virginia

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30.12.2011 | 20:21

Stricken!?

Aus gegebenem Anlass. Weihnachten. Familientreffen. Immer eine hervorragende Gelegenheit, alte Rollenmuster wieder aufzufrischen. Mein Vater fängt an: Guck mal, was für schöne Socken deine Schwester mir gestrickt hat. Ich: Mpf. Er: Die alten von dir habe ich ja auch noch. Sind aber schon ganz schön löcherig. Ich: Mpf. Mein Liebster: Mir hast du noch nie Socken gestrickt. Ich: Du kannst von mir aus die roten haben, die ich mir gerade zu stricken versuche. Vom anderen Ende des Tisches kommt die Stimme von Karl-Heinz, Lebensgefährte der Tante meiner Schwägerin: Socken stricken? Ist doch ganz einfach. Habe ich früher immer gemacht. Jetzt nicht mehr. - Schweigen. Die altbewährte familäre Genderperformance im vollen Lauf gestoppt. Die Ordnung wackelt. Der Mann kann stricken. Macht er aber nicht mehr. Interessiert ihn nicht weiter. Wieso auch? Wieso stricke ich eigentlich? Habe ich nichts Interessanteres zu tun? Wieso stricken soviele Frauen wieder? Socken, Schals, Mützen, putzige Tierchen, Überzüge für Poller und Straßenschilder. Was soll das? Und was hat das alles mit der Geschlechterordnung zu tun? Wir nehmen das alle nicht ganz ernst, nichtmal mein Vater. Und trotzdem. Es befestigt die alten Spuren immer mal wieder neu. Und ich mache mit, wider besseres Wissen. Karl-Heinz nicht. Cool.

 
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Kommentare
miauxx schrieb am 30.12.2011 um 21:04
Auch mein Uropa hat gestrickt; es gab Zeiten, da war das ganz, tja ... normal!
Gerade in Zeiten, wo es ständig um's 'Gendern' geht, ist man in Sachen Geschlechterrollen wohl so unentspannt wie eh' und je.
Magda schrieb am 30.12.2011 um 21:17
Das war doch schon bei den Grünen Pflicht - die strickten doch alle aus Protest. Die Stricker der ersten Stunde waren Grüne . Und da stand die Geschlechterfrage auch nicht, sondern die Art der Wolle. Die musste ökologisch einwandfrei sein.
Streifzug schrieb am 30.12.2011 um 21:22
Vor vielen, vielen, vielen Jahren schaute ich meiner Oma oft wie gebannt beim Stricken zu. Sie, eine lebenslustige, selbstbewußte Frau, strickte mit einer Eleganz, Leichtigkeit und Geschwindigkeit, dass das jeweilge Objekt von alleine zu wachsen schien.

Heutzutage, vor der Glotze, wissen manche nicht, wohin mit ihren fahrigen Händen, also greifen sie fortlaufend in Chipstüten bis diese leer sind, drücken auf Fernbedienungen rum, fuchteln beim Reden mit den Händen in der Luft oder bohren in der Nase.

Wer stricken kann und Spaß daran hat, beherrscht nicht nur ein Handwerk.
Achtermann schrieb am 31.12.2011 um 10:02
Hab' mich gestern mit einer Strickexpertin unterhalten. Sie sagt, Stricken erlebe einen Boom. Neueste Mode sei heute dran. Das Altbackene, wie graue oder braune Socken für Weihnachten, sei vorbei. Im Internet habe man beste Möglichkeiten, sich Muster und Strickanleitungen herunterzuladen.

Sie verwies mich auf das Beispiel Magdalena Neumann. Hier ein Interviewschnippsel mit der Strickerin. Sie ist nicht irgendeine, sondern eine führende Skisportlerin:

Wie finden Sie, bei allen sportlichen Aktivitäten, Zeit fürs Stricken? Zu welchen Anlässen stricken Sie?

Zum Stricken komme ich meistens nur in den langen Trainingslagern im Herbst. Zu dieser Zeit ist es in Skandinavien schon sehr früh dunkel. Wenn dann noch im Ofen das Feuer prasselt - das ist die richtige Stimmung um zu Stricken.

Stricken Sie allein für sich oder haben Sie Freundinnen, mit denen Sie gemeinsam stricken? Haben Sie Sportkolleginnen/Freundinnen, die Ihr Hobby teilen? Welche prominenten Strickerinnen kennen Sie?

Bis vor kurzem hat bei uns fast die ganze Mannschaft gestrickt - Uschi Disl, Katrin Apel, Kathrin Hitzer und Kati Wilhelm. In diesem Jahr sind wir ja eine richtig junge Truppe. Mal schauen, wer nach dem Generationswechsel noch mitmacht. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass wir im Trainingslager dann doch wieder alle mit dem Strickzeug um den Tisch sitzen.

Was gibt Ihnen das Stricken? (Entspannung – bis zum Flow, totales Abschalten, Erfolgserlebnis für gelungenes Ergebnis, ...). Stricken ist ein sinnliches Erlebnis, gehört es zu Ihrer Naturverbundenheit dazu?

Beim Stricken kann man wirklich sehr gut Abschalten und einfach mal die Zeit vergessen. Ich brauche immer mehrere Beschäftigungen gleichzeitig, daher stricke ich auch gerne beim Fernsehen. Einfach nur da sitzen ist mir zu langweilig.

Spornt Sie beim Stricken das Ziel an, also das fertige Stück, oder fasziniert Sie das Stricken an sich?

Mich motiviert das fertige Stück. Ich weiß wie es aussehen soll und ich freue mich einfach, wenn ich nach vielen Strickstunden mein Werk in der Hand halte.



Magdalena Neuner

www.magdalena-strickt.de/
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