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Lutz Herden berichtet in seinem Essay "1946 Im Nero-Kostüm" (der Freitag, Nr. 41, 13. Oktober 2011, S. 12), dass Hjalmar Schacht, einer der Angeklagten des Nürnberger Tribunals, Hermann Göring als "wollüstigen Epikureer" vorgeführt habe. Ich hoffe, dass es sich hierbei um die Wortwahl Schachts handelt, nicht Herdens. Epikur würde mir vermutlich empfehlen, auf diese Intervention zu verzichten, aber der von Herden zitierte oder verwendete Begriff tut einfach zu weh - und wir Menschen streben eben danach, sagt Epikur, den Schmerz zu vermeiden. Also, ganz kurz: Der Begriff des „wollüstigen Epikureers“ ist ein Oxymoron. Frühe christliche Kirchenväter sind auf die glorreiche Idee gekommen, Epikurs Philosophie so auszulegen, dass sie sich bequem diskreditieren ließ. Und exakt jene Auslegung, nämlich die eines ungebremsten Hedonismus, finden wir in Herdens Formulierung (wenn sie denn seine ist). Es ging Epikur nicht um ein Leben in Saus und Braus, dekadent und exzessiv, getrieben von Gier und Macht und Geld und Neid – nein, Epikur saß lieber in seinem Garten und philosophierte mit guten Freunden. Er schaute nach innen, nicht außen. Es wäre vielleicht besser, wenn wir uns von Epikur inspirieren ließen, statt ihn in eine Schublade zu stecken, in die er nicht gehört. Soll man überhaupt noch etwas zu Papier bringen, wenn feststeht, dass auch gute Gedanken im Selbstbedienungsladen der Geschichte verkommen werden? Epikur empfiehlt, die Öffentlichkeit zu meiden...
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Was einem Glauben, sei er auch noch so christlich, gefährlich werden konnte, musste vor dem Blickwinkel des Menschen in ein entsprechendes Licht gerürckt werden. Um die eigene Macht und Interessen zu schützen(wie ist es heute?). Über Gerationen bewahrt sich dann in der breiten Masse ein solcher Unverstand, der zu dergleichen Fehldeutungen führt. Schließlich waren die Epikureer mit einem Stück Käse in Gesellschaft in ihrem Kepos zufrieden.
Es gibt sicher noch viele andere irrige Annahmen im kollektiven Gedächnis. Sicherlich ist es bloß die Wortwahl Schachts gewesen. |
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@Michael Neu
Sehr aufmerksam. Scharf beobachtet, formuliert und erläutert. Epikur's hedonistisches Kalkül ist aktueller denn je. @philoron Ergänzend: "Beschränke dich mit deinen Freunden auf etwas Brot, Käse - und nicht zu vergessen: einen Schluck Landwein(!), und du wirst vollkommen glücklich sein." In diesem Sinne, meine Herren, Schönen Sonntag |
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schrieb am
16.10.2011 um 14:33
Es lauern die hartnäckige Gerüchte, dass es die Leute geben sollte, die weder Brot noch Käse noch Wein mögen, sondern z.B. Nudeln oder Kartoffel mit geschmorten Gemüse und Eiscream. Aber im Ernst: Was hat das alles mit dem vollkommenen Glück zu tun? ich dachte, Glück hat was mit anderen Kategorien zu tun als Käse, Wein oder Eiscream...
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Es ging Epikur nicht um ein Leben in Saus und Braus, dekadent und exzessiv, getrieben von Gier und Macht und Geld und Neid – nein, Epikur saß lieber in seinem Garten und philosophierte mit guten Freunden. Er schaute nach innen, nicht außen. Es wäre vielleicht besser, wenn wir uns von Epikur inspirieren ließen, statt ihn in eine Schublade zu stecken, in die er nicht gehört.
Ja mei, so ist das mit Begriffen, die aus ihrer ursprünglichen, engen Bedeutung herauskommen und sprichwörtlich, das heißt zur Redensart werden. Aus der Philosophie fallen mir da die Sophisten ein, die Zyniker und die Stoiker. Irgendeiner hat diese einstmals beschreibenden, neutralen Wörter genommen und sie als (oft abwertenden) Kampfbegriff verwendet. Die Wörter bekamen eine neue Bedeutung und in dieser neuen Bedeutung sind sie auf uns gekommen. Und da sind sie nun mal und wollen in dieser neuen Bedeutung gesehen werden. Epikureer, Sophisten oder Stoiker kommen nur noch in philosophischen Abhandlungen ihrer ursprünglichen Bedeutung vor, bei den Zynikern hat der Philosoph immerhin noch die Möglichkeit, sie Kyniker zu nennen, um sei vom Alltagswort "Zyniker" abzugrenzen. So wie den philosophischen Schulen ergeht es auch anderen Wörtern, die eine gebräuchliche und eine eigentliche Bedeutung haben. "Idiot" war mal ein psychiatrischer Begriff, der neutral einen organisch minderbegabten Menschen bezeichnete (inzwischen verwendet die Psychiatrie das Diagnose-Wort nicht mehr). Es gibt ja immer noch schlaue Leute, die dir vorrechnen, bei einer Olympiade könne man keine Medaillen gewinnen, denn Olympiade sei "eigentlich" der vierjährige Zeitraum zwischen zwei Olympischen Spielen. Verwendet der Schlaumeier den Begriff "Olympiade" in diesem Sinne, muß er damit rechnen, nicht oder mißverstanden zu werden. Kenner empfehlen deshalb gerne, Wörter in dem Sinne zu verwenden, in dem sie gemeinhin verwendet werden. Ciao Wolfram |
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Danke für Deine Zeilen, Wolfram (if I may). Dann bin ich leider definitiv kein Kenner, sondern, wie ich Deiner Einteilung entnehmen muss, ein Schlaumeier. Oder gibt es da noch Raum für eine weitere Kategorie?
Ich stelle mir gerade vor, wie man im Jahre 4300 landläufig von "Neuscher Kriegstreiberei" spricht, obwohl (oder müsste man nicht sagen "weil"?) ich in meiner Doktorarbeit aus dem Jahre 2010 grob gesagt die Auffassung vertreten habe, dass es KEINE gerechten Kriege geben kann. Hier also Deine Position: "Wenn die Kriegstreiber-Interpretation Deiner Arbeit im Jahre 4300 von Kennern akzeptiert wäre, ja mei, Michael, dann wär's halt so." Ich muss in diesem Moment schmunzeln (vor allem, weil ich das Szenario gar nicht so unwahrscheinlich finde), aber ein bisschen krass ist das schon, meinst Du nicht? Michael |
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@Michael Neu
Danke für Deine Zeilen, Wolfram (if I may). Dann bin ich leider definitiv kein Kenner, sondern, wie ich Deiner Einteilung entnehmen muss, ein Schlaumeier. Oder gibt es da noch Raum für eine weitere Kategorie? Ah, Platz ist in der kleinsten Begriffshütte für noch eine und noch eine Kategorie. Du solltest meinen Kommentar nicht schwerer nehmen als ich ihn geschrieben habe. Ich wollte eigentlich nur ein bisserl Gelassenheit anmahnen mit diesen verrutschten Begriffen. Der Schlaumeier bezog sich im übrigen nicht mehr auf dich, sondern auf die Olympiade-Aufklärer. Letztere sind ganz arme Schweine bei ihrer semantischen Windmühlen-Rallye. Den meisten Leuten dürften dergleichen Feinheiten ziemlich wurscht sein, sie sagen bestenfalls genervt "Ja, ja" und reden weiter von der Olympiade in Peking, die anderen wissen es eh, altgriechischer Sprachgebrauch ist ja kein Geheimwissen, jeder Latein- oder Griechischlehrer erzählt dir die Story mindestens einmal in deinem Gymnasiastenlehrer. Ich stelle mir gerade vor, wie man im Jahre 4300 landläufig von "Neuscher Kriegstreiberei" spricht, obwohl (oder müsste man nicht sagen "weil"?) ich in meiner Doktorarbeit aus dem Jahre 2010 grob gesagt die Auffassung vertreten habe, dass es KEINE gerechten Kriege geben kann. Hier also Deine Position: "Wenn die Kriegstreiber-Interpretation Deiner Arbeit im Jahre 4300 von Kennern akzeptiert wäre, ja mei, Michael, dann wär's halt so." Okay, gehen wir mal davon aus, deine Doktorarbeit würde solche geistesgeschichtlichen Wellen schlagen, daß man sie in 2300 Jahren noch liest (wenige im Original, die meisten in einer Übersetzung ins moderne Neu-Hochplonzäisch), dann würden diese Leser des Originaltextes oder von klugen Zusammenfassungen natürlich wissen, daß es sich bei diesem Werk von Michael Neu und bei den Folgewerken der Neulinger-Schule nicht um Kriegstreiberei handelt, sondern um das genaue Gegenteil. Und die anderen, die einfach so das Wort "Neulinger" als Synonym für Kriegstreiber verwendeten, wüßten eh nichts vom Philosophen Neu und seinen Gedanken. Wörter machen sich manchmal - und gar nicht mal selten - selbständig. Sie verändern sich und drehen ihren Sinn sogar ins Gegenteil. Du bist voll des Wissens über die frühere, die "eigentliche" Bedeutung von Dirne, nämlich "junge, unverheiratete Frauensperson". Wenn du nun eine Frau, besser: ein Fräulein (eigentlich ja eine unverheiratete weibliche Person von Stande) anbaggerst und sie "Dirne" nennst, weil sie ja Germanistin ist und nicht von Stande, dann mußt du damit rechnen, daß dir die Germanistin - ja, selbst die Germanistin! - eine scheuert. Ihr Wissen um die Geschichte des Wortes "Dirne", ihre Kenntnis des Liedes vom spannenlangen Hansel und der nudeldicken Dirn wird diese wahrscheinlich nicht daran hindern, sich brüskiert zu fühlen, wenn sie heute als Dirne bezeichnet wird. Ich gebe dir insofern recht, als ich auch finde, daß man gegen einen unguten Sprachwandel kämpfen sollte, solange es nur geht. Ich selbst bin militanter Neger-, Zigeuner- und Eskimosager, weil ich an diesen Begriffen absolut nichts Abwertendes finden kann, weil ich im Gegenteil die verschwiemelten Wortneubildungen für diskriminierend halte. Aber, klar, eines Tages wird (wahrscheinlich) die Schlacht verloren sein... Ciao Wolfram |
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Gute Antwort. Zusammenfassend kann man sagen, dass wir uns im Grunde einig sind.
Michael |
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@Michael Neu
Zusammenfassend kann man sagen, dass wir uns im Grunde einig sind. So sieht's aus. Manchmal nützt es halt doch was, wenn man miteinander redet. :o) Ciao Wolfram |
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Sehr schön, richtig so! Epikur war weder ein dümmlicher Hedonist noch plumper Utilitarist!
LG Peppino |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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