mischa

Blog von mischa

01.02.2009 | 21:08

Kultur-Quote

Vor ein paar Tagen in Hamburg: Jobst Plog, bis zum letzten Jahr NDR-Intendant und Rundfunkschwergewicht, referiert zum Thema ARTE.

Die Einschätzung des Mannes, der den französisch-deutschen Sender maßgeblich mit geprägt hat: bei einem Budget von etwa 365 Millionen Euro (2007) sind 0,8% Marktanteil in Deutschland etwas dürftig. Auch ein Kultursender mit europäischem Auftrag müsse seine Daseinsberechtigung stets aufs Neue nachweisen. Besonders wenn er fast ausschließlich über Gebührengelder finanziert wird. So weit, so klar.

Unklar bleibt jedoch einmal mehr, mit welchen Konzepten der Sender mehr und jüngere Zuschauer binden könnte, ohne das eigene Profil preizugeben. Bisherige Versuche erwiesen sich als wenig erfolgreich.

Der wahre Wert des Senders liegt laut Plog in seiner Rolle beim Aufbau einer europäischen Identität, gewissermaßen bei der Grundsteinlegung. Der Sender habe zu Beginn noch eine andere Bedeutung gehabt: er sei ein später Teil des Versöhnungsprozesses zwischen Deutschland und Frankreich gewesen.

Nach Vollendung der Aussöhnung würden ARTE-Sendungen heute zur Etablierung einer europäischen Sichtweise beitragen.  Plogs Fazit: Würde Brüssel weniger Geld in Eigen-PR stecken und mehr in Projekte wie ARTE, wäre dies durchaus zum Nutzen des kulturellen Europas.

Das Dilemma dabei: eine europäische Identität unter weitgehendem Ausschluss der Öffentlichkeit (bei Beteiligung von nur zwei Staaten) kommt etwas kraftlos daher. Und ist dabei nicht gerade günstig. Plog kontert: „Kultur ist teuer. Doch sie nicht zu haben, ist noch teuerer.“
 
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Kommentare
Pia Mörtel schrieb am 03.02.2009 um 02:17
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rudi mentär schrieb am 07.02.2009 um 13:33
0,8% sind wenig, aber tatsächlich auch zu wenig für kulturell anspruchsvolles Fernsehen? Wo sind die Maßstäbe?
EtienneRheindahlen schrieb am 07.02.2009 um 18:44
Wenn arte (wieder mehr) Mut zu Experimenten und neuen Formen (z.B. Themen-Abende bzw. Themen-Schwerpunkte) finden würde, könnte aus dem Mini-Spartenkanal ein Avantgarde-Stück innovativer Medien-Konvergenz werden.

Warum z.B. arte nicht seine durchaus umfassend ins Internet eingebundenen Inhalte, Themen und Farben intelligenter und nachhaltiger "in die Zielgruppen" trägt, bleibt mir ein Rätsel. Hier liesse sich gerade bei einem Sender, der - als einziger frei empfangbarer TV-Sender - so viele Programm-Inseln für junge Talente und innovative Formate bietet, durch z.B. Interaktion neue Publikumsgruppen gewinnen. "arte goes YouTube" muss sich schliesslich nicht darin erschöpfen, dass arte-Beiträge per Fenster-Häppchen zu rezipieren sind. Das könnte arte auch auf eigenen Domains - und mit dem richtigen, netzaffinen "Marketing" wäre hier ein deutlicher Schritt in Richtung Publikum und Interaktion getan. Meine ich...


Denn so richtig Plog die "anfängliche" Mission von arte als "späten Teil der dt.-frz. Völkerverständigung" identifiziert - so sehr liegt m.M.n. Plog daneben, wenn er arte als nur auf Kultur ausgerichtet sieht. Denn: was ist denn Kuiltur ? Politik - basiert auf der Kultur der Massen. Unterhaltung - ist immer an bestehenden und sich entwickelnden Kulturen orientiert. Mediennutzung - ist Kultur. Bildung - ganz klar: Kultur. Also sehe ich arte als Katalysator der sich nach wie vor entwickelnden (zentral-)europäischen Gesellschaft und ihrer weit über den konventionellen Kulturbegriff reichenden Lebensumstände.

Da es aber einen verantwortlichen Umgang - im Sinn der Beteiligung von Medien und Publikum - an der sowohl politischen, der sozioökonomischen wie auch der kulturellen Entwicklung seitens der etablierten Mainstream-Medien (ör-/Privat-TV, Presse) so gut wie gar nicht (mehr) gibt...sollte und könnte arte hier wegweisend voranschreiten. Und für eine derartige Institution sollte uns (denn w i r finanzieren arte per GEZ und Steuern) keine Investition zu teuer sein.
mittelmaß schrieb am 14.02.2009 um 21:34
Was mich wundert ist, dass teuer produzierten Beiträge anderer europäischer öffentlich-rechtlicher Sender nicht im Internet zur Verfügung stellt. Ich kann verstehen, dass bei Filmen so wohl Urheberrechte verletzt würden aber was ist mit dem restlichen Programm. Wäre ich ein europäischer Rundfunkdiktator so würde ich auf einer einheitlichen Plattform alle europäischen öffentlich-rechtlichen Programme (mit einstellbaren Untertiteln) zur Verfügung stellen. Dies würde neben einer "europäischen Identität" und einem erhöhten Interesse aneinander sicher auch die Sprachkenntnisse der Europäer enorm fördern. Und falls das Problem sein sollte, dass man gebürenfinanziertes Fernsehen nur den Bezahlern zugänglich machen darf so stelle man das System doch einfach auf (europäiche?) Steuern um!
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