Die Ankündigung dieser Sendung hat mich geärgert. Und weil mir gerade nach Gegrantel und Sophistereien zumut war, habe ich eine mail an die unten genannte Adresse geschrieben. Aber weil die höchstwahrscheinlich ohnehin beim WDR versandet, recycle ich meine Gedanken an dieser Stelle. Vielleicht ergibt sich ja ein Gespräch.
Betr.: Wie können wir die Kontrolle über unser Denken behalten?
Da kann ich doch nicht anders, als die Gegenfrage aufs Exempel zu stellen: Hatten wir je Kontrolle über unser Denken?
Ich bin ja der festen Überzeugung, dass nicht.
Ich unterstelle, dass die Titelfrage der Sendung eigentlich lautet: Wie kann ich mein Denken rein halten?
Es geht also um Gedankenhygiene, eine Hierarchie, nach der die Informationen aus der Stadtbücherei mehr wert sind, als die aus dem Smartphone. Dieser Aussage werden viele Menschen beipflichten. Warum?
Weil die Information aus dem Smartphone keine Autorität hat. Jedenfalls nicht für uns, die wir mit Büchern aufgewachsen sind. Nachfolgenden Generationen wird es da vermutlich anders gehen, aber bleiben wir bei uns. Die Information von Wikipedia kommt uns weniger wert vor, als die von Brockhaus. Denn der Brockhaus hat einen greifbaren, verantwortlichen Autor, der namentlich genannt wird. Wikipedia nicht. Aber, wenn man jetzt den Fokus wieder erweitert und nicht nur von einer Seite, sondern dem ganzen weiten Web spricht, dann wird eines klar: es ist weitaus bunter und reichhaltiger als jede Bücherei es je sein könnte. Und es lebt, ganz wie die Natur, vom Fehlen der Autorzeile.
Und nun die Frage: woraus besteht Denken?
Wenn man ehrlich ist, zu einem riesigen Anteil aus freien Assoziationen, Fehlschaltungen und Irrläufern im Synapsengewimmel. Aus Zusammenfügung von Disparatem und Vorstellungen von Vagem. Denken ist alles andere als rein oder hygienisch, sondern ein wunderbarer, organischer, dreckiger Vorgang. Und dem kann man nicht genug Brennstoff geben. Und Information ohne Autorität (man könnte auch sagen: eigene Beobachtung) ist Kerosin fürs Denken.
Beim Nachdenken über das Denken lässt sich ein Satz nur ganz schwer umgehen: "Ich denke, also bin ich". Darin steckt viel Wahres. Der Kern des "ich" ist also das Denken, oder, anders ausgedrückt: "Das ich ist das, was ich sagt." Einen semantischen Inhalt hat das Wörtchen nämlich nicht. Das ich ist also das Denkende. Und das Denken kann sich nicht selbst kontrollieren. Um Kontrolle über das Denken ausüben zu können, müsste es nämlich ein ich geben, dass vom Denken abgekoppelt ist um als Kontrollinstanz zu fungieren, das ist aber nicht so. Das Denken kann sich zwar reflektieren, aber nicht kontrollieren.
Übrigens ist die Information, der Stoff, den sich das Denken durch Reflektion selbst liefert, wohl um ein vielfaches größer und ungeordneter, als jede Information, die uns das Informationszeitalter liefern könnte.
Ich freue mich auf Ihre Sendung und verbleibe freundlich grüßend,
fehlende Autorzeile
(Mick Schulz)
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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