Michael Preiner

Politikbeobachter

01.12.2009 | 00:00

Kommentar: Die EU knickt vor den USA ein

Geldwäsche

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wer hätte es jemals für möglich gehalten, dass die CSU zusammen mit der FDP für Bürgerrechte kämpft und trotzdem überstimmt wird. Heute haben die Innenminister der EU-Mitgliedstaaten ihre Zustimmung gegeben, dass europäische Bankdaten an die USA weitergegeben werden. CSU, FDP, SPD, Linke und die Grünen waren sich einig, dass das nicht sein darf und trotzdem hat der deutsche Innenminister Thomas de Maizière den Weg frei gemacht. Er hat sich entschieden, keine Meinung zu haben, denn er hat sich seiner Stimme enthalten. Eine Enthaltung ist in diesem Fall jedoch eine Zustimmung, denn nur eine Gegenstimme hätte genügt, um das Abkommen zu Fall zu bringen. Allerdings schien der Druck, den die USA in den letzten Wochen aufgebaut hatte, zu groß zu sein. Wie eine Drückerkolonne seien die Botschafter und Abgesandten der USA in den Hauptstädten eingefallen, um eine Zustimmung zu dem Abkommen zu ermöglichen, was ihnen offensichtlich gelungen ist. Der erste Bruch des Koalitionsvertrages in Deutschland ist damit auch besiegelt. Besondere Brisanz erhielt die Entscheidung, weil sie nicht einmal 12 Stunden vor Inkrafttreten des Lissabonvertrages durchgepeitscht wurde. Hätte doch ab dann sowohl das Europaparlament mitreden können, als auch die deutschen Parlamente, so will es zumindest das Bundesverfassungsgerichtsurteil.

Diese Eile lässt nichts Gutes vermuten, wenn man so offensichtlich die gewählten Vertreter nicht dabei haben will. Auch die zukünftige Zusammenarbeit zwischen Rat und EU-Parlament ist dadurch gestört, drohen doch die Abgeordneten schon mit einer sehr kritischen Haltung für die Zukunft. Der Frust könnte sich erstmals bei der Kommissionsbestellung zeigen. Denn wenn das Parlament nicht will, wird die Kommission mit ihrem jetzigen Besetzungsvorschlag nicht aktiv werden können. Das EU-Parlament hat seine Macht schon bei der letzten Kommissionsbesetzung gezeigt und Barroso musste daraufhin einige vorgeschlagene Kommissionsmitglieder austauschen. Das Vertrauen in die Politik und in Europa stärkt man jedenfalls mit solch einem Vorgehen nicht. Auch wenn die Innenminister der Mitgliedsstaaten für diese undemokratische Entscheidung verantwortlich sind, werden die EU-Skeptiker in ihrem Unbehagen gegenüber der EU bestätigt. Als überzeugter Europäer bin ich entsetzt über diese Art und Weise mit der Demokratie und den Bürgerrechten umzugehen. Es wird durch solche Aktionen immer schwerer, den Bürgerinnen und Bürgern die EU nahe zu bringen. Ein Bösewicht, wer dabei ein Stück weit Absicht vermutet. Es bleibt zu hoffen, dass der Lissabon-Vertrag mehr Transparenz in die Entscheidungen bringt. Schon aus diesem Grund darf man gespannt sein, wie sich Lissabon auf die EU auswirkt.

 
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Kommentare
Ehemaliger Nutzer schrieb am 01.12.2009 um 00:16
Mandelson reibt sich sicher die Hände...
Michael Preiner schrieb am 01.12.2009 um 00:21
New Labour und Schröder SPD waren sehr fleißig beim neoliberalisieren der Gesellschaft und gründlicher als manch einer wahrhaben will.
Michael Preiner schrieb am 01.12.2009 um 00:25
Mandelson, Sarkozy, Berlusconi ... de Maizére und Schäuble wahrscheinlich auch ;-)
Ehemaliger Nutzer schrieb am 01.12.2009 um 00:32
Ehemaliger Nutzer schrieb am 01.12.2009 um 00:35
simply "Virtual unknowns", so don't let me repeat Rummy's "known unknows" :-D
Adam Ant schrieb am 01.12.2009 um 10:32
"Besondere Brisanz erhielt die Entscheidung, weil sie nicht einmal 12 Stunden vor Inkrafttreten des Lissabonvertrages durchgepeitscht wurde. Hätte doch ab dann sowohl das Europaparlament mitreden können,

Mitreden?
Entschuldigung, aber der europäische Abnickverein hat auch nach Lissabon in Sachen Außen- und Sicherheitspolitik verbindlich nix zu melden. Er wird vielleicht "angehört". Er wird "unterrichtet", aber er hat absolut nichts zu entscheiden. Diese Thematik überschreitet selbst die Kompetenzen des Gerichtshofs der Europäischen Union.
(siehe Amtsblatt der EU)
als auch die deutschen Parlamente, so will es zumindest das Bundesverfassungsgerichtsurteil."

Hier wird's nun wieder interessant.
Das Bundesverfassungsgericht beansprucht für sich das letzte Wort und stellt damit das Grundgesetz (quasi als Maß aller Dinge) über den Lissaboner "Verfassungs-Vertrag" (die gescheiterte EU-Verfassung und der Vertrag von Lissabon sind ja nicht nur nahezu wortgleich – sie sind inhaltlich praktisch identisch).
Und wenn es nun daraufhin zu einer erfolgreichen Klage in Karlsruhe kommt, dann hätte Karl Ernst Thomas de Maizière (im neuen Amt) als Verfassungsminister bereits an dieser Stelle seinen ersten Bruch mit dem Grundgesetz (wegen seiner bloßen Enthaltung bei der Abstimmung) zumindest billigend in Kauf genommen.
Michael Preiner schrieb am 01.12.2009 um 16:38
Da es hier um Innen- und Justiz geht, hätte nach Auffassung aller Fraktionen im EU-Parlament wohl doch mitspracherecht. Ein Abnickverein ist eher der deutsche Bundestag und weniger das Europaparlament. Allerdings gebe ich dir recht, dass wir abwarten müssen, wie sich die Parlamentarier angesichts von Lissabon dann wirklich entwickeln.
Adam Ant schrieb am 02.12.2009 um 12:46
"Da es hier um Innen- und Justiz geht …"

Die EU-Ratsvorsitzende Beatrice Ask sagte:
"Es ist wichtig, dass wir das Geld von Terroristen verfolgen."

"Wir"?
Wie man das innerhalb der EU handhabt ist eine Sache – hier geht es aber um die Weitergabe von Daten an ein Drittland.
Man kann die Swift-Geschichte nicht allein unter der Zauberformel "Terrorismusbekämpfung" subsumieren und dabei vielleicht lediglich an Artikel 75 denken, sondern man sollte, da es sich hier um eine außereuropäische Angelegenheit handelt, die Sache auch der "gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik" unterordnen. Und damit wäre
target="_blank">Titel V
maßgebend. In dem gesamten Bereich muss der zahnlose Tiger (vulgo: EU-Parlament) gar nicht erst abnicken. Das entscheidet der Rat, alleine. Der "Einfluss" des Parlaments erschöpft sich hier auch in Zukunft im unterrichtet und angehört werden.
"Ein Abnickverein ist eher der deutsche Bundestag …"

Nicht "eher", sondern "auch". Leider.

Dieses gesamte Machtgefüge ist insofern interessant, als sich damit Verantwortung stets ganz bequem abwälzen lässt.

Bei unpopulären Entscheidungen heißt es in Berlin immer, es sei eine EU-Vorgabe. Die (mittlerweile endlich abgeschaffte) Gurkenkrümmungsverordnung ist da nur EIN Beispiel für die "Regulierungswut" der EU, über die man sich offiziell beschwerte (oder belustigte) – an der man inoffiziell aber fleißig mit gestrickt hat.
Andere EU-Vorgaben müssen erst in Gesetzte gegossen werden, die der Bundestag dann sozusagen durchwinken "muss". Und wenn man daraufhin bei der EU nachfragt, dann bekommt man sinngemäß zu hören: Wie jetzt? Das war doch nur eine allgemeine Vorgabe? Die konkrete Umsetzung ist immer noch Sache der einzelnen Mitgliedsländer (so wie bspw. der Drei-Stufen-Test oder die deutsche Begleitgesetzgebung zum Vertrag von Lissabon).

Das ist insgesamt ganz klasse – am Ende war's dann nämlich immer keiner, während bei allen populären Entscheidungen sofort alle "hier" schreien und jeder versucht, es sich selbst ans Revers zu heften.

Genau das ist auch die Methode Merkel. Immer wenn's unangenehm wurde, stand bisher irgendein S?PD-Kasper an vorderster Front und durfte die Prügel einstecken. Das große M., die Klimakanzlerin, die Ausruferin der Bildungsrepublik D, hielt sich in diesen Situationen immer dezent zurück und achtete darauf, nur mit positiv besetzten Meldungen in Verbindung gebracht zu werden.
Auf diese Art wird sie aber einer F?D?P nicht mitspielen können und einer C?S?U nicht mehr. Ich seh' das wirklich ganz leidenschaftslos: in dieser Koalition haben sich die Beteiligten einfach gegenseitig verdient.

Zurück zum Thema:

Genau genommen müssten die EU-Parlamentarier (gerade bei all den Einschränkungen, denen dieses sog. Parlament nach wie vor unterliegt) nach meiner ganz persönlichen Auffassung wesentlich stärker versuchen dieses Konglomerat aus Macht und veröffentlichter Meinung zu durchbrechen, sich Öffentlichkeit zu verschaffen und zu den einzelnen Themen immer auch eine öffentliche Diskussion anzustoßen und diese zu begleiten. Und genau genommen hätten sie das bereits lange vor dem, was sich "Verfassung" oder auch "Vertrag" nannte, bereits tun können.

Zum Schluss:

In der sz war folgender Satz zu lesen:
"Das neue Abkommen wurde nötig, weil die europäischen Swift-Daten ab Ende dieses Jahres auf einem Server in den Niederlanden und der Schweiz liegen und nicht mehr in den USA."

Welchen Regeln unterlag die Weitergabe dieser Daten an die USA bisher?
Welchen "Datenschutzbedenken" wollte Swift "mit der Einrichtung des zweiten OPC in Europa" begegnen?
Michael Preiner schrieb am 02.12.2009 um 12:59
Es unterlag der amerikanischen Regelung, weil die Server in Amerika standen und dort amerikanisches Recht angewendet wurde. Das führte zu erheblichen Wirbel, als das rauskam, deswegen auch der Umzug nach Europa. Das Europaparlament ist leider in der öffentlichen Wahrnehmung sehr schlecht aufgestellt und die Bevölkerung verwechselt natürlich gerne Äpfel mit Birnen, wie zum Beispiel beim Kruzifixurteil des Gerichtshofes für Menschenrechte, der mit der EU gar nichts zu tun hat, aber erklär das mal jemanden, es kommt einfach nicht durch. Alles was Europa bedeutet ist immer gleich EU. Dieses Defizit abzubauen muss eines der Ziele der Zukunft sein. Bin selber gespannt, wie sich das Parlament verhalten wird.
Adam Ant schrieb am 04.12.2009 um 11:25
"Es unterlag der amerikanischen Regelung, weil die Server in Amerika standen und dort amerikanisches Recht angewendet wurde …"

(:
Und was?, bitteschön, heißt das konkret?
Und gibt bzw. gab es unter den Abgeordneten etwa keinerlei "Datenschützer"?
Wieso wurde dieses (nun doch schon ein paar Jahre bestehende) Problem nicht längst aus der parlamentarischen Käseglocke an die Öffentlichkeit getragen?
Verstehen Sie, was ich meine?
Man kann nicht einerseits beklagen, dass die Wahlbeteiligung so niedrig ist, dass diese "Institution" (nicht Europa selbst) von der Bevölkerung nur ungenügend angenommen wird, wenn man sich andererseits nicht selbst ausreichend öffnet, für Transparenz sorgt, umfassend informiert und bei den einzelnen Themen für eine wirklich breite und öffentliche Debatte sogt.

Mir ist schon klar, dass es nicht einfach ist diese Themen auch jeweils in den Mainstream-Medien zu platzieren – mein ganz persönliches Problem damit ist nur, dass ich bei allem Interesse weder jetzt noch in der Vergangenheit registrieren konnte, dass wenigstens die Parlamentarier dies in ausreichendem Maße versucht hätten.
Michael Preiner
Ich lebe und arbeite zur Zeit in Strasbourg und genieße die elsässisch-französische Leichtigkeit. Seit mehr als 25 Jahren beobachte ich das politische Geschehen und lebte in mehreren Städten Europas und bezeichne mich deshalb auch als Europäer mit deutschen Wurzeln.
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