Stress für die Netz-Community: G20 Gipfel in London, Nato-Protest im Elsass, World Business Dialogue und zu allem Überfluss das Familientreffen der Internetgemeinde, die re:publica in Berlin. Alles auf einmal. Wer, bitte schön, soll da die Übersicht behalten?
Der Freitag versucht es mit Simultanbloggen und schickt die coblogger gleichzeitig zum Ortstermin: Ole Seidenberg berichtet vom G20 Gipfel, Anna Schiller von der re:publica und Daniel Kruse vom World Business Dialogue in Köln. Seidenberg, einer von 50 offiziellen “Hof-Bloggern”, lauscht Obamas Worten: "Together with the G20, we are trippling the IMF's resources". 1,1 Billionen Dollar gegen den Kollaps.
Kruse beobachtet derweil in Köln, wie Adidas-Chef Herbert Hainer der Kragen platzt. Der Turnschuh-Manager weist im Streitgespräch mit dem ehemaligen Attac-Chef Giegold einen Pressebericht zurück, dem zufolge Adidas Steuergelder nach Liechtenstein verschoben habe: „Bullshit!“ Zudem sei der Umgang der NGOs mit seinem Unternehmen häufig unfair. Giegold empfiehlt unabhängige Prüfer in den Zulieferbetrieben: „Solch ein Vertrauensvorstoß würde Ihnen in diesen Zeiten auch einen wirtschaftlichen Schub bringen“.
Nur die dritte im Bunde der coblogger, Anna Schiller, bleibt stumm: beim Netzgipfel in Friedrichstadtpalast und Kalkscheune streikt das WLAN. Die Netzavantgarde am Rande der Verzweiflung.
Trotzdem gibt es auf der „Social Media Conference“ einiges zu sehen. Zum Beispiel Firmengründer, Medienanwälte, Portalbetreiber – und Blogger, die zum Mond wollen. Tessa sieht sich jedoch vor allem von Männern „um die 40“ umgeben, „nicht unähnlich in ihrer Statur: Helden in Hosenträgern“. Die Konferenzteilnehmer würden sich wie Chefs gerieren, die es sich in der Heimeligkeit einer Eichenholz- Bürogarnitur gemütlich gemacht haben. „Dröge, leicht gelangweilt und wenig fertil fletzt sich die Revolution in den Podiumssesseln.“ Was der re:publica fehlt, seien frische, junge Blog-Talente.
Viele Community-Mitglieder teilen die Kritik. EtienneRheindhalen schreibt: „Der Relevanz- und Innovationsanspruch jener auf den Berliner Boards sich artikulierenden "Alpha"- oder Irgendwie-auch-wichtig-Blogger scheint sich doch auf das Selbst-Marketing zu Gunsten der eigenen Blogs zu beschränken.“
Klar, dass auch Don Alphonso und F!XMBR gegen das Stelldichein der Netzenthusiasten sind. Alles doof und fantasielos hier. Soweit, so bekannt.
Vom Nato-Jubiläum in Straßburg berichtet Julian Heißler. Er zeichnet die Chronologie der Ereignisse nach: Straßburg in der Frühlingssonne, campende Demonstranten, Aufmarsch der Staatsmacht und schließlich die Entladung von Gewalt. Das ewig gleiche Ritual der Protestkultur als Nahaufnahme. Heißler geht die ganze Strecke mit und kommt nach drei Tagen zum Schluss: Was [bleibt] in Erinnerung? Obama kommt nach Deutschland, Michelle trifft Carla, Rasmussen ist der neue Generalsekretär und Demonstranten haben Gebäude abgebrannt. Schade.“
Noch einmal zurück zur re:publica: Für den Freitag sind drei mit Google-Handy bewaffnete Reporter im Einsatz, die unter shiftlog bloggen. Zuvor hatten sie sich in einem Textwettbewerb durchgesetzt: In „Szenario 2020 – das mobile Internet“ sollten sie einen Blick in die Zukunft werfen. Nicolais siegreiche Miniatur zeichnet ein beklemmendes Bild: „Wer Informationen zu[r] Person [...] haben möchte, scannt diesen per Cam im Handy und erhält umgehend sämtliche Informationen.“ Gut, dass Nicolai allzu skeptische Gemüter beruhigen kann: „Natürlich nur von dem, der will, denn Datenschutz ist trotz allen Erwartungen immer noch nicht tot.“ Und wir dachten schon...
Heute ist zum Glück erst mal 2009 und auf der re:publica kämpfen die shiftlog-Blogger mit eher alltäglichen Problemen. Ehrlemann etwa lässt uns „live und direkt“ an technischem Ungeschick teilhaben: „Leider habe ich aus Versehen das Browserfenster geschlossen und sehe keine Möglichkeit, [es] wieder herzustellen.“ Die drei erwähnen noch einige gute Vorträge; Jimbo Wales (Wikipedia) und moot (4chan) hätten beeindruckt, außerdem loben sie die Vielschichtigkeit des angereisten Publikums.
Thorstena wagt schon einmal den Ausblick: „Ich wünsche der re:publica den nächsten Schritt, sowohl in der Organisation als auch in der Frage einer prägnanten und tragenden Themensetzung. Konkret: ähnliche Vielfalt, aber weniger Willkür.“
Ausgabe 07/12
16.02.2012
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