Es geht ja nicht nur ums Stricken. Wobei für mich die Frage noch offen ist, ob Stricken nicht doch der weiblichen Selbstverdummung dient. Beim Stricken müssen Frauen sich konzentrieren, aufs Maschenzählen zum Beispiel. (Ich weiß das, ich stricke auch manchmal.) In der Zeit könnten wir gut über ganz andere Dinge nachdenken. Wer weiß, was dabei alles rauskommen würde. Aber: Stricken, und wie darüber geredet wird, ist eben nur ein Beispiel. Für die ewige Wiederherstellung von Geschlechterklischees im Alltag. Mein Vater fragt mich, wann ich ihm mal wieder Socken stricke. Nie im Leben würde er meinen Bruder das fragen. Der strickt ja auch nicht. Genausowenig wie mein Vater selbst. Frauen stricken für Männer. Als Liebesbeweis. Umgekehrt eher nicht. Beim Kochen hat sich da ja was geändert. Kochen ist jetzt auch Männersache, es gibt auch schon die einschlägigen, extrem männlichen Zeitschriften dazu. Kochen ist wild und stark, kreativ und mutig. Ein Abenteuer. Einwandfrei männlich also. (Sind Strick-Zeitschriften für Männer denkbar? Schwer.) Worauf ich hinaus will: die altbekannte, vertraute Geschlechterordnung muss anscheinend immer wieder geradegezogen werden. Es muss immer wieder eingeübt werden: manche Eigenschaften sind weiblich, manche männlich. Schon immer. Von Natur aus. Gottgewollt oder von den Genen determiniert. Trotzdem kann es eben nicht schaden, sich das immer wieder einzubimsen und aufzusagen, damit es da ja kein Durcheinander gibt. An diesen Zuschreibungen darf sich nichts ändern. Sonst? Keine Ahnung. Auf jeden Fall macht das irgendwie Angst. Deshalb spielen wir alle im Alltag immer wieder diese Spielchen, reinszenieren unsere Geschlechtsrollen täglich neu, Männer, aber eben auch Frauen, zum Teil wider besseres Wissen.
Ein anderes Beispiel: Ich komme aus dem Fahrstuhl und gehe nach links Richtung Büro, überlege es mir aber unterwegs anders und laufe ein Stück zurück, um etwas aus dem Druckerraum zu holen. Ein Kollege beobachtet das. Und freut sich: Ist das nicht toll? Immer dasselbe mit euch Frauen. Kein Orientierungssinn, null. Ist doch so, oder? Gibs schon zu. Ist eben so. Kann man nichts machen. Ich lächle verlegen. Womöglich sogar zustimmend. Soll ich ihm jetzt den Spaß verderben und erklären, dass ich mir es einfach anders überlegt habe? Dass er sich seine blöden Vorurteile sonst so hin stecken soll? Nein, erstens will ich ja nicht humorlos und verbittert rüberkommen. Will ja eine gute Stimmung bei der Arbeit, keinen Krieg. Zweitens, viel schlimmer, gibt es tief in mir drin tatsächlich einen Zweifel an meinem Orientierungssinn - obwohl ich mich in Wirklichkeit ohne Probleme zurechtfinde. Aber die Klischees, sie stecken eben tief drin. Also lasse ich den Kollegen im Glauben, dass wir beide da wieder ein wunderbares Beispiel für die liebenswerten kleinen Schwächen des weiblichen Geschlechts erlebt haben. Und so gehts weiter, Tag für Tag, überall, in jedem Büro, jeder Schule, in jeder Familie. Vom Fernsehprogramm und Hollywoodfilmen mal gar nicht zu reden. Alle stricken (!) darn mit, die Ordnung der Geschlechter zu erhalten, all die kleinen Maschen ergeben immer wieder dasselbe Muster.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen