Michael Preiner

Politikbeobachter

04.11.2009 | 10:00

Hartz IV und Unterschicht-Bashing

Gestern abend wurde ich auf einen Text bei Welt-Online aufmerksam gemacht. Die Überschrift: "Elterngeld - Fortpflanzungsprämie für Unterschicht" lässt schon nichts Gutes ahnen. In diesem Artikel beteiligt sich Gunnar Heinsohn, Professor für Sozialpädagogik, am beliebten Hartz IV-Bashing. Der Inhalt dieses Essays ist geprägt von einer kruden Mischung aus Professoren-Arroganz, Realitätsverzerrung made by Talkshows,  kombiniert mit einem Gesellschaftsmodell des 19. Jahrhunderts. Das Schichtenmodell ist spätestens seit René König eines der umstrittensten Modelle der Soziologie, wird aber ob der schnellen Klassifizierung und Einordnungsmöglichkeit immer noch gerne benutzt. Das Klassenklischee der ständig kopulierenden Unterschicht, entspringt nach meiner Meinung einer viktorianischen Triebverdrängung und stellt nichts anderes dar, als die Übertragung der eigenen Sexualphantasie auf eine andere Person, respektive hier auf eine ganze Schicht. Der Zensor des Ich-Ideals muss allerdings gleichzeitig das Ziel der Übertragung verächtlich machen und erniedrigen, um seine eigene Triebstabilität zu bewahren. Außerdem wollte der Professor aus Bremen wahrscheinlich auch mit dem Vorurteil  aufräumen, dass Sozialpädagogen Allesversteher seien. Inhaltlich gibt der Artikel weiters nicht viel her, außer die Argumentation, dass die Unterschicht durch eine stärkere Geburtenrate ständig zunehme und die sog. Mittelschicht sich sicherlich nicht vom Elterngeld motivieren lässt, mehr Kinder in die Welt zusetzen. Natürlich kann man über die Wirkung des Elterngeldes diskutieren. Natürlich ist zu fragen, ob damit das eigentlich Ziel erreicht wird. Natürlich muss alles getan werden, um den sog. bildungsfernen Schichten Chancengerechtigkeit zu ermöglichen. Eines zeigt dieser Text allerdings: die neoliberale Leistungsträger-Lüge hat sich in den Meinungen manifestiert. Denn die Leserkommentare zeigen, dass eine absolute Entsolidarisierung in der Gesellschaft in den Köpfen längst vollzogen ist. Junge gegen Alte, Studenten und Hartz IV-Empfänger gegen Steuerzahler und Leistungselite werden gegeneinander gestellt und zum Teil, wie in diesem Artikel, auch aufeinander gehetzt. Die globale Gesellschaft und die Demokratie benötigen mehr Solidarität und nicht weniger. Die oft diffamierten "Gutmenschen" müssen trotz alledem ihre Stimme erheben und gegen solch eine spaltende Rhetorik ankämpfen. Denn der größte Fehler ist zu glauben, dass dies nur wenige seien. Die diskriminierende Sprache ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen und macht diese Entwicklung für mich so gefährlich.

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
HerrRöpke schrieb am 04.11.2009 um 10:41
"(...) dass eine absolute Entsolidarisierung in der Gesellschaft in den Köpfen längst vollzogen ist."
Ich hoffe Sie haben Unrecht, befürchte aber Ähnliches. Herr Sarrazin wurde ja auch als der Endlich-sagt-mal-einer-die-Wahrheit-Mann gefeiert. Das lässt schon tief blicken.
Horst Schulte schrieb am 04.11.2009 um 11:23
Ehrlich gesagt, fand ich Sarrazins und Buschkowskys Beiträge richtig. Die Wortwahl ließ mich ein wenig zusammenzucken, aber es sind Themen, die unbedingt diskutiert werden müssen. Der Beitrag von Prof. Heinsohn allerdings hat mich gleich wieder nachdenklich gemacht. So hatte ich mir einen intelligenten Beitrag zum Diskurs jedenfalls nicht vorgestellt. Dran musste ich erkennen, wie wenig konsequent ich doch bin, wenn es wirklich ums "Eingemachte" geht. Die Wortwahl des Sozialpädagogen hat mich erschreckt.
Andreas Kemper schrieb am 05.11.2009 um 02:29
Haben Sie Sarrazins Interview gelesen? Falls ja, was finden Sie richtig an Sozialeugenik?
Andreas Kemper schrieb am 04.11.2009 um 23:57
Als Daniel Bahr 2005 sich mit dem Satz vorwagte "In Deutschland bekommen die Falschen die Kinder" wurde er gemaßregelt und entschuldigte sich, der Satz sei aus dem Zusammenhang gerissen worden.

Jetzt - nach der Wahl der liberal-konservativen Fraktion - und gerade noch rechtzeitig zum Ende des Darwinjahres, wird mit einer ungeheuerlichen Wortwahl ein ihm entsprechender Sozialdarwinismus, eine ihm entsprechende Sozialeugenik propagiert, dass einem nur schlecht werden kann.

Was Sarrazin, Sloterdijk, Heinsohn hier propagieren ist Sozialeugenik mit einer entsprechend menschenverachtenden Rhetorik.

Ich schreibe hier lieber nicht weiter, sonst rutschen mir Wörter raus, die eher meiner Wut auf diese Kerle entsprächen, als ihre treffende Bezeichnung als freche, menschenverachtende Sozialeugeniker.
Andreas Kemper schrieb am 04.11.2009 um 23:58
Als Daniel Bahr 2005 sich mit dem Satz vorwagte "In Deutschland bekommen die Falschen die Kinder" wurde er gemaßregelt und entschuldigte sich, der Satz sei aus dem Zusammenhang gerissen worden.

Jetzt - nach der Wahl der liberal-konservativen Fraktion - und gerade noch rechtzeitig zum Ende des Darwinjahres, wird mit einer ungeheuerlichen Wortwahl ein ihm entsprechender Sozialdarwinismus, eine ihm entsprechende Sozialeugenik propagiert, dass einem nur schlecht werden kann.

Ich führe ja seit langem eine Liste mit klassistischen Politikersprüchen. Was wir in den letzten Wochen erleben, sprengt diesen Rahmen.

Was Sarrazin, Sloterdijk, Heinsohn hier propagieren ist Sozialeugenik mit einer entsprechend menschenverachtenden Rhetorik.

Ich schreibe hier lieber nicht weiter, sonst rutschen mir Wörter raus, die eher meiner Wut auf diese Kerle entsprächen, als ihre treffende Bezeichnung als freche, menschenverachtende Sozialeugeniker.
Michael Preiner
Ich lebe und arbeite zur Zeit in Strasbourg und genieße die elsässisch-französische Leichtigkeit. Seit mehr als 25 Jahren beobachte ich das politische Geschehen und lebte in mehreren Städten Europas und bezeichne mich deshalb auch als Europäer mit deutschen Wurzeln.
Mitglied seit:
3 Jahre 15 Wochen
Zuletzt aktiv:
18.10.2010
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 25
Kommentare: 18
Mein Projekt:
Logbuch
00:53
Uwe Theel hat gerade einen Kommentar geschrieben.
00:35
mcmac hat gerade einen Kommentar geschrieben.
00:30
mcmac hat gerade einen Kommentar geschrieben.
00:27
oi2503 hat gerade einen Kommentar geschrieben.
00:24
oi2503 hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Augstein und Blome

portlet_Phoenix-12.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG