mischa

Blog von mischa

23.01.2009 | 01:15

Der verzückte Blick

Die Vereinigten Staaten feiern Obama – und die Welt feiert mit. Die Rituale der Amtseinführung: Pathos, Uniform und viel Gefühl. Dazu Marschmusik aus tausend Tröten. Kurz: der Tag der Amtseinführung bot eine Mischung aus Karneval und Hofstaat. Aber geschenkt. Die Show war gut, das Feeling stimmte – Amerika, einmal mehr das Mutterschiff der Unterhaltung. Über allem strahlt die unwirkliche Perfektion des O. Er ist eine ständige Versuchung und macht auch in einem Cäsaren-Glaskasten eine gute Figur. Nun richten sich die Erwartungen vieler Millionen auf nur einen Menschen. Dem Schatten folgt das Licht, so die einfache Formel. Der Wunschzettel ist lang: Guantanamo schließen, Kriege beenden, Diplomatie wiederbeleben, Wirtschaftskrise beenden, das Volk einen. Und dabei die Interessen Amerikas vertreten. Klingt eigentlich verrückt.

Doch die Zuversicht ist da und greifbar. Journalisten berauschen sich ganz besonders am Prinzip Hoffnung. Quer durch alle Medien wurde der neue Präsident gefeiert. Auf Bild.de lässt sich ein Obama-Poster downloaden, daneben können Bundesbürger ihre Wünsche an den Präsidenten aufschreiben. Kai Diekmann spielt den Boten. Viel interessanter ist aber, dass bei all der positiven Stimmung hierzulande immer ein großes Stück Wehmut mitschwingt. Die entscheidende Frage ist: Warum ist Obama cool, und Steinmeier ist es nicht? Wo bleibt die große Vision, die Gestaltungsmöglichkeit? Intelligente Menschen stellen wenig intelligente Fragen: Kann Deutschland von Amerika den Glamour lernen, die Politik zugänglich und sexy machen? Warum klappt das Twittern bei Schäfer-Gümbel nicht?

Alle scheinen sich einig: Hierzulande ist alles grau, die Politiker sind peinlich und die Volksparteien stehen vor dem Aus. Politikverdrossenheit und Demokratiemüdigkeit sei allgegenwärtig. Die Jugend will weder Politik noch Überzeugungen; sie blickt lieber frustriert in eine entpolitisierte und hoffnungsfreie Zukunft. Wo bleibt die Begeisterung für die Demokratie und das Land? Wieso kommuniziert die Politik so schlecht mit der Bevölkerung? Keine Gesprächsrunde kommt aus, ohne dass die Möglichkeiten einer deutschen Obamania ausgelotet werden. Wie peinlich doch ein SPD Parteitag wirkt, kein Wunder dass es bei den Sozis knirscht wie blöd. Weder gibt es Luftballonregen noch einen Soundtrack mit Hitpotential . Amerika: über Nacht ein Vorbild für Partizipation und Polit-Begeisterungsfähigkeit?

Trotz der großen Euphorie allerorten wirken solche Vergleiche erschreckend naiv. Man kann die Dinge auch anders lesen – nur macht sich keiner Mühe, das anzumerken. Hier doch ein paar Spielverderber-Fakten: Das präsidiale System lässt es zu, dass ein George W. Bush über acht Jahre unbedrängt seine düstere Strategie verfolgen kann. Weite Teile der Bevölkerung sind in den USA nach wie vor von den politischen Verhältnissen abgekoppelt - Lebhafte Demokratie sieht anders aus. Etwas weniger als 57% der Wahlberechtigten gingen diesmal zur Wahl. Millionen unregistrierte Einwohner werden nicht erfasst, und drücken die ohnehin niedrige Quote. Der Vorwahlkampf ist eine entfesselte Dollarschlacht und ganz auf Show und Strategie getrimmt. Frisuren und Winkelzüge bestimmen die Debatte, das Überraschungsmoment steht über allem. Eine überforderte „Hockey Mum“ rückt so ganz nah ans Oval Office heran. Wer nach einem Ausbau der Mediendemokratie ruft, darf die Schattenseiten nicht ignorieren.

Es ist doch vielmehr so: jedes Land hat die Wahlkämpfer, die es verdient. Der US-Präsident und sein Team haben eine Stimmung entfacht, die dem gespaltenen Land nachhaltig helfen dürfte. Die US-Wahl war spannend, ausufernd und verschwenderisch. Typisch amerikanisch eben. Der Versuch, deutsche Wahlkämpfe anzuheizen und nach US-Vorbild ein mediales Gesamtpaket zu vermarkten, ist einfalls- und sinnlos. Deutschland braucht Parteitage mit Eventkonzept so wenig wie twitternde Macher mit präsidialen Vollmachten. Ein Knödel wird nicht zum Donut, auch wenn dieser süßer schmeckt.
 
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Kommentare
hannelore schrieb am 28.01.2009 um 23:15
Sehr erfrischender Beitrag zu dem Thema! Diese üblichen zwei Extreme zwischen totaler Begeisterung und verständnislosem Runtermachen der Obama-Regierung in der deutschen Presse nerven mich allmählich.
Ich werde den Beitrag verlinken, sobald er öffentlich zugänglich ist :-)
mischa
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Uwe Theel hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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