrage stellen. Politischer Protest, der aus Sicht radikaler Linker freilich nicht handzahm daher kommen kann, verkam offenbar zu einer Tradition lustig-abenteuerlichen Straßenkampfes. Motive mussten nicht mehr her - die Klopperei mit der Staatsgewalt war die notwendige Ergänzung eines 1. Mai-Abends in Berlin.

Nun hat Kreuzberg also eine Gegenmacht geschaffen. "Mein Fest" ist das Bekenntnis der Anständigen.

Doch Moment - haben wir nicht eigentlich den 1. Mai? Nicht einen Kampf- und Feiertag der Arbeitenden oder derer, die gerne arbeiten würden?

Nichts gegen ein Bekenntnis gegen sinnlose Gewalt. Aber ein Gegen-Fest, dass jede politische Äußerung, die einem 1. Mai zustünde, beiseite wischt? Sozusagen ein beliebiges Volksfest nach Berliner Art? Gute Geschäfte gibt es obendrein - und wenn es ein erhöhter Aussichtspunkt für Fotografen ist, den man für 1 € an Schnappschußwillige vermietet. (im letzten Jahr habe der findige Geschäftetreiber damit gut 200 € gemacht)

Nun muss man den 1. Mai freilich nicht ausschließlich als  Aufforderung zu strenger Demonstration verstehen. Nichts spricht gegen den Würstchenstand und Musikbühnen. Das MyFest aber hat gar nichts von der Tradition des 1. Mai. Es ist genaugenommen ein Affront gegen den politischen Charakter dieses Feiertags. Es wird von Politikern und Medien als gelungene Demonstration gegen Gewalt gepriesen.  Der dort nun "anständig und friedlich" Feiernde ist für den Moment bequem, apolitisch und versprüht und verspürt die leichte Berliner Frühlingsluft der noch kommenden Strassenfeste. - Die bürgerlichen Kreuzberger können dann ja wieder ihre Bürgerversammlungen gegen lärmende Touristen im nahezu vollständig gentrifizierten Wrangelkiez abhalten.

Die Medien, zunächst der lokale RBB, haben jedenfalls ihren Spaß daran - so läßt sich wieder ein schönes Bild vom hippen und sexy Berlin zeichnen. Vorausgesetzt, die "Störer kommen nachher nicht noch hier rüber" (so Reporter Ulli Zelle live vom MyFest in der RBB-Abendschau).

Immerhin fegte heute, einem Pflug gleich, ein kleiner Demonstrationszug gegen Mietwucher und Gentrifizierung durch das dolce vita und das Business des MyFests.

Dieser Blog mag nicht höchsten Ansprüchen genügen und allzu subjektiv klingen. Er wurde aus 'dem Handgelenk' und einer leichten Wut geschrieben. Auf dem letzten Stand der Dinge heute in Kreuzberg bin ich auch noch nicht. All das möge man mir nachsehen!

Aus Berlin, miauxx

Ach so, noch einen Link zur Berichterstattung des RBB: 

tinyurl.com/429pm9j


 

 
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Kommentare
Fro schrieb am 02.05.2011 um 02:16
Ich glaube es wäre sinnvoll in größeren Zeiträumen zu denken. Ein Zeitraum wäre da z.B. von jetzt bis 2013 (BT-Wahl). Es macht m.E. keinen Sinn schon jetzt die Sau raus zu lassen - der richtige Zeitpunkt ist entscheidend: 2013!
Bis dahin sollte man mehrheitsfähige grundlegende Änderungen dieses Systems entwickeln und bewerben - und dafür die von den Bürgern bezahlten politischen Dienstleister bzw Kandidaten in die Pflicht nehmen. Wir Bürger sind der Souverän - der Chef im Lande.
Natürlich ist die jetzige Regierung schon jetzt stürzenswürdig – aber wer soll die Politik statt dieser Versager und Vertrags- und Gesetzesbrecher, und mit welchem Auftrag bestimmen? Bevor das nicht geklärt und organisiert ist, macht es keinen Sinn eine Regierung zu stürzen.
Ich denke dieses Jahr ist würstchenessendes Relaxing noch ok.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 02.05.2011 um 12:07
Grundsätzlich bin ich mit dieser Sichtweise völlig einverstanden. Aber eine 1.Mai-Demonstration oder welche Aktion auch immer würde die Regierung sowieso nicht stürzen... sie würde aber eine andere wichtige Funktion erfüllen, und zwar so etwas wie Übung in politischen Aktivitäten, Testen von seinen Kräften, Ausprobieren von Auswirkungen von einem oder anderem Handeln, Aufbau vom politischen Bewusstsein des Volkes etc. Übung macht den Meister oder so. Wenn man z.B. im Sport eine Weltmeisterschaft gewinnen will, muss man vorher jahrelang trainieren. Aber, wie gesagt, ich schließe mich absolut der Meinung, dass einfach die Regierung zu stürzen und die Macht zu übernehmen absolut nichts bringen wird außer Chaos.

"mehrheitsfähige grundlegende Änderungen dieses Systems entwickeln und bewerben"

Ja, das ist genau das, was wichtig ist und gemacht sein sollte.
Ullrich Läntzsch schrieb am 02.05.2011 um 13:30
Wie wahr!

Auch wenn man aus guten Gründen alle Wut gegen den Kapitalismus teilt, ist individuelle Gewalt - auch in Grüppchen - ausgeübt vielleicht persönlichem Frustabbau dienlich, nur aus 2 Gründen abzulehnen:

1. Die Wirkung aufs Bewußtsein in der real existierenden Medienlandschaft schaft exakt des Gegenteil dessen was der, der die Gewalt ausübt will.

2. Wird mir Angst wenn ich im vorstelle, ein Mensch wie Andreas Baader würde die Macht über die Staatsgewalt ausüben dürfen. Gruselig ...
miauxx schrieb am 02.05.2011 um 17:40
@Fro
"Regierung stürzen"? Nun lassen wir mal die Kirche im deutschen Dorf. Meinetwegen kann man sich auch beim Bier in der Sonne was anständiges einfallen lassen. Aber solange Bier und Würstchen noch locker zu haben sind, wird auch das MyFest 2013 eben nur eine 'Mai-Wiesn' sein, wo man sich anständigerweise eben nicht für den 1. Mai interessiert.

@Lara

Der Sport-Vergleich gefällt mir gut!
Ehemaliger Nutzer schrieb am 02.05.2011 um 19:22
Von mir aus, wenn Bier und Würstchen im Wege der Weltrevolution stehen, dann schließen wir alle Bier- und Würstchenbetriebe zu und die Sache kann ihren Gang nehmen. Das könnte ein Teil des Gesamtkonzeptes sein...
Fro schrieb am 02.05.2011 um 21:43
Ja, statt „stürzen“ würde ich heute lieber „nach Hause schicken“ schreiben.
War wohl noch in 1.Mai-Stimmung. ;-)
Fro schrieb am 02.05.2011 um 21:44
Das sollte an miauxx gehen.
Fro schrieb am 02.05.2011 um 22:03
@Lara

Schön, dass wenigstens du noch revolutionären Enthusiasmus verbreitest.
Heute ist Revolution einfacher denn je. Das Problem ist nur, dass niemand so richtig Lust hat eine zu machen.
Deinen Ansatz, die Würstchen- und Bierfabriken zu schließen oder zu bestreiken, solltest du noch einmal überdenken. Das würde wahrscheinlich zum Bürgerkrieg führen – und ich wäre dann auf der Seite der Bier-und Würstchenliebhaber – bei letzteren allerdings nur aus Solidarität.
Fro schrieb am 02.05.2011 um 22:30
Zur Zeit gibt es Millionen Menschen in Deutschland, die können sich nur sehr sehr selten ein Bier vom Tresen und ein Würstchen leisten, das ist ein Riesenskandal in so einem reichen Land.
Aber die haben sich bisher auch nicht sehr laut zu Wort gemeldet.
Das Argument, nur das materielle Elend würde den Ruf nach Erneuerung laut werden lassen, halte ich für falsch - und darauf zu setzen, für ziemlich unschlau.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 04.05.2011 um 12:22
Na toll, jetzt ham wir den Salat. Miauxx kommt wegen den deutschen Architektur-Nuancen (Kirche im Dorf! So etwas hat die Welt noch nie gesehen!) in Verzweiflung und Fro solidarisiert sich mit Bier am Tresen und Würstchen auf den Barrikaden. Jungs, hört auf zu murren, Ihr habt doch mich, es kann nix schief gehen. Ich schlage mal vor folgende Strategie: Wir bauen die Kirchen in Maßstäbe um... d.h. in die Koordinationsstellen (Stäbe) für maßbewusste und vernunftbegabte deutsche Bürger... und in diesen Koordinationsstellen werden dann die Teilnahmekarten für den Sturm des Kanzleramts und des Parlaments ausgeteilt. Gleichzeitig verbreiten wir intensiv an jeder Ecke die Gerüchte, dass es im Kanzleramt und im Parlament jede Menge Bier und Würstchen gibt... die ganzen riesigen Säle voll von Bier und Würstchen... bis zur Decke. Sie werden aber durch die Regierung von dem Volk fern gehalten. Nun, irgendwann sind die Massen soweit, dass sie das Kanzleramt und das Parlament stürmen. Und wenn sie dann keine Säle mit Bier und Würstchen vorfinden und auf die Idee kommen, dass die Regierung alle diese Leckereien vorsorglich in sich hinein gestopft hat, um das Volk um seine Rechte zu bringen... na ja, das müssen wir gar nicht mitgucken, was dann so alles passiert... wir lehnen uns im Stab bequem an, trinken unser Bier, essen unsere Würstchen und überlassen die Regierung ihrer Schicksal. Na? Was hält Ihr davon?

***************************

Aber okay, jetzt im Ernst. Das ist natürlich möglich, dass die materielle Schwierigkeiten die Menschen zu der Wahrnehmung der Ungerechtigkeiten sensibilisieren und sie dazu bewegen, Widerstand zu leisten. Aber: Immer? Aber: Nur? Ist Armut wirklich eine (einzig mögliche) Kraft, die die Revolutionen bewegt? Materiell gesehen ging es Arbeitern und Bauern in Russland VOR der bolschewistischen Revolution viel besser als DANACH. Und ich meine ja nicht ein paar Jährchen danach, die zwangsweise mit Schwierigkeiten verbunden sind, sondern mehrere Jahrzehnten und dementsprechend mehrere Generationen. Und? Hat es zu einer neuen Revolution geführt, überhaupt zu irgendwelchen nennenswerten Aufständen? Mitnichten.

Es gab in Russland im Dezember 1825 eine Revolution, die hier im Westen wenig bekannt ist und die ja auch sehr kurz gedauert hat. Trotzdem hat sie über Jahrhunderten die prägende Wirkung auf Russland ausgeübt und unendlich verfilmt, verdichtet, reflektiert war/ist. Diese Revolution war u.a. ein Faktor, der mehrere Generationen der russischen Intelligenz geformt hat. Ich persönlich fühle mich da sehr verbunden... auch auf der emotionalen Ebene. Aber ich schreibe darüber lieber nicht weiter, weil ich dann gleich anfange zu heulen... und überhaupt bin ich dann nicht mehr zu bremsen. Also lasse ich mal.

Was ich zur Sache sagen wollte: Diese dekabristische Revolution wurde von den Adligen geplant und durchgeführt, denen es im Leben an nichts mangelte. Sie hatten alles, was man in der damaligen Gesellschaft haben könnte. Es ging ihnen prächtig. Aber - stellt es Euch vor! - sie wollten sich für das Volk einsetzen, sie wollten dass es keine Leibeigene mehr gibt, dass das Volk befreit wird und seine Rechte wahrnehmen kann, dass es keine politische Zensur gibt usw., usf. Nun - seht Euch? Da muss man nicht unbedingt einem Bier und Würstchen wegnehmen, um ihn zu den revolutionären Ideen zu sensibilisieren. Marx und Engels waren übrigens auch keine Arbeiter.

Ich kenne mich in europäischen Revolutionen weniger als in russischen, aber ich denke mal, wenn man sie detailliert und unvoreingenommen unter die Lupe nimmt, dann wird man da auch auf irgendwelche Ungereimtheiten stoßen. ich meine, wir haben die Gesetzmäßigkeiten den revolutionären Bewegungen noch gar nicht begriffen... Marx hin, Marx her... nee, da gibt es noch viel zu forschen. Und - ja, ich weiß, dass ich dafür gleich Prügel bekomme... ist aber egal - ich glaube, man muss die Sache aus der Sicht der nichtlinearen Physik analysieren. Die Geisteswissenschaften alleine schaffen es nie!
Die Entfaltete Frau schrieb am 02.05.2011 um 11:50
Danke, miauxx.

MyFest und Würstchenessen rettete die Republik, ganz bestimmt. Ohne Würstchen und Bier hätte sicher ganz Berlin gebrannt und dabei hätten die Kassen nicht so schön geklingelt. Süßer die Maiglöckchen nie klingen...
Ehemaliger Nutzer schrieb am 02.05.2011 um 12:09
"Aus Berlin, miauxx"

Diese Unterschrift macht einen unbeschreiblichen Eindruck... ich war hin und weg. Berlin ist die Stadt der Kreativen, würde ich mal sagen... ;) :)
Vadis schrieb am 02.05.2011 um 12:49
Hier in Düsseldorf findet der erste Mai im zentralgelegenen Hofgarten (sic!) statt. Grillgeschwängerte Luft wabert vom Hauptstrang, dem bunten Gemisch aller erdenklichen Interessensstände und Biergartenminiaturen, noch bis vor die Redetribüne nach nebenan, von der wenig Neues die Lautsprecherkalotten verlässt. Berittene Polizei verabreicht ihren Vierbeinern frische Äpfel, der fast paradiesische Zustand scheint mit der Sonne um die Wette. Die obligatorische deutsche Sambafront bahnt sich ebenso breitbeinig wie hüftlahm und gesichtstrocken ihren Weg durch die Menschenmenge. Alewitischer Rundtanz eröffnet dem interessierten Zuschauer einen staunenden Einstieg in feinrhytmische Geheimnisse – lächelnde Frauen, einander untergehakt, dann und wann ein Mann, so dreht sich das ganze in kleinsten Schritten, ein Vor, ein Zurück, ein verzögertes Seitwärts zu Trommel und Flöte.

Staub legt sich zwischen die Zehen pedestrischer Vorsommerfrische.

Manch alter Kämpe sinnt den Jahrzehnten seiner Demos hinterher. Immerhin, hier zeigt sich ergrautes Haar noch in vollem Stolz. Eine stillschweigende Allianz fremdländischer Familientradition mit deutsch etabliertem Arbeiter - und Akademikertum. Warum auch nicht. Am Tag des Lohnes lebenslangen Schaffens, doch ebenso der Angst vor breitaufgestellter Ungewissheit, die im Niedriglohn ihr fundamentales Prinzip ausbaut.

Auch Familientag, besonders auf dem Rasengrün. Ein prächtiges Bunt, lichtdurchflutete Luftballons, die Hüpfburg da hinten wünscht man sich als Bildschirmschoner. Hier wird noch das meiste selbst gemacht, hier springt's und wirft's und malt's und schreit's und lacht's und ruht sich aus auf weichen Decken und in frohen Elternblicken, die aus dem Alltag sind für den Moment und sonntägliche Stunden.
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