micha74

Blog von micha74

12.09.2009 | 13:37

Freie Schule - eine Illusion!

Nachdem ich in den letzten Tagen diverse Kommentare bzw. Gegenkommentare zum Thema Freie Schule geschrieben habe, muss ich tiefbetrübt feststellen:

1. Ich dachte immer ich bin links (ziemlich sogar) aber das ist falsch. Richtig ist: Ich bin irgendwie neoliberal, noch schlimmer, in meinem naiv kindlichen Gemüt merke ich das nicht einmal.

2. Wer mehr Entscheidungsfreiheit für Schulleiter fordert, will eigentlich eine Schulleiterdiktatur mit entrechteten Kollegen. Basisdemokratische Entscheidungen und Schulleitung mit Entscheidungsfreiheiten auch in Kernbereichen der Schule schließen sich aus.

3. Wer Wettbewerb sagt, meint eigentlich Verdrängungskonkurrenz. Nichtstaatliche Schulen verschlimmern nur die Schulmisere, da sie die Probleme der staatlichen Schulen eher vergrößern (siehe auch Restschule).

4. Wer "freie" Schule sagt, ist entweder verblendet oder arglistig oder beides, jedenfalls gibt es keine freien Schulen.

5. Noch schlimmer als sogenannte "freie Schulen" sind nur Schulen in kirchlicher Trägerschaft.

6. Schule allgemein, besonders aber Freie Schulen beruhen auf neoliberalen Überzeugungen, sind Einfallstor für neoliberale Ideologen.

7. Wer sagt, dass er Schüler auf das Berufsleben vorbereitet, meint eigentlich, dass er Schüler für die Industrie impft.

8. Gute Schule im hier und jetzt zu machen ist unmöglich. Im falschen System lassen sich an der  (Freien) Schule keine grundlegenden (z.B. humanistischen) Werte vermitteln.

9. Wer eine Freie Schule kennt bzw. mal irgendwas von einer gehört hat, kennt sie alle. In ihrem Versagen sind sie alle gleich.

10. Die Idee der Freien Schule ist eine Illusion. (wenn nicht mehr).

11. Die Frage der Dreigliedrigkeit unseres Schulsystems, ist keine Frage, sie muss ignoriert werden. Und zwar völlig.

 noch was? Ja! Reicht aber ...

micha74

 

 

 

 
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Kommentare
Deaktivierter Nutzer schrieb am 12.09.2009 um 13:57
"Ich dachte immer ich bin links" - Mach Dir keinen Kopp, links sein ist unmöglich, es sei denn Du beherrschtest die Kunst, es (fast) allen recht zu machen.

Danke! sagt meisterfalk, Ex-Schüler und Vater ehemals zweier, jetzt noch einer Schülerin
Bildungswirt schrieb am 12.09.2009 um 14:10
Das muss doch alles mal gesagt werden, damit du dir keine Illusionen machst, wo's lang geht. Schon bei Orwell heißt es zum "Neusprech": Freiheit ist Sklaverei, jetzt weißt du, worum es in Freien Schulen geht. Wacht auf, Verhornte dieser Welt.
Schön, dass du deinen Verstand nicht beim Pförtner abgegeben hast, gut, dass du dich aktiv einmischt.

Lasst uns alle durch mehrere Blogs zu Bildungsfragen hin und her springen, besser noch: tanzen durch den Freitag.Ich schlage vor bis Ende Oktober, dann ziehen wir eine Bilanz, wieweit wir mit unseren "Bildungsdossiers" gekommen sind.
Gruß BW

(Setze bei deinem Beitrag noch ein paar tags ein)
wwalkie schrieb am 12.09.2009 um 14:41
Cher Michasoixante-quatorze,

Bis auf Punkt 11 bin ich ausnahmsweise einmal mit Ihnen einverstanden (von Formulierungen abgesehen). Natürlich ist das DDDDIIIIEEEE Frage, nach der Machtfrage versteht sich.

Kollegiale Grüße
micha74 schrieb am 12.09.2009 um 15:54
und die Antwort zu DEERRR Frage? (wenn Sie sich schon zum Rest (wierder mal) nicht äußern)

micha
wwalkie schrieb am 12.09.2009 um 17:28
Lieber Candide,

Sie sind aber auch hartnäckig. Ich habe noch mehr zu tun, zum Beispiel für die Lösung der Machtfrage zu kämpfen!

Darum kurz (ich hoffe auch kurzweilig): Vor längerer Zeit ließ ich mich vom Gymnasium an eine NRW-Gesamtschule versetzen: reformortientiert, renommierte Schulleitung und 8 Stunden wöchentlich "Freiarbeit" vom 5.bis 10. Jahrgang. Später kamen noch all die Projekte, Öffnungen der Schule etc. etc. hinzu.

"Freiarbeit" gab es nicht in der Oberstufe (da wurde "zielführend" gearbeitet, bis heute). Heute noch sehe ich mich kopfschüttelnd und verzweifelnd, wie ich mit Kleber verschmierten Händen für die Schüler individuelle Materialien produzierte, die sich als mehr schlecht als recht (es war noch die Matrizenzeit) erwiesen, ja des öfteren wie die Materialien der Kollegen auch als "Perlen für die Säue" herausstellten (ich hoffe, Sie verzeihen diese schüler-, nein menschenverachtende Sprache, danke). Wir dachten "vom Kinde aus", waren aber keine Kinder (schwieriges Problem). Wir dachten, wie wir dachten, dass Kinder dachten.Inzwischen haben sich Verlage dieses Problemes angenommen, aber wohl auch nicht gelöst (vielleicht für den Grundschulbereich, von dem ich wirklich "keine Ahnung" habe). In Geschichte ist es banales Material.

Die Migrantenkinder taten sich sehr schwer, die anderen "Unterschichtskinder" reagierten unterschiedlich (die Mädchen arbeiteten still und fleißig und kooperativ, die Jungen entzogen sich oft), die Mittelschichtskinder (damals gingen noch viele Kinder aus alternativen Familien auf die Gesamtschule) langweilten sich, weil sie die Materialien so schnell bearbeitet hatten. Ich behalf mich mit Referaten, Vorträgen, Lernheften etc.

"Wann machen wir wieder richtigen Unterricht?" fragten die Besten (diese Diffamierung der Anderen!). Auf der Oberstufe zeigten sich diese Schüler dann erleichtert - und machten richtige Leistungssprünge.Sie lebten auf. Heute sehe ich mit vielen Autoren (vor allem auch in Frankreich: Michéa, Brighelli, Polany), wie gerade die Reformschulbewegung neoliberal instrumentalisiert wird - "kooptiert", wie Waldrich sagt.

Meine damalige Erfahrung wiederholt sich heute übrigens. Die Oberstufenschüler freuen sich regelrecht, wenn sie nicht nach den allerdings nachweisbar von Bertelsmann gepushten Klippert- und Greenmethoden unterrichtet werden. Wenn sie ERNST genommen werden und nicht als sozial-technisch zu manipulierendes Material. Da verläuft auch die gegenwärtige "Frontlinie", und nicht zwischen Frontalunterricht und Reformunterricht.Das ist ein Nebenschauplatz, weshalb ich auch nur recht allgemein antworten kann und will.

Damals allerdings durfte die Freiarbeitsmethode nicht hinterfragt werden. Sie war Dogma. Ich vermute, an Ihrer Schule ist es ähnlich.Was würde passieren, wenn Sie mit Montessori ein für allemal Schluss machen wollten?

Man klebt halt am "Alleinstellungsmerkmal".Andererseits: bei Ihrer Klientel haben Sie vielleicht mehr Erfolg als unsere Reformschule damals. Hätten Sie aber wahrscheinlich auch mit "normalem" Unterricht, selbst mit "Frontalbeladung".

Ganz schnell zur Frage aller Fragen (der zweitwichtigsten): Sie sind allerdings candide, wenn Sie das noch nicht bemerkt haben. Seitdem ich Student bin, kämpfe ich mit Hand, Herz und Hirn für die EINHEITSSCHULE. Reihen Sie sich ein in die Einheitsschulen-Einheitsfront,weil Sie auch ein Lehrender sind!

Mit solidarischen Grüßen
micha74 schrieb am 12.09.2009 um 21:11
Towarisch!

Ein Gespenst geht um in Deutschland ...*

Jetzt haben Sie mich doch noch überrascht. Eine richtige Antwort, fast ohne Sticheleien. Nun, der Candide den Sie mir andichten wollen, bin ich nicht. Sehen Sie, es ist nur so. Ich mag mich einfach nicht mit allgemeinen Feststellungen abspeisen lassen.

Zur Freiarbeit: Schwierig! Das Kleben, Laminieren, Basteln etc. kenne ich auch (Brauchbares Material ist immer noch rar.). Ich stimme Ihnen zu (wenn ich Sie da richtig verstehe): Freiarbeit ist immer in Gefahr, wie GA und PA und und und und, zum bloßen Symbol zu werden. Freiarbeit der Freiarbeit willen. Weil es so reformpädagogisch ist. Und ja, FA steht bei uns nicht zur Disposition. Warum Freiarbeit? Für mich ist FA kein Lernwundermittel. Nein, es geht um andere Aspekte. In meinen Augen ist es so: Die FA versetzt die Schüler in eine Situation, dich sich vom normalen Unterricht deutlich unterscheidet: Im Idealfall einer gelungenen FA (Ob dies an staatlichen Schulen erreicht wird? Ich habe da meine Zweifel.) wird dem Schüler ein hoher Grad an Eigenständigkeit abverlangt. Da FA bei uns meist längerfristig verläuft, muss der Schüler lernen, sich zu organisieren. Er muss mit anderen Schülern kooperieren. Er soll Aufgabenstellung und Lösungsweg selbständig verstehen bzw. finden. Nun kann man da einwenden, dass all dies auch an der normalen Regelschule organsiert werden kann. Richtig! Theoretisch ja . Nur geschieht es praktisch kaum. Dis ist für mich der Vorteil einer Freien Schule. Sie gibt einen Rahmen vor, der solche Organisationsformen nicht als Ausnahme sondern als Normalfall ermöglicht. Wenn Schüler sich nach richtigem Unterricht sehnen, liegt dies, mit Verlaub, an der Qualität der FA.

Ich bin gern an einer Freien Schulen, weil ich da das Gefühl habe, dass wenigstens noch um pädagogische Fragen gerungen wird. Dass Lehrer wirklich Lehrer sein wollen und Schüler als Menschen wahrnehmen und nicht als Störfaktor auf dem Weg zur Verrentung.

Zum Einfluss des Neoliberalen. Ich sehe das halt genau anders herum. Wenn irgendwo unreflektiert Lehrpläne runter geschrubbt werden, dann an der staatlichen Schule. Meine Erfahrung (z.B.: im Referendariat) ist, dass es an staatlichen Schulen schlicht keine Reflexion über Sinn und Inhalt von Unterricht gibt. Ist vielleicht in den „alten“ Bundesländern anders. Ich mag auch im Staat keinen Garanten für die Verteidigung der Bildung gegen den Einfluss des Neoliberalen sehen. Denn dieser Staat ist selbst und wird immer mehr neoliberal.

*die Einheitsschule: Woran sollte ich das bemerkt haben? Weil es sich aus Ihrer Totalkritik am Schulwesen einfach logisch ergibt? Egal. Zumindest hier also eine klare Übereinstimmung. Schön!

So aus reinem Interesse: Sind Sie für Zentralprüfungen bzw. ganz allgemein für/ gegen Zensuren, Prüfungen (siehe auch Versetzungen), Abitur als Zugangsberechtigung für Studium?

Schönes Restwochenende wünsche ich!
Micha74
mklingma schrieb am 14.09.2009 um 21:04
Hallo Micha74,

schön, dass Sie dieses Thema aufgemacht haben, ich halte es für dddie zentrale Frage überhaupt. In diesem Zusammenhang stellt sich mir auch die Frage, warum Linke sich überwiegend gegen Freie Schulen aussprechen.

Natürlich gibt es eine naheliegende Antwort, aber diese gilt doch nur, wenn man an dem alten Dogma festhalten will, alles Wirtschaftliche gehöre am besten verstaatlicht (s. u.).

Ein zweiter wesentlicher Aspekt kommt natürlich hinzu, nämlich das Gebot der Chancengleichheit. Hier kann man, wie Sie es tun, feststellen, dass die Chancengleichheit im staatlichen Schulwesen genauso wenig realisiert ist, wie an den existierenden freien Schulen. Das stimmt, ist aber eine negative Argumentation. Tatsächlich können freie Schulen den eigenen Anspruch auf Chancengleichheit nur unvollkommen einlösen, solange sie finanziell schlechter gestellt werden.

Was wäre also unter einem freien Schulwesen zu verstehen? Aus meiner Sicht ist es derzeit eine Notwendigkeit, dass die Schulen staatlich finanziert werden. (In einer unbestimmbaren Zukunft könnte unsere Wirtschaft so umgestaltet werden, dass sie in der Lage wäre, von sich aus Geld in diejenigen sozialen Bereiche einschließlich Bildungswesen umzulenken, die diese Zuwendung brauchen.) Die Finanzierung ist das eine, hier ist 'Freiheit' von Übel. Die Lehrinhalte und die Form, in der diese vermittelt werden, ist das andere und hier ist Freiheit die Voraussetzung, damit Schulen sich entwickeln können.

Es bleibt also vorerst dabei, und hier kann dann sogar das alte linke Dogma wieder eingesetzt werden, dass der Staat die Wirtschaft regulieren muss, damit Geld in all jene Bereiche des Sozialen im weitesten Sinne fließt, die von sich aus nicht profitabel sein müssen und nach dem Gebot der Chancengleichheit auch nicht sein können.
Jakob Augstein schrieb am 14.09.2009 um 21:26
Liebe Alle,

unter dem Link

www.freitag.de/community/blogs/themen/bildung

haben wir die Blogbeiträge zum Thema versammelt.
Liebr micha74, ich habe mir erlaubt auch Ihrem Beitrag den tag Bildung hinzuzufügen, damit der Text ebenfalls in diesem Rahmen auftaucht.

(Wir arbeiten gerade daran, solche Sachen noch besser handhabbar zu machen. Stichwort: Dossiert / wachsende Artikel. Leser sollen künftig Freitag-Dossier selber anlegen und verwalten können ...)

Viele Grüße
JA
micha74
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Uwe Theel hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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